Internationales und europäisches Umfeld Monatsbericht – August 2026

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1 Trotz vielfältiger Belastungen hielt sich die Weltwirtschaft recht gut

Die Weltwirtschaft zeigte sich im Frühjahr 2026 weiterhin widerstandsfähig. In den Vereinigten Staaten setzte sich die gesamtwirtschaftliche Expansion im zweiten Vierteljahr in ähnlichem Tempo fort wie zuvor. Im Euroraum verstärkte sich das Wachstum, nachdem es im ersten Quartal durch den kräftigen BIP‑Rückgang in Irland gedämpft worden war. Ohne Irland gerechnet stieg die Wirtschaftsleistung im Euroraum erneut moderat an. In China verlangsamte sich das BIP‑Wachstum im zweiten Quartal zwar merklich, die zugrunde liegende wirtschaftliche Dynamik dürfte sich vor dem Hintergrund des anhaltenden Exportbooms aber besser gehalten haben. Insgesamt behauptete sich die Weltwirtschaft bislang recht gut gegenüber den Belastungen durch höhere Energiepreise sowie anhaltende handels- und geopolitische Spannungen.

Die vom Konflikt im Nahen Osten ausgehenden Belastungen für Industrieproduktion und Welthandel blieben bislang regional begrenzt. Zwar sank die industrielle Erzeugung in den ölexportierenden Volkswirtschaften der Golfregion infolge der militärischen Auseinandersetzungen kräftig, in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften nahmen Industrieproduktion und Warenausfuhren dagegen weiter zu. Gestützt wurden sie vor allem durch die anhaltend lebhafte globale Investitionsnachfrage im Zusammenhang mit Hochtechnologie- und KI‑Anwendungen. Zudem dürfte ein vorsorglicher Lageraufbau in Erwartung möglicher Lieferkettenstörungen aufgrund der Blockade der Straße von Hormus die industrielle Aktivität und den Welthandel zeitweise unterstützt haben. Die jüngsten Stimmungsindikatoren deuten an, dass die Konjunktur in den Industrieländern bis zuletzt robust warDie geopolitische Lage in der Golfregion bleibt allerdings stark angespannt. Eine längere Dauer oder eine Ausweitung des Konflikts stellen erhebliche Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft dar.

Globale Konjunkturindikatoren
Globale Konjunkturindikatoren

Die Preise für Energierohstoffe blieben zuletzt angesichts der volatilen geopolitischen Lage deutlich erhöht. Nach der Verständigung auf ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran und der vorübergehenden Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus sanken die Ölnotierungen im Juni kräftig. Im Juli zogen sie infolge neuer militärischer Angriffe und der erneuten Blockade der Straße von Hormus jedoch wieder an. Rohöl der Sorte Brent kostete zuletzt 92 US-$ je Fass und damit rund 29 % mehr als vor Kriegsbeginn. Bis zum Jahresende lassen die Terminnotierungen leicht fallende Preise erwarten. Die Aufwärtsrisiken bleiben angesichts verminderter globaler Lagerbestände und möglicher weiterer Lieferausfälle infolge einer regionalen Ausweitung des Konflikts jedoch beträchtlich. Das gilt insbesondere für die Preise vieler Mineralölprodukte. Das globale Angebot für diese Erzeugnisse verknappte sich in den letzten Monaten wegen kriegsbedingter Produktionsausfälle russischer Raffinerien zusätzlich. Entsprechend übertrafen die Preise für Kerosin, Heizöl, Benzin und Diesel in vielen Regionen ihre Vorkrisenstände weiterhin deutlich. Der europäische Gaspreis TTF zog ebenfalls wieder stärker an und lag zuletzt mit 62 € je Megawattstunde rund doppelt so hoch wie zu Kriegsbeginn. Ausschlaggebend hierfür waren vor allem längerfristige Schäden an Produktionsanlagen sowie niedrige europäische Speicherstände. 

Rohstoffpreise
Rohstoffpreise

Nach wie vor erhöhten die Energiepreise die Teuerung in den Industrieländern. Die Vorjahresrate der Verbraucherpreise belief sich im Juli auf 3,1 %. Zwischenzeitlich war sie im Mai auf 3,7 % gestiegen, nach 3,3 % im April. Die ohne Energie und Nahrungsmittel gerechnete Rate lag im Juli bei 2,4 % und damit geringfügig unter ihrem Stand vom April. Sollten die Energierohstoffpreise länger erhöht bleiben, dürften Unternehmen die damit verbundenen Kosten verstärkt auf die Verbraucher überwälzen. Daneben treibt der globale Investitionsboom im Bereich der künstlichen Intelligenz zunehmend die Preise einzelner Güter. Nicht nur Vorprodukte wie Halbleiter und Speichermodule, sondern auch Computer sowie Software und Zubehör verteuerten sich zuletzt deutlich. Wegen ihres geringen Gewichts in den Warenkörben dürften sie nur begrenzt zur Teuerung auf der Verbraucherstufe beitragen, gleichwohl könnten sie den zugrunde liegenden Kosten- und Preisauftrieb zusätzlich verstärken.

Verbraucherpreise in Industrieländern
Verbraucherpreise in Industrieländern

In seinem turnusgemäßen Juli-Update des World Economic Outlook ließ der Stab des IWF seine globale Wachstumsprognose gegenüber April weitgehend unverändert. Für 2026 senkte er sie um 0,1 Prozentpunkte auf 3,0 %, für 2027 hob er sie um 0,2 Prozentpunkte auf 3,4 % an. Die Belastungen durch den Konflikt im Nahen Osten würden dem IWF zufolge teilweise durch die kräftige Investitions- und Exportdynamik im Hochtechnologiebereich ausgeglichen. Zugleich hob der IWF seine Inflationsprognose für die Gruppe der fortgeschrittenen Volkswirtschaften für 2026 und 2027 um jeweils 0,2 Prozentpunkte auf 3,0 % und 2,4 % an. Die Risiken für den globalen konjunkturellen Ausblick seien zwar ausgewogener als noch im April, blieben aber abwärtsgerichtet. Insbesondere eine erneute Eskalation im Nahen Osten, zunehmende Handelskonflikte oder eine Korrektur der hohen Erwartungen an Produktivitätsgewinne und Erträge durch künstliche Intelligenz könnten die Weltwirtschaft belasten.

1.1 Wachstumsdelle in China

Die chinesische Konjunktur verlor im zweiten Quartal 2026 deutlich an Schwung. Mit einem Anstieg von 4,3 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnete China das geringste Wirtschaftswachstum seit der Coronavirus-Pandemie. Die Abschwächung war breit angelegt und ging mit geringeren Wachstumsraten bei der Industrieproduktion, den Einzelhandelsumsätzen und im Dienstleistungssektor einher. Einen deutlichen Rückgang gab es bei den Anlageinvestitionen. Die Immobilienmarktkrise setzte sich fort. Nachdem sich der Preisauftrieb auf der Verbraucherstufe infolge des Irankriegs über einige Monate etwas verstärkt hatte, ging die Vorjahresrate des Verbraucherpreisindex im Juli wieder deutlich auf 0,5 % zurück. Die ohne Energie und Nahrungsmittel gerechnete Kernrate sank ebenfalls leicht auf 0,9 %.

Inländische Nachfrage und Außenhandel liefen weiter auseinander. Die chinesischen Warenexporte stiegen dem Wert nach erneut stark an. Im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum gab es auf US‑Dollar-Basis ein Plus von gut 20 %. Sektoral betrachtet nahmen die Ausfuhren insbesondere bei Elektronikartikeln, integrierten Schaltkreisen und Kraftfahrzeugen kräftig zu. Vor allem die erheblichen Preissteigerungen bei einigen KI‑Gütern waren ein wesentlicher Treiber des Handelswachstums. Die Exporte dürften auch weiterhin eine Stütze der chinesischen Konjunktur bleiben. Zugleich kündigte die chinesische Regierung Maßnahmen zur Stärkung des privaten Verbrauchs an. 1 Ob diese eine größere Wirkung auf den Abbau von Ungleichgewichten erreichen als bisherige Initiativen bleibt abzuwarten.

Reales BIP in ausgewählten großen Schwellenländern
Reales BIP in ausgewählten großen Schwellenländern

1.2 Gedämpfte konjunkturelle Entwicklung in anderen großen Schwellenländern

Indiens Wirtschaft sieht sich zunehmend Gegenwind ausgesetzt. Im ersten Quartal 2026 war das reale BIP trotz der hohen Abhängigkeit von Energie- und Düngemittellieferungen aus der Golfregion noch um 7,8 % gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die Versorgungsengpässe im Energiebereich konnten zwar durch eine Ausweitung der heimischen Strom- und Erdgasproduktion gemildert werden, ungewöhnlich geringe Niederschläge zu Beginn der Monsunsaison belasteten aber im zweiten Vierteljahr die Landwirtschaft. Der Anstieg der Verbraucherpreise verstärkte sich im zweiten Vierteljahr um 0,8 Prozentpunkte auf 3,9 %. Hierzu trugen vor allem merklich steigende Preise für Nahrungs- und Genussmittel bei. Im Juli lag die Teuerungsrate bei 4,5 %. Die Zentralbank beließ den Leitzins gleichwohl bei 5,25 %.

In Brasilien blieb das Wachstum ohne klare Impulse. Im ersten Quartal 2026 war das BIP‑Wachstum gegenüber dem Vorjahr mit 1,8 % ähnlich stark wie zuvor. Getragen wurde es vor allem von den gestiegenen globalen Energiepreisen, von denen Brasilien als Netto-Energieexporteur profitierte. Im zweiten Quartal dürfte sich diese Entwicklung fortgesetzt haben. Belastend könnten sich im weiteren Jahresverlauf die zusätzlichen Zölle der USA für Einfuhren aus Brasilien auswirken. Allerdings hatte Brasilien schon im vergangenen Jahr seine Handelsbeziehungen diversifiziert und insbesondere den Handel mit China verstärkt. Die Teuerungsrate auf der Verbraucherstufe stieg im zweiten Quartal um 0,5 Prozentpunkte auf 4,6 % und lag im Juli bei 4,4 %. Damit lag sie am oberen Rand des Zielkorridors der Zentralbank. Diese senkte im Juni und August den Leitzins dennoch um jeweils 25 Basispunkte auf nun 14 %.

In Russland zog die konjunkturelle Entwicklung überraschend stark an. Nach vorläufigen Angaben des nationalen Statistikamts stieg das BIP im zweiten Quartal 2026 um 1,3 % gegenüber dem Vorjahr, nachdem es im Vorquartal um 0,2 % gesunken war. Die russische Wirtschaft dürfte von den höheren Energiepreisen profitiert haben, gleichzeitig beeinträchtigten anhaltende ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien die inländische Herstellung von Kraftstoffen. Ausschlaggebend für den BIP‑Zuwachs war aber wohl ein deutlicher Anstieg des privaten Verbrauchs, zu dem Käufe von Personenkraftwagen einen spürbaren Beitrag leisteten. Weiterhin hohe Realzinsen dürften sich hingegen investitionshemmend ausgewirkt haben. Die Lage des Staatshaushalts verschlechterte sich angesichts der hohen Militärausgaben weiter. Die Verbraucherpreisinflation änderte sich in den vergangenen Monaten trotz höherer Treibstoffpreise kaum und lag im Juli den Angaben des Statistikamts zufolge bei 6 %. Die Zentralbank setzte ihren geldpolitischen Lockerungskurs fort und senkte den Leitzins auf 14 %.

1.3 US‑Konjunktur weiterhin robust, Preisauftrieb bleibt erhöht

Die US‑Wirtschaft war auch im Frühjahr in guter Verfassung. Das reale BIP stieg gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um 0,4 %. Noch lebhafter expandierte die private inländische Endnachfrage. US‑Unternehmen weiteten ihre Ausrüstungsinvestitionen erneut kräftig aus. Dabei gewann der Aufschwung außerhalb des Hochtechnologiesegments an Breite. Die privaten Haushalte erhöhten ihre Ausgaben ebenfalls deutlich. Hierzu dürften fiskalische Entlastungen infolge der Steuerreform des Vorjahres beigetragen haben. Sie halfen, die Kaufkraftverluste durch die höheren Energiepreise zu verkraften. Zugleich steigerten die Vereinigten Staaten ihre Energieexporte erheblich. Dies ging jedoch mit einem deutlichen Abbau der Lagerbestände einher. Die Einfuhren waren erneut lebhaft.

Eine Wachstumsverlangsamung zeichnet sich in den USA bislang nicht ab, und der zugrunde liegende Preisauftrieb ist weiterhin hoch. Im Juli hellte sich die Stimmung in Unternehmensumfragen weiter auf, während sich das Beschäftigungswachstum deutlich abschwächte. Die Schwäche am Arbeitsmarkt dürfte dabei auch auf das begrenzte Arbeitskräfteangebot zurückzuführen sein und steht daher nicht zwingend im Widerspruch zu einer weiterhin robusten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Der zugrunde liegende Preisdruck dürfte daher erhöht bleiben. Entlastungen der Verbraucher durch die Zollpolitik deuten sich ebenfalls nicht an. 2 Die jüngsten handelspolitischen Maßnahmen veränderten den effektiven Durchschnittszollsatz kaum. Noch laufende Untersuchungen könnten ihn sogar weiter steigen lassen. 3 Zuletzt verstärkte auch der anhaltende KI‑Boom den Preisauftrieb. Für die Verbraucher zeigte sich dies bislang vor allem in teils stark steigenden Preisen für Computerzubehör und andere ausgewählte Hochtechnologieprodukte. Höhere Kosten auf vorgelagerten Produktionsstufen sprechen dafür, dass die Preise künftig auch in weiteren Bereichen verstärkt steigen könnten. Trotz eines Rückgangs im Juli lagen die Energiepreise noch knapp 15 % über ihrem Vorjahresniveau. Die Vorjahresrate des Verbraucherpreisindex blieb daher im Juli mit 3,4 % erhöht. Ohne Energie und Nahrungsmittel sank sie leicht auf 2,5 %. Trotz des hohen Preisauftriebs sah die US‑Notenbank bislang von Zinserhöhungen ab. Auch im Juli beließ sie die Zielspanne für ihre Leitzinsen bei 3,5 % bis 3,75 %.

Reales BIP in großen Industrieländern außerhalb des Euroraums
Reales BIP in großen Industrieländern außerhalb des Euroraums

1.4 Japanische Wirtschaft trotzt dem Energiepreisanstieg

Die japanische Wirtschaftsleistung setzte ihre moderate Erholung im Frühjahr fort. Laut der ersten Schätzung stieg das BIP im zweiten Vierteljahr preis- und saisonbereinigt um 0,% gegenüber dem Vorquartal. Rechnerisch maßgeblich hierfür war der Außenhandel. Während die Ausfuhren moderat zulegten, gingen die Einfuhren deutlich zurück. Die private Binnennachfrage blieb dagegen schwach. Der private Konsum stagnierte, und die gewerblichen Anlageinvestitionen gingen erneut zurück. Der Staatskonsum nahm zwar kräftig zu, gleichzeitig wurden in erheblichem Umfang staatliche Rohölvorräte abgebaut. Am japanischen Arbeitsmarkt blieb die Lage angespannt. Die Arbeitslosenquote sank bis Juni auf 2,%, und die Löhne stiegen weiterhin kräftig. Der Verbraucherpreisauftrieb verstärkte sich im zweiten Vierteljahr nur moderat. Die Vorjahresrate der Verbraucherpreise erhöhte sich von 1,4 % im April auf 1,% im Juni, die Kernrate ohne Nahrungsmittel und Energie zog im Juni leicht auf 1,2 % anDämpfend wirkten dabei staatliche Maßnahmen zur Abfederung der höheren Energiekosten. Vor dem Hintergrund gestiegener Inflationserwartungen und des anhaltend kräftigen Lohnwachstums hob die Bank of Japan ihren Leitzins im Juni auf 1,0 % an. Im Juli verwies sie zudem verstärkt auf die Aufwärtsrisiken für die Inflation. 

1.5 Konjunktur im Vereinigten Königreich weiterhin aufwärtsgerichtet

Im Vereinigten Königreich setzte sich die konjunkturelle Aufwärtsbewegung fort. Das reale BIP stieg im zweiten Vierteljahr saisonbereinigt um 0,4 % gegenüber der Vorperiode, nachdem es zu Jahresbeginn sogar noch kräftiger expandiert hatte. Deutliche Wachstumsimpulse kamen vor allem aus dem Verarbeitenden Gewerbe, aber auch der volkswirtschaftlich bedeutende Dienstleistungssektor sowie die Bauwirtschaft expandierten spürbarDer Arbeitsmarkt profitierte von der günstigen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bislang kaum. Die Beschäftigung blieb weitgehend stabilund die Erwerbslosenquote verharrte bei 4,9 %. Das Lohnwachstum schwächte sich zuletzt nicht weiter ab. Der Verbraucherpreisauftrieb ließ im Juni zwar nach, und die Vorjahresrate des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) sank auf 2,6 %, der zugrunde liegende Preisdruck blieb jedoch erhöht. Zudem dürften die Anhebung der staatlichen Energiepreisobergrenze und indirekte preissteigernde Effekte des Energiepreisschocks den Preisdruck im Sommer wieder verstärken. Vor diesem Hintergrund beließ die Bank of England ihren Leitzins seit Ende des letzten Jahres bei 3,75 %.

1.6 Erneuter Anstieg der Wirtschaftsleistung in Polen

In Polen zog das Wirtschaftswachstum im zweiten Vierteljahr 2026 wieder an. Das reale BIP stieg vorläufigen Angaben zufolge im Vorquartalsvergleich um 0,9 %, nach 0,6 % im ersten Vierteljahr. Die Bauproduktion erholte sich von dem zumeist witterungsbedingten Rückgang zu Jahresbeginn und stieg im zweiten Vierteljahr kräftig. Dazu trug auch die Verwendung von Mitteln der Aufbau- und Resilienzfazilität der EU bei. Die industrielle Erzeugung stieg im zweiten Vierteljahr merklich an. Auch der Dienstleistungssektor hielt sich gut. Aufgrund des anhaltend robusten Wachstums erzielte Polen weitere Konvergenzfortschritte (Exkurs „Konvergenz der EU‑Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa schreitet mit verringertem Tempo voran“). Der private Verbrauch dürfte im zweiten Vierteljahr schwach geblieben sein. Hierauf deuten die leicht gesunkenen Einzelhandelsumsätze hin. Hierzu dürfte die Eintrübung der realen Einkommensentwicklung beigetragen haben. Die Bruttolöhne im Unternehmenssektor stiegen mit 5,8 % im Vorjahresvergleich etwas weniger stark als zuvor. Die Teuerung auf der Verbraucherstufe verstärkte sich im zweiten Vierteljahr trotz zwischenzeitlich weitreichender staatlicher Entlastungsmaßnahmen auf 3,2 % im zweiten Quartal. Im Juli lag der Preisauftrieb bei 3,1 %. Die polnische Notenbank ließ den Zinssatz unverändert bei 3,75 %.

Exkurs

Konvergenz der EU‑Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa schreitet mit verringertem Tempo voran

In den mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten 1 gewann die wirtschaftliche Erholung im Jahr 2025 leicht an Schwung. Die Angleichung an den EU‑Durchschnitt setzte sich fort, wenngleich sich ihr Tempo seit der Corona-Pandemie verringerte. Getragen wurde das Wirtschaftswachstum der mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten im letzten Jahr vor allem durch die robuste Inlandsnachfrage. Insbesondere die Bruttoanlageinvestitionen expandierten kräftig, nachdem diese 2024 noch gesunken waren. Maßgeblich hierfür waren günstigere Finanzierungsbedingungen sowie der Einsatz von Fördermitteln aus EU‑Fonds und dem Aufbauinstrument NextGenerationEU (NGEU). Die Ausrüstungsinvestitionen stiegen kräftig, die Bauinvestitionen moderat. Etwas weniger kraftvoll als 2024 entwickelte sich der private Verbrauch, vor allem wegen der höheren Inflation und der stagnierenden Beschäftigung. Auch der Staatsverbrauch stieg weniger kräftig. Der Außenhandel belebte sich deutlich. Bei einer anziehenden Nachfrage aus dem Euroraum stiegen die Ausfuhren von Gütern und Dienstleistungen deutlich an. Noch kräftiger legten die Einfuhren zu. Insgesamt wuchs das reale BIP in den mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten im Jahr 2025 um 2,4 %, verglichen mit 2,0 % im Jahr zuvor und 1,5 % in der EU insgesamt. Damit setzte sich die reale Konvergenz dieser Ländergruppe fort, wenngleich mit geringerer Geschwindigkeit als in der Zeit vor der Corona-Pandemie.

Wirtschaftsentwicklung, Arbeitslosigkeit und Verbraucherpreise in den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsländern
Wirtschaftsentwicklung, Arbeitslosigkeit und Verbraucherpreise in den mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsländern

In regionaler Betrachtung war die anziehende Konjunktur in Polen und in Tschechienfür die Wachstumsverstärkung maßgeblich. In Polen zog das bereits zuvor robuste Wachstum weiter an, getragen von der Inlandsnachfrage. Besonders kräftig stiegen die Ausrüstungsinvestitionen. In Tschechien verstärkte sich das Wachstum ebenfalls deutlich, getrieben von gestiegenen Anlageinvestitionen und dem privaten Verbrauch. In Lettland nahm die gesamtwirtschaftliche Aktivität wieder moderat zu. In Estland verzeichnete das reale BIP erstmals seit Beginn des Krieges in der Ukraine einen kleinen Zuwachs. In Bulgarien und Kroatien wuchs die Wirtschaftsleistung auf breiter Basis ähnlich kräftig wie im Jahr 2024. Auch Litauen hielt das Wachstumstempo des Vorjahres in etwa. In anderen Ländern schwächte sich das Wachstum ab. In Slowenien und der Slowakei nahmen der private und öffentliche Konsum spürbar weniger stark zu als 2024. Auch in Rumänien und Ungarn lag die Wirtschaftsleistung nur wenig über dem Vorjahresstand. In Rumänien belastete die Haushaltskonsolidierung die Konjunktur. In Ungarn dämpften die weiterhin stark rückläufigen Anlageinvestitionen das Wachstum. 2

Tabelle 1.1: Wirtschaftsentwicklung, Arbeitslosigkeit und Verbraucherpreise in den mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedsländern
in %
 BIP‑WachstumArbeitslosenquote1)Inflationsrate
202420252024202520242025
Durchschnitt EU‑11

2,0

2,4

4,1

4,2

3,8

4,1

Euroländer
Bulgarien

3,2

3,2

4,2

3,5

2,6

3,5

Estland

–⁠ 0,1

0,6

7,6

7,5

3,7

4,8

Kroatien

3,8

3,4

5,1

4,9

4,0

4,4

Lettland

–⁠ 0,3

2,1

6,9

6,9

1,3

3,8

Litauen

3,0

2,9

7,1

6,8

0,9

3,4

Slowakei

1,9

0,8

5,3

5,4

3,2

4,2

Slowenien

1,7

0,9

3,7

3,9

2,0

2,5

Nicht-Euroländer
Polen

3,1

3,6

2,9

3,1

3,7

3,3

Rumänien

0,9

0,7

5,5

6,1

5,8

6,8

Tschechien

1,2

2,7

2,8

2,9

2,7

2,3

Ungarn

0,7

0,4

4,4

4,4

3,7

4,4

Quelle: Eurostat und eigene Berechnungen. ILO‑Konzept, saisonbereinigt.

An den Arbeitsmärkten wirkte die konjunkturelle Schwäche des Vorjahres nach. Die Arbeitslosenquote stieg leicht auf 4,2 %, blieb damit aber auf einem niedrigen Stand. Die Zahl der Erwerbstätigen nahm im Jahresdurchschnitt nicht weiter zu. Erst in der zweiten Jahreshälfte verstärkte sich in einigen Ländern die Arbeitsnachfrage im Einklang mit der schwungvolleren Konjunktur, darunter in Polen, Tschechien und Lettland. Vergleichsweise hohe Arbeitslosenquoten gab es weiterhin in Rumänien, der Slowakei und den baltischen Ländern.

Der zuvor sehr starke Lohnanstieg schwächte sich ab. Der Anstieg der Arbeitnehmerentgelte je abhängig Beschäftigten verringerte sich 2025 auf 8,1 % gegenüber dem Vorjahr, nach 12,0 % im Jahr 2024. Insbesondere in den Ländern außerhalb des Euroraums ließ das Lohnwachstum nach. In den mittel- und osteuropäischen Ländern des Euroraums setzte sich der Lohnanstieg hingegen nahezu unverändert fort. Das weiterhin sehr kräftige Lohnwachstum steht im Zusammenhang mit der teils angespannten Arbeitsmarktlage. Da die Löhne in vielen Ländern deutlich stärker stiegen als die Arbeitsproduktivität, erhöhten sich die Lohnstückkosten merklich. Dies könnte die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der mittel- und osteuropäischen EU‑Länder beeinträchtigen.

In den mittel- und osteuropäischen EU‑Ländern blieb der Preisauftrieb 2025 über dem Euroraum-Durchschnitt. Der Anstieg der Verbraucherpreise verstärkte sich 2025 in diesem Länderkreis auf 4,1 %, nach 3,8 % im Vorjahr. In den Mitgliedstaaten des Euroraums dieser Region nahm der Preisauftrieb gegenüber dem Vorjahr zu. In den übrigen Ländern verlief die Entwicklung uneinheitlich. In Polen und Tschechien ließ der Preisauftrieb angesichts einer Aufwertung der heimischen Währung leicht nach. In Ungarn und Rumänien verstärkte sich der Preisauftrieb hingegen. Die anziehenden Verbraucherpreise gingen teilweise auf stark steigende Nahrungsmittelpreise zurück. Ohne Nahrungsmittel und Energie gerechnet verringerte sich die Inflationsrate in der betrachteten Ländergruppe 2025 auf 3,9 %, nach 4,8 % im Jahr 2024. 

In der ersten Jahreshälfte 2026 verstärkte sich der Preisauftrieb merklich. Maßgeblich hierfür waren anziehende Energiepreise aufgrund des Anstiegs der Rohölpreise im Zuge der Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. In dem betrachteten Länderkreis zog die Inflationsrate merklich auf 4,7 % im April und Mai an. Nach dem Rückgang des Rohölpreises sank sie leicht auf 4,0 % im Juli. Die Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) verstärkte sich seit Februar um 0,6 Prozentpunkte auf 4,2 % im Juli. In Bulgarien trug zudem die Umstellung der Preise auf Euro im Zuge der Euro-Einführung zum 1. Januar 2026 zur Teuerung bei. Hieraus resultierte wohl ein kurzfristiger Inflationseffekt von 0,3 bis 0,4 Prozentpunkten. 3

Die Zentralbanken der mittel- und osteuropäischen EU‑Länder außerhalb des Euroraums setzten den im Jahr 2023 begonnenen Zinssenkungszyklus zunächst fort. Maßgeblich hierfür waren insbesondere die im Jahresverlauf wieder niedrigeren Inflationsraten. Die polnische Nationalbank senkte den Leitzins ab Mai 2025 in sechs Schritten um insgesamt 175 Basispunkte auf 4,0 % im Dezember. Im März 2026 folgte eine weitere Zinssenkung auf 3,75 %. Die tschechische Notenbank senkte den Leitzins 2025 in zwei Schritten um insgesamt 50 Basispunkte auf 3,5 %. Angesichts einer anhaltend erhöhten Kerninflation und der Erwartung steigender Gesamtraten hob sie ihn im Juni 2026 wieder auf 3,75 % an. Die ungarische Notenbank hielt den Leitzins 2025 bei 6,5 %. Angesichts der deutlich gesunkenen Inflation senkte sie ihn 2026 in drei Schritten um jeweils 25 Basispunkte auf 5,75 %. Die rumänische Notenbank beließ den Leitzins 2025 vor dem Hintergrund des seit Mitte des Jahres wieder verstärkten Preisauftriebs bei 6,5 %. Auch 2026 erfolgten keine Zinsschritte. 

Die Lage der öffentlichen Finanzen verschlechterte sich in den meisten Ländern spürbar. Ungarn hatte im Jahr 2025 mit 75 % die mit Abstand höchste Staatsschuldenquote. In Slowenien und der Slowakei überschritt die Verschuldung 2025 die 60 %-Marke der europäischen Fiskalregeln, während die Schuldenquote in Estland und Bulgarien 2025 unter 30 % lag. In fast allen Ländern dürften die Schuldenquoten 2026 weiter steigen. Es wird erwartet, dass auch Rumänien und Polen den Referenzwert 2026 überschreiten werden. Hinter der ungünstigen Schuldendynamik stehen anhaltend hohe fiskalische Defizite. Rumänien und Polen hatten 2025 Defizitquoten von über 7 %; das Defizit weiterer Länder überschritt den Referenzwert von 3 %. Die Defizitquoten dürften in diesem und im kommenden Jahr in den meisten Ländern weiter steigen. Lediglich Tschechien, Litauen und Kroatien halten den 3 %-Referenzwert für die Defizitquote der EU‑Fiskalregeln wohl durchweg ein. Dabei belasteten gestiegene Zinsausgaben die Haushalte vieler Länder. Besonders hoch und weiter steigend war der Zinsaufwand in Relation zum BIP in Polen und Rumänien; in Ungarn bliedieser trotz eines Rückgangs 2025 sehr hoch. Das liegt neben dem Umfang der Schulden an den hohen Zinsen. Defizitverfahren laufen gegen Rumänien seit 2020, gegen Ungarn, Polen und die Slowakei seit 2024 und gegen Bulgarien seit 2026. 4

Die wirtschaftliche Konvergenz der mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten schritt mit der Erholung von den disruptiven Auswirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wieder voran. Im Mittel erreichte die Wirtschaftsleistung, gemessen am BIP pro Kopf in Kaufkraftparitäten, im Jahr 2025 immerhin 81 % des EU‑Durchschnitts. Merkliche Fortschritte gab es im vergangenen Jahr insbesondere in Tschechien und Polen. Auch Lettland und Bulgarien holten weiter auf. In Ungarn, Slowenien und Kroatien waren die Fortschritte gering, in Litauen weitete sich der Abstand zum EU‑Durchschnitt hingegen leicht aus. 

BIP pro Kopf in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern
BIP pro Kopf in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern

In längerfristiger Betrachtung verlangsamte sich die wirtschaftliche Konvergenz spürbar. Von 2020 bis 2025 holten die mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedsländer gerade einmal 2,6 Prozentpunkte zum EU‑Mittel auf, verglichen mit 7,9 Prozentpunkten von 2015 bis 2020 und 4,5 Prozentpunkten 2010 bis 2015. Die geringeren Konvergenzfortschritte erklären sich zum Teil durch die besonderen Belastungen in den Jahren seit 2020, insbesondere infolge des russischen Krieges gegen die Ukraine. Davon waren die mittel- und osteuropäischen EU‑Länder stärker betroffen als etwa die südeuropäischen. Ein weiterer Erklärungsfaktor dürfte sein, dass einige Länder in der Konvergenz bereits weit vorangeschritten sind. So entspricht das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf in Tschechien und Slowenien inzwischen in etwa dem des langjährigen EU‑Mitglieds Spanien. 

Strukturelle Hemmnisse dürften zur Abschwächung der Konvergenz in mehreren mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten beigetragen haben. Hierzu zählen insbesondere ein schwaches Produktivitätswachstum und Qualifikationsdefizite, welche die Arbeitskräfteknappheit verschärfen. Auch Defizite bei der Leistungsfähigkeit öffentlicher Verwaltungen, den institutionellen Rahmenbedingungen und dem Unternehmensumfeld begrenzen das Wachstumspotenzial. Zugleich stellt die Anpassung der Wirtschaftsstrukturen an die grüne und digitale Transformation viele Länder vor erhebliche Herausforderungen. Hinzu kommen erhöhte geopolitische und handelspolitische Unsicherheiten sowie zum Teil beträchtliche fiskalische Belastungen. 

Im laufenden Jahr könnten außenwirtschaftliche Entwicklungen die Konjunktur in den mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten belasten. Vom Anstieg der Rohölpreise im Zuge des Krieges zwischen den USA und dem Iran waren die Länder dieser Region besonders betroffen, da Energie dort eine vergleichsweise große Bedeutung für den privaten Verbrauch hat, und steigende Energiepreise deshalb die Konsummöglichkeiten stärker einschränken als im EU‑Durchschnitt. Ein weiteres Risiko sind Störungen der globalen Wertschöpfungsketten. Mehrere Länder der Region, insbesondere die Slowakei und Slowenien, sind international stark verflochten. Die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder hängt in erheblichem Maß von der internationalen Konjunktur und von spezifischen konjunkturellen Entwicklungen besonders wichtiger Handelspartner ab. 

Mittelfristig belastet die demografische Entwicklung das Wachstum der mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten erheblich. In den letzten Jahren kompensierten die sinkende strukturelle Arbeitslosigkeit und die gestiegene Arbeitsmarktbeteiligung noch den Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Im laufenden Jahr dürften sich die positiven und negativen Beiträge des Arbeitsangebots zum Wachstum in etwa ausgleichen. In den kommenden Jahren dürften dann die demografischen Belastungen deutlich überwiegen. Wachstumsimpulse durch eine steigende Arbeitsmarktpartizipation beziehungsweise einen weiteren Rückgang der strukturellen Arbeitslosigkeit sind nicht zu erwarten. 5 Zudem beeinträchtigt die Alterung der Bevölkerung das Wachstum auch indirekt, etwa über ihren Einfluss auf die Produktivität. 6

Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Europäische Kommission vielen mittel- und osteuropäischen EU‑Mitgliedstaaten, ihre Reformanstrengungen zu verstärken. 7 Im Mittelpunkt stehen Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität und Innovationsfähigkeit sowie zur Verbesserung des Humankapitals. Darüber hinaus spricht sich die Europäische Kommission für leistungsfähigere öffentliche Verwaltungen, verlässlichere institutionelle Rahmenbedingungen und ein günstigeres Unternehmensumfeld aus. Ein verbesserter Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie ein leichterer Finanzierungszugang für innovative Unternehmen könnten ebenfalls dazu beitragen, das Wachstumspotenzial zu erhöhen. 

Beitrag der Arbeit und dessen Komponenten zum Potenzialwachstum in der EU-11
Beitrag der Arbeit und dessen Komponenten zum Potenzialwachstum in der EU-11

2 Konjunktur im Euroraum überraschend robust

Im Euroraum hielt sich die Konjunktur im zweiten Quartal 2026 besser als erwartet. Laut der Schnellschätzung von Eurostat legte das reale BIP im Euroraum um 0,4 % zu, nach einer Stagnation im ersten Quartal. Ohne Irland gerechnet, und das ist vermutlich die aussagekräftigere Rechnung (Exkurs „Zur Unbeständigkeit der irischen BIP‑Wachstumsraten und deren Auswirkungen für die Euroraum-Analyse“), fiel der Zuwachs mit 0,3 % ähnlich stark wie im Vorquartal aus. Nach dem starken Ölpreisanstieg aufgrund der Blockade der Straße von Hormus war mit einer spürbaren Abschwächung des Wachstums im Euroraum gerechnet worden. Darauf deuteten auch die Umfragen hin. Die Gründe für das unerwartet solide Wachstum sind vielfältig. Zum einen war der Ölpreisanstieg nicht ganz so stark und hielt nicht so lange an wie zunächst befürchtet. Zum anderen kam es in Erwartung steigender Preise in verschiedenen Bereichen zu vorgezogenen Aufträgen. Der Wettbewerbsdruck aus Asien nahm vorübergehend ab, da dortige Produzenten aufgrund von Lieferausfällen aus dem Nahen Osten ihre Produktion teilweise einschränken mussten. Von diesen Entwicklungen profitierte vor allem das Verarbeitende Gewerbe, aber auch die unternehmensnahen Dienstleistungen. Die Zurückhaltung der Verbraucher aufgrund der gestiegenen Energiepreise bekamen dagegen vor allem die konsumnahen Dienstleister zu spüren, wobei hier fiskalische Maßnahmen die Belastungen etwas abfederten. In der zweiten Jahreshälfte dürften die staatlichen Programme zur Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur und der Verteidigung das Wirtschaftswachstum weiter stützen. Auch das Verbrauchervertrauen hellte sich im Juli merklich auf. Die Aussichten für den weiteren Jahresverlauf hängen jedoch maßgeblich von der weiteren Entwicklung am Persischen Golf ab.

Exkurs

Zur Unbeständigkeit der irischen BIP‑Wachstumsraten und deren Auswirkungen für die Euroraum-Analyse

Die Schätzung der Zuwachsrate des realen BIP im Euroraum für das erste Quartal 2026 schwankte zwischen der ersten amtlichen Angabe und dem jüngsten Stand erheblich. Während die Schnellschätzungen zunächst einen saison- und kalenderbereinigten Anstieg des realen BIP um 0,1 % gegenüber dem Vorquartal auswiesen, wurde mit der späteren Veröffentlichung eines umfassenderen Datensatzes ein Rückgang um 0,2 % gemeldet. Nach dem jüngsten Stand stagnierte das Euroraum-BIP im ersten Vierteljahr. 

Maßgeblich für die beträchtlichen Revisionen des Euroraum-BIP im ersten Vierteljahr 2026 war die außergewöhnliche Unbeständigkeit der BIP‑Schätzungen durch das irische Statistikamt. Laut der ersten Schätzung von Ende April sank das irische BIP im ersten Vierteljahr 2026 um 2,0 % gegenüber dem Vorquartal. Die Schätzung von Anfang Juni bezifferte den Rückgang auf 12,1 %. Die dritte Schätzung Anfang Juli verringerte den Rückgang auf 7,0 %. Die Veränderungsrate des Euroraum-BIP ohne Irland wurde hingegen seit Ende April nur leicht nach oben auf 0,3 % revidiert und wies damit durchgängig eine Expansion etwa in Höhe des geschätzten Potenzialwachstums aus. Entsprechend schwankten die amtlichen Angaben für den Euroraum insgesamt zwischen einer leichten Expansion und einem Rückgang und zeigten schließlich eine Stagnation an.

Reales BIP im Euroraum mit und ohne Irland
Reales BIP im Euroraum mit und ohne Irland

Die irischen BIP‑Zahlen sind bereits seit mehreren Jahren ungewöhnlich volatil und revisionsanfällig. Die Volatilität der irischen BIP‑Zuwachsraten übertrifft jene der anderen Mitgliedsländer erheblich. Die Standardabweichung der BIP‑Quartalsraten belief sich im Zeitraum seit 2013 im Fall Irlands auf 4,9 Prozentpunkte, im Vergleich zu 0,4 Prozentpunkten für den Euroraum ohne Irland und 0,5 Prozentpunkten für Deutschland. 1 Zudem waren die irischen BIP‑Wachstumsraten bereits in der Vergangenheit stark von Revisionen betroffen. Für das erste Vierteljahr 2025 wurde beispielsweise in der Schnellschätzung ein BIP‑Wachstum von 3,2 % im Vorquartalsvergleich gemeldet. Einen Monat später waren es 9,7 %. Laut aktuellem Datenstand stieg die Wirtschaftsleistung damals um 6,9 %. Das Jahresergebnis 2025 wurde zwischen Januar und Juli dieses Jahres um rund 5 Prozentpunkte nach unten revidiert (auf 8,1 % statt 13,3 %). Für kein anderes Mitgliedsland des Euroraums gab es Revisionen in ähnlicher Größenordnung.

Die hohe Volatilität und Revisionsanfälligkeit der irischen BIP‑Angaben zeigt sich auch bei den Verwendungsaggregaten. Dies gilt insbesondere für Exporte, Importe und Investitionen. Besonders stark waren die Ausschläge bei den Bruttoanlageinvestitionen. Nach aktuellem Datenstand stiegen sie beispielsweise im dritten Vierteljahr 2024 preisbereinigt um 144 %, nach Rückgängen um 36 % und 56 % in den beiden Quartalen zuvor. Die hohe Volatilität und Revisionsanfälligkeit der irischen BIP‑Komponenten wirkt sich auch auf die entsprechenden Euroraum-Aggregate aus und erschwert deren Interpretation. Im Euroraum ohne Irland nahmen die Bruttoanlageinvestitionen vom vierten Quartal 2023 bis zum dritten Quartal 2024 stetig in moderatem Umfang ab. Im Euroraum insgesamt hingegen sanken die Investitionen wegen der genannten sehr starken Ausschläge in Irland in der ersten Jahreshälfte 2024 kräftig, stiegen danach aber wieder deutlich.

Die starken Ausschläge und die Revisionen der irischen BIP‑Angaben seit Anfang 2025 gehen wohl auf das Verarbeitende Gewerbe zurück. Der hohe BIP‑Anstieg zu Beginn des Jahres 2025 wurde zunächst mit hohen Exporten von Pharmaprodukten in Verbindung gebracht. 2 Eine Rolle spielten wohl Vorzieheffekte in Erwartung höherer Handelsbarrieren gegenüber den USA, aber auch die Inbetriebnahme erweiterter Produktionskapazitäten in Irland. 3 Auch die Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes stieg zu Jahresbeginn 2025 nach ersten Angaben sehr stark. Zuletzt wurden aber sowohl der Anstieg der Exporte nach Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) als auch der Anstieg der Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe merklich nach unten korrigiert. Im ersten Vierteljahr 2026 gab es bei beiden Kategorien ein kräftiges Minus, das deutlich stärker ausfiel, als es die Industrieproduktion oder die Warenexporte nahelegten. Nach Einschätzung der irischen Zentralbank dürften die starken Ausschläge daher nicht nur auf Produktionsaktivitäten der pharmazeutischen Industrie in Irland zurückgehen, sondern auch auf andere Dispositionen multinationaler Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, insbesondere im Transithandel und bei der Lohnveredelung im Ausland. 4

Multinationale Unternehmen spielen zunehmend eine bedeutende Rolle in der irischen Wirtschaft. Viele multinationale Unternehmen haben aus steuerlichen und regulatorischen Gründen ihren Sitz in Irland oder steuern aus Irland ihr europäisches Geschäft. Laut Angaben des irischen Statistikamtes entfiel im Jahr 2024 fast die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung auf Sektoren, in denen multinationale Unternehmen dominieren. Dazu gehören die chemische und pharmazeutische Industrie, die Herstellung von Computern, elektronischen und optischen Geräten, das Verlagswesen und IKT‑Dienstleistungen. 5 Während in den IKT‑Bereichen in Irland vor allem administrative Tätigkeiten, insbesondere Zentralen für die Geschäftstätigkeit in der EU, und Innovationszentren (Forschung und Entwicklung) angesiedelt wurden, verfügen pharmazeutische Konzerne in Irland über große Produktionsanlagen. Multinationale Unternehmen beschäftigen gut ein Fünftel der Erwerbstätigen in Irland, 6 und auf sie entfällt rund ein Drittel der Lohneinkommen. 7 Darüber hinaus trugen sie im Jahr 2025 87 % der Körperschaftssteuer und damit 22 % des gesamten Steueraufkommens. 8

Die adäquate statistische Zuordnung grenzüberschreitender Aktivitäten multinationaler Unternehmen stellt die auf nationaler Abgrenzung beruhende Wirtschaftsstatistik vor große Probleme. Die Aktivitäten multinationaler Unternehmen überschreiten regelmäßig Landesgrenzen, und viele grenzüberschreitende Transaktionen erfolgen innerhalb der Unternehmen. Daraus ergeben sich für die nationalen statistischen Ämter besondere Herausforderungen bei der Gewinnung der relevanten Informationen und deren Einordnung und Bewertung. Damit dies einigermaßen konsistent geschieht, gibt es internationale Standards für die Verbuchung derartiger Aktivitäten in der Zahlungsbilanz und in den VGR. 9 Für die EU wurden diese Vorgaben im ESVG 2010 konkretisiert. 10

Entscheidend für die Zuordnung von Wertschöpfung in den VGR sind Eigentumsrechte „im wirtschaftlichen Sinn“, also die Verantwortung einer organisatorischen Einheit für Nutzen und Risiken aus der wirtschaftlichen Tätigkeit. Zwar können wirtschaftliches und rechtliches Eigentum auseinanderfallen, in der statistischen Praxis dürfte es aber schwerfallen, diese Trennung nachzuweisen. Entscheidend für die Zuordnung dürfte daher dennoch die rechtliche Organisation sein. 11 Aus dem Eigentumsprinzip folgt für die Abgrenzung des Warenhandels in den VGR, dass Ein- und Ausfuhren als Transaktionen definiert werden, bei denen es zu einem Übergang des wirtschaftlichen Eigentums zwischen einer gebietsansässigen und einer gebietsfremden Einheit kommt. Der physische Grenzübertritt der Ware ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung. Diesem Prinzip folgend können auch Zweckgesellschaften, die einer größeren Gesellschaft untergeordnet sind und vielfach weder über eine nennenswerte Personalausstattung noch über Produktionsanlagen verfügen, als gebietsansässige Produzenten gewertet werden. 12 Wenn beispielsweise auf solche Gesellschaften geistige Eigentumsrechte übertragen werden, dann zählen Einkünfte aus Lizenzen, die im Ausland mit dem dortigen Einsatz von Arbeit und Sachkapital erwirtschaftet werden, zum Inlandsprodukt des Sitzlandes dieser Zweckgesellschaft. Deshalb können organisatorische Entscheidungen multinationaler Konzerne zu abrupten Verschiebungen bei der Zurechnung von Wertschöpfung führen. Darüber hinaus spielt die firmeninterne Preisgestaltung (die konzerninternen Verrechnungspreise) bei der Höhe der zugerechneten Wertschöpfung eine Rolle, etwa beim Ansatz von Lizenzgebühren oder den Kosten der aus dem Ausland bezogenen Vorleistungen. 13

Die statistischen Ämter begegnen diesen Herausforderungen unter anderem mit Large Cases Units, die die Vorgänge in großen multinationalen Unternehmen kohärent abbilden. 14 Die Large Cases Units führen Daten aus verschiedenen Quellen zusammen, prüfen sie auf Unstimmigkeiten und klären Inkonsistenzen mit den multinationalen Unternehmen. 15 Die Erkenntnisse aus diesen Auswertungen fließen dann in die VGR ein. In Irland wurde die Large Cases Units bereits im Jahr 2009 eingerichtet. Sie betreut etwa 40 multinationale Unternehmen. 16 Das Statistische Bundesamt richtete im Jahr 2020 eine solche Arbeitseinheit ein.

Gleichwohl bleibt die adäquate Erfassung und Abgrenzung der jeweils auf das Inland entfallenden wirtschaftlichen Tätigkeit der multinationalen Unternehmen herausfordernd. 17 Dies betrifft insbesondere die Zuordnung des wirtschaftlichen Eigentums bei Auftragsfertigung und Transithandel sowie für die Ableitung der inländischen Wertschöpfung. 18 Inkonsistenzen zwischen den zunächst und erst später verfügbaren Daten können erhebliche Revisionen in den VGR nach sich ziehen. Vor diesen Problemen stehen grundsätzlich alle statistischen Ämter. Sie sind in Irland wegen der außerordentlich großen Rolle der multinationalen Unternehmen aber besonders sichtbar.

Bei einem hohen Gewicht der multinationalen Unternehmen kann der Informationsgehalt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für die Konjunkturanalyse eingeschränkt sein. Grund dafür sind die häufig grenzüberschreitende Produktionstätigkeit der multinationalen Unternehmen und die Orientierung der VGR am wirtschaftlichen Eigentum. Die geografische Zuordnung der Wertschöpfung hängt dann auch von den unternehmerischen und organisatorischen Entscheidungen dieser Unternehmen ab. Die konzerninterne Kostenzuordnung und die Verrechnungspreise bestimmen, in welcher Höhe Wertschöpfung den einzelnen Standorten zugerechnet wird. Dadurch kann Wertschöpfung in Ländern ausgewiesen werden, in denen keine Fertigungstätigkeit im engeren Sinn stattfindet, sondern lediglich Eigentumsrechte verwaltet werden. Die statistisch ausgewiesenen Größen können sich somit weit von den Größen entfernen, die für die Konjunkturanalyse von besonderem Interesse sind, etwa Produktion und Einkommensentstehung unter Einsatz von Arbeit und Kapital sowie der grenzüberschreitende Warenhandel. 19

Angesichts der eingeschränkten Aussagekraft der irischen BIP‑Angaben verwenden irische Stellen alternative Maße der Wirtschaftsaktivität zur Einordnung der konjunkturellen Lage. Als alternatives Maß der Wirtschaftsentwicklung wird häufig ein modifiziertes Bruttonationaleinkommen verwendet. 20 Für dieses werden die Gewinne internationaler Konzerne vom BIP abgezogen. Daneben wird die sogenannte modifizierte Binnennachfrage (modified domestic demand) angesetzt. 21 Diese schließt unter anderem Investitionen in geistige Eigentumsrechte und das Leasing von Flugzeugen aus. Beide Bereiche werden von multinationalen Unternehmen beherrscht und schwanken stark. Die modifizierte Binnennachfrage verläuft deutlich stetiger als das BIP und ist auch weniger revisionsanfällig. Gemäß jüngsten Angaben legte sie im ersten Quartal 2026 und im Schlussquartal 2025 mit 0,3 % beziehungsweise 0,6 % moderat zu. 

Realwirtschaftliche Aktivität in Irland
Realwirtschaftliche Aktivität in Irland

Die Probleme der irischen Wirtschaftsstatistik erschweren auch die Einordnung der konjunkturellen Lage im Euroraum anhand der von Eurostat veröffentlichten Daten. Selbst bei dem niedrigen Anteil Irlands am Euroraum-BIP von knapp 4 % schlagen sich die hochgradig volatilen und revisionsanfälligen Veränderungsraten des irischen BIP aufgrund ihrer Größenordnung spürbar in den Euroraum-Aggregaten nieder. Der Grund hierfür ist, dass die dahinterstehenden Dispositionen der multinationalen Unternehmen typischerweise Länder außerhalb des Euroraums betreffen, insbesondere China und die USA. Deshalb gibt es keine ausgleichenden Bewegungen in Daten anderer Länder des Euroraums. Dies erschwert die Einschätzung der konjunkturellen Lage anhand der von Eurostat für den Euroraum insgesamt veröffentlichten Daten. Als Alternative zum BIP könnte, wie in Irland, auf eine modifizierte Inlandsnachfrage zurückgegriffen werden. Allerdings wäre damit lediglich eine Alternative für das BIP und bestimmte verwendungsseitige Komponenten gefunden. Die Konjunkturanalyse setzt aber auf das breite Spektrum an VGR‑Daten auf, einschließlich der Angaben zur entstehungsseitigen Zusammensetzung des BIP, der Beschäftigung und der Lohneinkommen. Daher erscheint ein Rückgriff auf Aggregate für den Euroraum ohne Irland vielfach besser geeignet. So verfahren wir bereits seit 2018 in den Bundesbank-Quartalsberichten zur wirtschaftlichen Lage im Euroraum.

Der private Verbrauch zeigte sich vor dem Hintergrund gestiegener Energiepreise gedämpft, aber widerstandsfähig. Die Einzelhandelsumsätze stiegen preisbereinigt weiter. Nur bei Kraftstoffen sanken sie deutlich. Staatliche Stützungsmaßnahmen wie die Benzinpreisbremse in Deutschland und die Senkung der Verbrauchssteuern etwa in Italien und Spanien dürften einen größeren Dämpfer verhindert haben. Im Verlauf des Quartals erholte sich das Verbrauchervertrauen nach dem Einbruch im März und April etwas. Allerdings blieben die Erwartungen der privaten Haushalte bezüglich ihrer eigenen finanziellen Situation eingetrübt. Gleichzeitig stieg die Zahl der Zulassungen von Kraftfahrzeugen deutlich, vor allem von Elektroautos. Hier spielten wohl neben den Aussichten auf längerfristig erhöhte Kraftstoffpreise verschiedene staatliche Anreize zum Kauf von elektrisch betriebenen Kraftfahrzeugen eine Rolle.

Die Investitionstätigkeit erholte sich im zweiten Quartal nach dem Rückgang zu Jahresbeginn. Die Bautätigkeit belebte sich wohl etwas, und im Hochbau scheint es wieder aufwärtszugehen. Jedenfalls legte die Bauproduktion in diesem Segment nach einer längeren Schwächephase bis Mai merklich zu, und die Zahl der Wohnbaugenehmigungen stieg im ersten Quartal. Im Zusammenhang mit Ausgaben für die Infrastruktur dürfte es bei Bauinvestitionen ein weiteres Plus gegeben haben. Die Ausrüstungsinvestitionen wurden wohl ebenfalls ausgeweitet. Der spürbare Anstieg der längerfristigen Unternehmenskredite im zweiten Quartal spricht für einen erhöhten Mittelbedarf der Firmen für Anlageinvestitionen. Auch die Umsätze der Produzenten von Investitionsgütern innerhalb des Euroraums stiegen preisbereinigt deutlich, und die Einfuhren von Investitionsgütern aus Drittländern legten kräftig zu. Die Aufwendungen für Informations- und Kommunikationstechnologien sowie für geistiges Eigentum dürften im Zuge der zunehmenden Digitalisierung ihren Aufwärtstrend fortgesetzt haben.

Die Warenausfuhren in Drittländer stiegen im zweiten Quartal schwungvoll, nachdem sie im Winterhalbjahr gesunken waren. Gemäß Angaben aus der Handelsbilanz legten die Ausfuhren im zweiten Vierteljahr preisbereinigt kräftig zu. Dieser Anstieg ging zu einem Teil auf temporäre oder länderspezifische Entwicklungen zurück. Zum einen gewann der Ölhandel in niederländischen Häfen im Zusammenhang mit der Sperrung der Straße von Hormus an Bedeutung. Zum anderen erhöhten sich die Ausfuhren von Pharmaprodukten aus Irland in die USA erheblich. Darüber hinaus verstärkte sich aber der Handel mit EU‑Ländern außerhalb des Euroraums. Die Exporte nach China stiegen nach einem Rücksetzer im Vorquartal ebenfalls deutlich an. Nach Güterklassen war die Zunahme bei Vorleistungs- und Investitionsgütern besonders ausgeprägt. Die Wareneinfuhren legten ebenfalls deutlich zu, allerdings weniger stark als die Ausfuhren. Vor allem bei den Importen von Vorleistungsgütern, aber auch von Investitionsgütern gab es ein deutliches Plus gegenüber dem ersten Quartal.

Warenexporte des Euroraums in Drittländer
Warenexporte des Euroraums in Drittländer

Im Verarbeitenden Gewerbe nahm die Produktion zu. Die Erzeugung von Vorleistungen wurde dabei merklich ausgeweitet. Die Investitionsgüterproduktion stieg ebenfalls, obwohl die Herstellung von Kraftfahrzeugen sank. Die Konsumgüterproduktion erhöhte sich spürbar, vor allem bei pharmazeutischen Produkten. Laut Umfragen der Europäischen Kommission legten die Neuaufträge aus dem In- und Ausland zu, und der Auftragsbestand verbesserte sich merklich. Hierzu dürften temporäre Faktoren beigetragen haben. Zum einen profitierten einige Bereiche von vorgezogenen Aufträgen vor dem Hintergrund befürchteter Knappheiten. Zum anderen verringerte sich vorübergehend der Wettbewerbsdruck für europäische Unternehmen, da ihre asiatischen Konkurrenten mit stärkeren Kostenanstiegen oder Lieferkettenstörungen zu kämpfen hatten. 4 Nichtsdestotrotz blieben die Umfrageindikatoren für den Auftragsbestand und die Exportaufträge unter ihren langjährigen Mitteln. Hierfür dürften auch die gestiegenen Zölle im Handel mit den USA verantwortlich sein. Der Preisdruck auf der Erzeugerstufe nahm im Zuge des Energiepreisanstiegs zu. Die Produzentenpreise stiegen im Vergleich zum Vorquartal und zum Vorjahr spürbar.

Sektorale Konjunkturindikatoren für den Euroraum
Sektorale Konjunkturindikatoren für den Euroraum

Im Dienstleistungssektor setzte sich die Expansion wohl fort. Im Bereich Verkehr und Lagerei dürfte die Geschäftstätigkeit sogar kräftig zugelegt haben. Darüber hinaus stieg sie wohl auch in der Informations- und Kommunikationsbranche sowie im Grundstücks- und Wohnungswesen. Im Gastgewerbe scheinen die Aktivitäten hingegen gesunken zu sein. Zur Schwäche im Gastgewerbe dürfte ein gedämpftes Tourismusgeschäft beigetragen haben. Zumindest trübte sich das Geschäftsklima bei den Reisedienstleistern zuletzt merklich ein.

In den meisten größeren Mitgliedsländern zeigte sich die Wirtschaft trotz gestiegener Energiepreise widerstandsfähig. Vor allem die Ausfuhren stiegen vielerorts überraschend stark an. Zudem blieb der private Verbrauch trotz der deutlich gestiegenen Energiekosten in einer Vielzahl der Länder verhalten aufwärtsgerichtet, teilweise wohl wegen staatlicher Entlastungsmaßnahmen. Bei den Investitionen war die Entwicklung dagegen recht unterschiedlich.

In den großen Ländern des Euroraums legte die Wirtschaftsleistung zu. In Frankreich stieg das reale BIP vor allem infolge kräftiger Ausfuhren moderat an, nachdem es im Vorquartal noch leicht gesunken war. Hierfür war maßgeblich wohl der Flugzeugbau verantwortlich. Auch der private Verbrauch hielt sich angesichts des Energiepreisschocks überraschend gut. In Italien wuchs die Wirtschaft weiter, allerdings mit einer verringerten Rate. Dabei wurde das Wachstum erneut vor allem von der Binnenwirtschaft gestützt. Der private Verbrauch und die Investitionstätigkeit verloren aber aufgrund der gestiegenen Energiepreise und der erhöhten Unsicherheit wohl etwas an Schwung. In Spanien hielt das recht kräftige Wirtschaftswachstum, gestützt durch die Binnennachfrage, an. In Deutschland setzte sich das Wachstum mit verringerter Rate fort (Artikel „Konjunktur in Deutschland“).

Reales BIP im Euroraum und in ausgewählten Mitgliedsländern
Reales BIP im Euroraum und in ausgewählten Mitgliedsländern

In den übrigen Mitgliedsländern ergab sich ein gemischtes Bild, zumeist nahm die Wirtschaftsleistung jedoch sichtbar zu. In mehreren Mitgliedsländern stieg das reale BIP deutlich, darunter in den Niederlanden, Irland, Portugal, Finnland, Slowenien, Bulgarien, Litauen und Estland. In der Slowakei gab es ein kleines Plus. In Belgien und Österreich stagnierte es hingegen.

Am Arbeitsmarkt mehren sich die Anzeichen für eine gewisse Eintrübung. Die Arbeitslosenquote verharrte auf dem niedrigen Stand von 6,3 %, die Beschäftigung nahm erneut geringfügig zu, und die Quote der offenen Stellen sank. Zugleich gewann die Arbeitskräftehortung an Bedeutung. Das Lohnwachstum dürfte nach der spürbaren Abschwächung bis zur Jahresmitte 2025 im zweiten Quartal 2026 erneut nachgelassen haben, der erhöhte Preisdruck auf der Verbraucherstufe hat bislang keine Verstärkung des Lohnwachstums nach sich gezogen.

Die Verbraucherpreise im Euroraum stiegen im zweiten Vierteljahr 2026 angesichts der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten kräftig an. Der HVPI erhöhte sich gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um 1,1 %, nach einem bereits spürbaren Anstieg von 0,8 % im Winter. Maßgeblich verantwortlich dafür waren die kräftigen Preisanstiege im Energiebereich, insbesondere bei Mineralölprodukten. Auch Dienstleistungen verteuerten sich im Frühjahr weiterhin deutlich. 5 Der Preisauftrieb bei Industrieerzeugnissen ohne Energie war zwar etwas stärker als im vorangegangenen Quartal, blieb aber insgesamt dennoch moderat. Bei Nahrungsmitteln hingegen schwächte sich der Preisdruck deutlich ab, was auch mit der verzögerten Weitergabe zuvor gesunkener Rohstoffpreise von Agrargütern zusammenhängen dürfte. Bislang machten sich mögliche indirekte Effekte des Energiepreisschubs auf andere Komponenten des HVPI, insbesondere Nahrungsmittel und Industrieerzeugnisse ohne Energie, kaum bemerkbar. Diese treten üblicherweise mit einer deutlichen Verzögerung auf. 6

Beiträge zur Teuerung (HVPI) im Euroraum
Beiträge zur Teuerung (HVPI) im Euroraum

Die Inflationsrate erhöhte sich im zweiten Quartal deutlich auf 3,0 %. Dies lag vor allem an der stark gestiegenen Teuerung bei Energie, die auf 10 % sprang. Die Nahrungsmittelteuerung ging dagegen spürbar auf 1,9 % zurück. Bei den weniger volatilen Komponenten verringerte sich die Dienstleistungsinflation leicht auf 3,2 %, während sich der Preisauftrieb bei Industriegütern ohne Energie auf 0,8 % verstärkte. In der Folge erhöhte sich die Kerninflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel leicht auf 2,4 %.

Im Juli 2026 stieg die Inflationsrate leicht an. Sie erreichte 2,9 %, nach 2,8 % im Vormonat. Insbesondere die Teuerung bei Energie nahm, nach dem Rückgang im Juni, infolge erneuter kriegerischer Auseinandersetzungen in Nahost wieder zu. Außerdem liefen Ende Juni einige staatliche Maßnahmen zur Entlastung von den hohen Energiepreisen aus. Der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln ließ weiter nach. Die Teuerung bei Industriegütern ohne Energie und Dienstleistungen zog hingegen etwas an. Entsprechend lag die Kernrate mit 2,5 % ebenfalls etwas höher.

Der kurzfristige Inflationsausblick für den Euroraum bleibt angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten weiterhin sehr unsicher. Die Entwicklung der Inflation in den nächsten Monaten hängt wesentlich vom weiteren Verlauf des Konflikts im Nahen Osten und den damit einhergehenden Einschränkungen des Energieangebots ab. Der Ausfall von Raffineriekapazitäten dürfte die Versorgung mit Mineralölprodukten weiterhin beeinträchtigen. Die Preise von Benzin und Diesel könnten daher weiterhin höher ausfallen als gemäß Rohölpreisen eigentlich zu erwarten wäre. Mit zunehmender Dauer des Konflikts steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die gestiegenen Energiekosten auf andere Waren und Dienstleistungen ausbreiten. 

Stimmungsindikatoren für den Euroraum
Stimmungsindikatoren für den Euroraum

Für das zweite Halbjahr deutet derzeit vieles auf eine Fortsetzung des moderaten Wachstums hin, wobei die Unsicherheit hoch bleibt. Bis Juli reichende Stimmungsindikatoren zeigen eine Aufhellung der gesamtwirtschaftlichen Lageeinschätzung an. Sowohl bei Dienstleistern als auch in der Industrie verbesserte sich die Stimmung. Dies erfasste auch die Erwartungen für die kommenden Monate. Selbst das Verbrauchervertrauen hellte sich von niedrigem Niveau aus weiter auf. Die Bereitschaft, größere Anschaffungen zu tätigen, stieg laut Umfragen merklich. Die robuste Weltwirtschaft dürfte die Exporte weiter stützen, auch wenn der Euroraum davon aufgrund seiner schwachen Wettbewerbsposition nicht in vollem Umfang profitieren könnte. Darüber hinaus stützen die privaten und öffentlichen Investitionen in die digitale und klimabezogene Transformation, die Sicherung der Energie- und Rohstoffversorgung und die Verteidigung die Konjunktur. Insgesamt könnte die Wirtschaft im Euroraum in den kommenden Monaten weiter in moderatem Tempo wachsen. Angesichts der hohen Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Nahostkonflikts und damit verbundenen Schwankungen der Energiepreise sowie anhaltender handels- und geopolitischer Spannungen dominieren aber die Abwärtsrisiken.

In diesem Beitrag wurden Daten bis zum 18. August 2026, 11:00 Uhr, sowie die Eurostat-HVPI‑Zahlen vom 19. August 2026, 11:00 Uhr, berücksichtigt.

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