US-Zölle und geoökonomische Fragmentierung: Implikationen für die Weltwirtschaft Monatsbericht – Juli 2026
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US-Zölle und geoökonomische Fragmentierung: Implikationen für die Weltwirtschaft Monatsbericht – Juli 2026
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Die US‑Handelspolitik ist seit Anfang 2025 deutlich protektionistischer ausgerichtet. Die Vereinigten Staaten hoben ihre Einfuhrzölle stark an und stellten zentrale Prinzipien der regelbasierten multilateralen Handelsordnung offen infrage.Dieser Aufsatz untersucht die gesamtwirtschaftlichen Folgen dieser Neuausrichtung und ordnet sie in den längerfristigen Trend zunehmender geoökonomischer Fragmentierung ein.
Bislang blieben die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der US‑Zollerhöhungen begrenzt. Hierzu trug bei, dass die Zölle nach einer Phase der Zuspitzung teilweise wieder gesenkt wurden und viele Handelspartner auf umfassende Gegenmaßnahmen verzichteten. Zudem stützten Vorzieheffekte im Vorfeld höherer Zölle sowie die kräftige Nachfrage nach KI-bezogenen Gütern den Welthandel. Eine stärkere oder länger anhaltende Eskalation der Handelskonflikte hätte deutlich größere weltwirtschaftliche Schäden verursacht. Die bislang robuste Entwicklung der Weltwirtschaft sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Protektionismus mit erheblichen Kosten verbunden ist. Vielmehr gehen handelspolitische Restriktionen langfristig mit spürbaren Wohlfahrtsverlusten einher.
Für die Vereinigten Staaten selbst erfüllten sich zentrale Ziele der Zollpolitik bislang nicht. Das Handelsbilanzdefizit blieb hoch, die Zollkosten trugen maßgeblich zum hartnäckig hohen inländischen Preisauftrieb bei, und eine breit angelegte Reindustrialisierung ist nicht erkennbar. Für Deutschland und den Euroraum ergaben sich Belastungen vor allem über schwächere Exporte in die USA und eine erhöhte handelspolitische Unsicherheit; gesamtwirtschaftlich blieben die Auswirkungen aber bislang überschaubar.
Die jüngsten restriktiven handelspolitischen Maßnahmen der USA verstärken eine bereits seit Längerem erkennbare Fragmentierung der Weltwirtschaft entlang geopolitischer Linien. Für die Europäische Union besteht die Herausforderung darin, sich in diesem schwierigeren außenwirtschaftlichen Umfeld als handelspolitischer Akteur zu behaupten. Dabei gilt es, kritische Abhängigkeiten zu verringern und Beziehungen zu verlässlichen Handelspartnern auszubauen, etwa durch neue Handelsabkommen. Zugleich bleibt eine offene, multilaterale Handelsordnung zentral. Ihre Regeln sollten aber in Bereichen weiterentwickelt werden, in denen sie an Grenzen stoßen, ohne die grundlegenden Prinzipien infrage zu stellen.
1 Einleitung
Seit Januar 2025 wurde die US‑Handelspolitik deutlich protektionistischer ausgerichtet. Zwar hatten die Vereinigten Staaten bereits in den Jahren 2018 und 2019 Einfuhrzölle angehoben, die handelspolitischen Maßnahmen blieben damals jedoch vor allem auf China beschränkt, und ihr Ausmaß fiel gesamtwirtschaftlich überschaubar aus. 1 Die seit Anfang 2025 beschlossenen Maßnahmen gingen deutlich darüber hinaus. Die US‑Regierung hob Einfuhrzölle auf breiter Front an, mit Akzentuierungen bei einzelnen Handelspartnern sowie bestimmten Sektoren. Insgesamt stieg der durchschnittliche US‑Einfuhrzollsatz von 2,3 % im Jahr 2024 auf aktuell knapp 12 % – ein Niveau, das zuletzt Anfang der 1940er Jahre erreicht worden war. 2
Die US‑Regierung begründete die verschärfte Zollpolitik mit handels-, sicherheits- und industriepolitischen Zielen. Zu den zentralen Motiven zählten die Verringerung anhaltender Handelsbilanzdefizite, die als Ergebnis unfairer Handelspraktiken interpretiert wurden, sowie die Stärkung der heimischen industriellen Basis. Diese Zielsetzung stand im Zusammenhang mit dem zunehmenden Konkurrenzdruck durch chinesische Unternehmen auf den Weltmärkten. Chinas staatlich gelenkte Industriepolitik und der starke Ausbau industrieller Kapazitäten gingen in einigen Sektoren mit Wettbewerbsverzerrungen und Überkapazitäten einher. Darüber hinaus wurden Zölle für außenpolitische Ziele eingesetzt, wie beispielsweise gegen Kanada, Mexiko und China mit Verweis auf illegale Migration und internationalen Drogenhandel. Schließlich stellte die US‑Regierung Einfuhrzölle als mögliche Einnahmequelle zur Begrenzung des Haushaltsdefizits dar, verbunden mit der wiederholt vorgetragenen Einschätzung, dass die Kosten weitgehend von ausländischen Handelspartnern getragen würden.
Die Neuausrichtung der US‑Handelspolitik folgte zwar einer klaren protektionistischen Grundtendenz, sie war in ihrer konkreten Ausgestaltung jedoch von häufigen Kurswechseln und Unsicherheit geprägt. Zollregelungen wurden wiederholt angepasst, temporär ausgesetzt oder durch neue Ausnahmetatbestände ergänzt. Hinzu kamen juristische Auseinandersetzungen über die Rechtmäßigkeit einzelner Maßnahmen. 3 Dies vergrößerte die handelspolitische Unsicherheit für Unternehmen weltweit und erschwerte Entscheidungen über Investitionen, Beschaffungen und Produktionsstandorte.
Die meisten Handelspartner schlossen Vereinbarungen mit den USA, um eine Eskalation des Handelskonflikts zu vermeiden. Ausgangspunkt waren die am sogenannten „Liberation Day“ verkündeten länderspezifischen Zusatzzölle, mit denen die US‑Regierung aus ihrer Sicht bestehende Wettbewerbsnachteile der USA ausgleichen und persistente bilaterale Handelsdefizite verringern wollte. Fast ausnahmslos machten die Handelspartner den USA dabei in wichtigen Punkten Zugeständnisse. Das Muster bestand darin, dass Handelspartner einen weiterhin erhöhten, aber gegenüber den zuvor angedrohten Sätzen niedrigeren US‑Importzoll akzeptierten und im Gegenzug Erleichterungen beim Marktzugang für US‑Exporte zusagten. Ausschlaggebend waren dabei die große Bedeutung des US‑Marktes für viele Exportländer sowie die Sorge, dass Gegenmaßnahmen zu einer handelspolitischen Eskalation mit schweren wirtschaftlichen Schäden für die eigene Volkswirtschaft führen würden. Daneben dürften teilweise Abhängigkeiten von den USA in anderen Politikfeldern, etwa der Verteidigungspolitik, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.
Auch die EU und die Vereinigten Staaten einigten sich auf ein Handelsabkommen. Das Abkommen sieht für den weit überwiegenden Teil der EU‑Exporte in die USA eine Zollobergrenze von 15 % vor. 4 Gegenüber dem durchschnittlichen Zollsatz des Jahres 2024 von rund 1,2 % entspricht dies einem deutlichen Anstieg. Die Marktzugangsbedingungen für europäische Anbieter gegenüber in den USA tätigen Unternehmen verschlechterten sich somit spürbar. Die Vereinbarung entsprach weitgehend den Konditionen, die die USA auch gegenüber anderen bedeutenden Handelspartnern wie Japan und Südkorea durchsetzten.
China hingegen reagierte auf amerikanische Zollerhöhungen zunächst mit umfassenden handelspolitischen Gegenmaßnahmen. Im Frühjahr 2025 eskalierte der Zollkonflikt zwischen den USA und China. Beide Länder überzogen sich gegenseitig mit massiven Zöllen. Zudem setzte China Exportkontrollen bei Seltenen Erden ein, bei denen es entlang wichtiger Teile der Wertschöpfungskette über eine sehr starke Marktstellung verfügt. Daraufhin einigten sich beide Länder wieder auf eine deutliche Senkung der gegenseitigen Zölle. Dies stabilisierte die Handelsbeziehungen, beendete den Konflikt jedoch nicht. Beide Länder sind weiterhin bestrebt, gegenseitige Abhängigkeiten zu reduzieren.
Die verschärfte US‑Zollpolitik stellte einen Einschnitt für die Weltwirtschaft dar und verstärkte den Trend zu einer Fragmentierung der internationalen Handelslandschaft. Der vorliegende Aufsatz untersucht vor diesem Hintergrund zunächst die internationalen wirtschaftlichen Auswirkungen der neuen US‑Zölle. Dabei werden die direkten und indirekten Effekte auf Handel, Produktion und Preise analysiert. Anschließend werden die handelspolitischen Entwicklungen in den längerfristigen Trend einer zunehmenden geoökonomischen Fragmentierung der Weltwirtschaft eingeordnet. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Europa in einem stärker machtbasierten handelspolitischen Umfeld seine wirtschaftliche Resilienz stärken kann, ohne die Vorteile offener Märkte und regelbasierter multilateraler Kooperation aufzugeben.
2 Wirtschaftliche Auswirkungen der neuen US‑Zölle
2.1 Effekte auf die USA
Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den USA blieb nach Einführung der neuen Zölle robust. Das reale BIP stieg 2025 um 2,1 %. Damit fiel das Wachstum zwar geringer aus als in den Vorjahren, bewegte sich aber weiterhin im Bereich des Potenzialwachstums. Dabei überlagerten stützende Faktoren, insbesondere der KI‑Investitionsboom, die negativen Wirkungen der Zollpolitik.
Die Zollpolitik führte zu erheblichen Schwankungen bei den US‑Importen. Im Vorfeld der Zollanhebungen wurden Einfuhren in beträchtlichem Umfang vorgezogen. Die US‑Warenimporte stiegen im ersten Vierteljahr 2025 kräftig und über zahlreiche Herkunftsländer hinweg an. Nach dem Inkrafttreten vieler Zusatzzölle im Zuge des sogenannten „Liberation Day“ sanken sie wieder deutlich. Zeitweise fielen die Einfuhren von Vorleistungsprodukten, Konsumgütern und Kraftfahrzeugen preisbereinigt um rund ein Fünftel unter den Stand des Jahres 2024. Gleichzeitig zogen die Importe von Investitionsgütern erheblich an. Im Jahresdurchschnitt 2025 übertrafen die Warenimporte insgesamt ihren Vorjahresstand preisbereinigt um 2½ %. 5 Dies deutet darauf hin, dass die Zölle nach ihrer Einführung die Importnachfrage dämpften, der Rückgang im Gesamtjahr aber durch die robuste Wirtschaftslage, die Sonderkonjunktur im Hochtechnologiesegment und Vorzieheffekte begrenzt wurde.
Die von der US‑Regierung angestrebte deutliche Verbesserung der Handelsbilanz blieb bislang aus. Zwar schrumpfte das Defizit der Handelsbilanz in Relation zur Wirtschaftsleistung etwas, blieb mit rund 3 % aber auch im ersten Vierteljahr 2026 hoch. Zu der leichten Verbesserung trugen vor allem steigende Ausfuhren bei. Diese Entwicklung dürfte durch Wechselkursbewegungen begünstigt worden sein: 2025 verlor der US‑Dollar gegenüber dem Euro und einem breiten Korb an Währungen deutlich an Wert. Diese Abwertung stand im Gegensatz zu gängigen makroökonomischen Modellen, die in Reaktion auf die drastischen Zollerhöhungen eine Aufwertung des US‑Dollar hätten erwarten lassen. Die Abwertung dürfte Einflussfaktoren widerspiegeln, welche die Nachfrage nach Vermögensanlagen in den USA verringerten. Dazu zählten Sorgen vor Handelskriegen mit negativen Auswirkungen für die US‑Wirtschaft sowie eine offenbar gestiegene Unsicherheit der Marktteilnehmer hinsichtlich der Verlässlichkeit der US‑Handelspolitik sowie der US‑Wirtschafts- und Finanzpolitik im Allgemeinen. 6
Die Zollbelastung fiel bisher überwiegend in den USA an. Die Einfuhrpreise in den USA stiegen im vergangenen Jahr auch ohne Berücksichtigung der Zölle weiter an. Dies spricht dagegen, dass ausländische Exporteure die höheren Zölle in größerem Umfang nachhaltig durch Preisnachlässe kompensierten. Eine eigene detaillierte ökonometrische Analyse bestätigt dieses Bild. 7 Demnach drückte eine Anhebung des Zollsatzes um 10 Prozentpunkte zwar kurzfristig die Importpreise vor Zöllen um gut 5½ %. In den Folgemonaten bildete sich der Preisrückgang aber rasch zurück, sodass die Zollbelastung nach kurzer Zeit nahezu vollständig von US‑Importeuren getragen wurde.
Die Kostenbelastung wirkte über die unmittelbaren Importe hinaus entlang der Wertschöpfungskette. Viele importierte Vorleistungen verteuerten sich für US‑Abnehmer deutlich. Die damit einhergehenden Kostensteigerungen wurden mit Verzögerung an nachgelagerte Produktionsstufen und schließlich an die Endverbraucher weitergegeben. Entsprechend zog auf der Verbraucherstufe die Teuerung bei Waren seit Anfang 2025 wieder spürbar an. Nach unserer Schätzung waren bis Februar 2026 gut 80 % des bei vollständiger Zollweitergabe zu erwartenden Preiseffekts in den Verbraucherpreisen angekommen. Demnach erhöhten die US‑Importzölle die am Deflator des privaten Konsums gemessene Inflationsrate im Februar 2026 um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte. 8 Dennoch verstärkte sich der Preisauftrieb insgesamt nur begrenzt, da gleichzeitig der Preisanstieg bei Dienstleistungen spürbar nachließ.
Eine Reindustrialisierung löste die US‑Zollpolitik bislang nicht aus. Eine breit angelegte Belebung der Industrieproduktion ist in den USA bisher nicht erkennbar.Auch die Beschäftigungsentwicklung in der US-amerikanischen Industrie liefert hierfür bislang keine Hinweise. Vielmehr sank die Zahl der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe 2025 weiter. 9 Erst zuletzt gab es einen kleinen Anstieg. Zudem scheinen weder die Aussicht auf eine Umgehung von Zollschranken noch die verschiedenen Handelsabkommen ausländische Unternehmen zu größeren Produktionsverlagerungen in die USA bewogen zu haben. Wertmäßig blieben die Direktinvestitionsflüsse in die USA 2025 sogar leicht hinter dem Vorjahreswert zurück. 10
2.2 Weltweite Effekte
Auch die Weltwirtschaft erwies sich gegenüber den US‑Zollerhöhungen bislang als widerstandsfähig. Die nach dem „Liberation Day“ vielfach erwarteten spürbaren Einbußen der globalen Wirtschaftsaktivität und des Welthandels traten in dieser Form nicht ein (vgl. Exkurs „Modellbasierte Schätzungen zu den globalen Auswirkungen der US‑Zölle“). 11 Vielmehr expandierte der Welthandel 2025 weiter lebhaft, und das globale BIP‑Wachstum übertraf die Erwartungen. Auch die deutsche Konjunktur hielt sich besser als in Risikoszenarien abgeschätzt. 12
Exkurs
Modellbasierte Schätzungen zu den globalen Auswirkungen der US‑Zölle
Die gesamtwirtschaftlichen Folgen der US‑Handelspolitik können mittels Simulationsrechnungen abgeschätzt werden. Dafür werden die makroökonomischen Mehrregionen-Modelle NiGEM 1 und EAGLE 2 verwendet. 3 Die Modellrechnungen berücksichtigen auf vierteljährlicher Frequenz sämtliche Zolländerungen der USA seit Beginn des Jahres 2025. 4 Als Vergleichsmaßstab dient eine hypothetische Situation, in der die vorherigen niedrigen Zollsätze dauerhaft Bestand haben.
Wechselkurs- und Unsicherheitseffekte bleiben bei den Rechnungen außen vor. Modellendogen ergäbe sich in den Rechnungen infolge höherer US‑Zollsätze eine Aufwertung des US‑Dollar, da die US‑Nachfrage nach Auslandswährung aufgrund der Einfuhrzölle fällt. Tatsächlich folgte jedoch auf die Zollankündigung am „Liberation Day“ eine Abwertung des US‑Dollar. Ausschlaggebend dürfte gewesen sein, dass die erratische Handelspolitik die Risikoeinschätzung der Marktteilnehmer gegenüber Anlagen in den USA negativ beeinflusste. 5 Um von den Auswirkungen dieser untypischen Wechselkursreaktion zu abstrahieren, unterstellen die Simulationen, dass Änderungen der Handelspolitik keinen Einfluss auf die Devisenmärkte haben. Darüber hinausgehende makroökonomische Belastungen infolge der erhöhten Unsicherheit bleiben in der Analyse ebenfalls unberücksichtigt.
Die Simulationsergebnisse zeigen überschaubare gesamtwirtschaftliche Effekte der bisherigen Zollanhebungen. Am deutlichsten sind die Einbußen bei den Einfuhren der USA. 2027 liegen diese im Modell preisbereinigt rund 9 % unter dem Niveau, das bei Beibehaltung der zuvor geltenden Zollsätze zu erwarten gewesen wäre. Die weltweiten Handelsströme werden um gut 3 % gedämpft. Die Exporte des Euroraums halten sich aufgrund des diversifizierten Exportsortiments und der relativ geringen Zollbelastung besser. Entsprechend gering sind die gesamtwirtschaftlichen Wachstumseinbußen. Nach drei Jahren liegt das reale BIP im Euroraum knapp 0,3 % unter der Basislinie. Die Effekte auf den Verbraucherpreisanstieg sind vernachlässigbar.
Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der letzten anderthalb Jahre verlief weitgehend im Einklang mit den simulierten Effekten. Dies zeigt sich, wenn die Simulationsergebnisse mit Prognosen kombiniert werden, die vor der Anpassung der US‑Zollpolitik erstellt worden waren. 6 Kurzfristig belastete die Verschärfung der US‑Handelspolitik die wirtschaftliche Entwicklung etwas weniger stark als erwartet. Das lag vor allem an einer ausgeprägten Vorverlagerung der US‑Importe aufgrund der Zollankündigungen. Davon profitierten auch die Exporte und in einem gewissen Maße die gesamte Wirtschaftsleistung des Euroraums. Nach dem Auslaufen der Vorzieheffekte sanken die US‑Importe Ende 2025 auf das von den Szenariorechnungen nahegelegte Niveau. Für die meisten Warengruppen fielen die Einbußen sogar noch etwas größer aus. Zunehmend überlagert wurden diese Zolleffekte allerdings durch den anhaltenden KI‑Boom. Vor allem aufgrund stark steigender Einfuhren von Halbleitern, Computerhardware und Kommunikationsausrüstung erholten sich die gesamten Importe der Vereinigten Staaten zuletzt wieder. 7 Die Ausfuhren des Euroraums profitierten hiervon nur bedingt und gaben zum Jahresauftakt weiter nach. Das reale BIP näherte sich ebenfalls bereits vor dem jüngsten Energiepreisschock wieder dem simulierten Pfad an.
Kontrafaktische Szenarien illustrieren, wie sehr sich die Auswirkungen bei einer Verschärfung der Handelskonflikte verstärkt hätten. In einem ersten Szenario wird unterstellt, dass für jedes Land der jeweils maximale von den USA im Jahr 2025 erhobene Zollsatz dauerhaft in Kraft geblieben wäre. Hätte sich dieses zwischenzeitlich drohende Szenario verwirklicht, läge der effektive US-amerikanische Zusatzzollsatz nun bei mehr als 20 %. Bei Einfuhr chinesischer Waren in die USA wären sogar dreistellige Zollsätze fällig. 8 Ein darüber hinausgehendes Eskalationsszenario unterstellt ergänzend, dass die Handelspartner im gleichen Umfang Zölle gegenüber den USA angehoben hätten.
Hätten die USA ihre zwischenzeitlich in der Spitze erhobenen Zollsätze beibehalten, wären die gesamtwirtschaftlichen Schäden deutlich größer ausgefallen. Die negativen Auswirkungen auf wesentliche wirtschaftliche Kennzahlen wären in etwa doppelt so hoch gewesen (siehe Schaubild 3.6). Binnen drei Jahren hätten den Simulationen zufolge globale BIP‑Einbußen von fast 1 % gedroht. Das Welthandelsvolumen wäre sogar um fast 5 % niedriger ausgefallen. Zwar wäre der Euroraum auch in diesem Szenario nur unterdurchschnittlich betroffen gewesen. Gemessen am eher verhaltenen Wachstumstempo wären aber insbesondere die BIP‑Verluste schmerzhaft ausgefallen. Symmetrische Gegenzölle der Handelspartner hätten diese Effekte nochmals verstärkt und die Verbraucherpreise weltweit steigen lassen. Im Euroraum läge das Preisniveau im Jahr 2027 um 0,2 % höher.
Die Erfahrungen der US‑Zollanhebungen zeigen, dass sich die Effekte handelspolitischer Schocks nur mit erheblicher Unsicherheit vorhersagen lassen. Die Unschärfe betrifft zum einen die tatsächliche Belastung durch Zölle. Dabei spielen Ausweichmöglichkeiten hin zu weniger stark bezollten Produkten oder alternativen Lieferländern eine Rolle, die sich aber nur schwer abschätzen lassen. 9 Zudem unterstreichen die Entwicklungen des Frühjahrs 2025 die Bedeutung von Antizipationseffekten. Große makroökonomische Modelle können die damit einhergehenden Ausschläge in den Handelsströmen allenfalls näherungsweise erfassen. Darüber hinaus können drastische Anpassungen von Zollsätzen weitergehende Signalwirkungen entfalten, insbesondere, wenn sie mit anderen wirtschaftspolitischen Ankündigungen und Maßnahmen zusammenfallen. Die daraus folgenden Erwartungs- und Unsicherheitsschocks können vor allem auf den Finanz- und Devisenmärkten die unmittelbaren Zolleffekte stark überlagern. Entsprechend sind auch die internationalen Ausstrahlwirkungen von Zollanhebungen mit zusätzlicher Unsicherheit behaftet. 10 Die Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre mahnen daher zur Vorsicht bei der quantitativen Bewertung handelspolitischer Maßnahmen. Dies ändert jedoch nichts an der grundlegenden Wirkung von Importzöllen: Sie verteuern eingeführte Waren und wirken damit ähnlich wie eine Steuer auf Importe.
Zum überraschend guten Abschneiden der Weltwirtschaft dürfte wesentlich beigetragen haben, dass die Handelskonflikte nicht eskalierten. Zwar hatte die US‑Regierung anlässlich des „Liberation Day“ vom 2.April 2025 neben einem Basiszoll von 10% deutlich höhere länderspezifische Zölle angekündigt; darunter 20% für Waren aus der EU. Diese höheren Zölle wurden jedoch für die meisten Länder kurz darauf ausgesetzt und zum Gegenstand von Verhandlungen. 13 Letztlich einigten sich die USA mit den meisten Handelspartnern auf Zölle, die deutlich hinter den ursprünglichen Drohungen zurückblieben; zugleich sahen die Handelspartner nicht nur von Gegenzöllen ab, sondern gewährten den USA zum Teil merkliche Handelserleichterungen. 14 Zudem fiel der tatsächlich gezahlte durchschnittliche Zollsatz deutlich niedriger aus als die Berechnung auf Handelsgewichten von 2024 nahelegt: Stark bezollte Einfuhren sanken, während geringer oder nicht bezollte Einfuhren an Bedeutung gewannen.
Ein weiterer Grund für das gute Abschneiden der Weltwirtschaft war der starke Anstieg der Nachfrage nach KI-bezogenen Gütern. Zwar dämpften die neuen Zölle die US‑Nachfrage nach klassischen Importgütern wie Vorleistungen und Konsumgütern. Stark steigende Einfuhren KI-bezogener Güter überlagerten diesen Effekt jedoch. 15 Der KI‑Boom geht mit einem massiven Aufbau physischer Recheninfrastruktur einher, für den Chips, Speicher, Server, Netzwerktechnik und weitere hochgradig international produzierte Investitionsgüter benötigt werden. Dadurch blieben die US‑Importe insgesamt robust und stützten den globalen Handel. 16 Zusätzlich vergrößerten vorgezogene Einfuhren im Vorfeld der Zollerhöhungen das Handelsvolumen zeitweise deutlich. Der Welthandel profitierte auch über die USA hinaus von der starken Nachfrage nach KI-bezogenen Gütern. Nach Angaben der Welthandelsorganisation (WTO) entfielen auf solche Güter rund 42 % des Zuwachses im globalen Warenhandel 2025, obwohl sie nur etwa ein Sechstel des Welthandels ausmachten. 17
China musste zwar erhebliche Einbußen im Exportgeschäft mit den USA hinnehmen, konnte diese aber durch höhere Lieferungen in andere Absatzmärkte abfedern. Während die chinesischen Exporte in die USA zollbedingt um rund ein Drittel zurückgingen, stiegen die Ausfuhren insbesondere in andere asiatische Länder sowie nach Afrika und Europa. Ein Teil der zusätzlichen Ausfuhren in asiatische Länder dürften von dort weiter in die USA gelangt sein, um die hohen US‑Zölle auf Importe aus China zu umgehen. 18 Die chinesischen Exporterfolge in anderen Weltregionen erklären sich jedoch nicht allein durch Umlenkungseffekte. Wichtiger waren längerfristige Entwicklungen, darunter der Ausbau industrieller Kapazitäten, technologische Fortschritte und die schwache inländische Nachfrage in China. Hinweise auf eine massive, durch Preisnachlässe erkaufte Umlenkung ursprünglich für die USA bestimmter Waren gibt es hingegen kaum. Insbesondere für die gestiegenen chinesischen Exporte in die EU spielten sie eine untergeordnete Rolle (vgl. Exkurs „Zu möglichen zollbedingten Umlenkungen von chinesischen Exporten in die EU“).
Exkurs
Zu möglichen zollbedingten Umlenkungen von chinesischen Exporten in die EU
Mit den starken US‑Zollerhöhungen auf chinesische Produkte im Jahr 2025 rückten mögliche Handelsumlenkungen in den Fokus. Es wurde befürchtet, dass China einen Teil seiner bislang in die USA gelieferten Waren auf andere Absatzmärkte umlenken könnte. Da die Marktstrukturen der EU denen der USA ähneln, könnte sie hiervon besonders stark betroffen sein. 1 Ein kräftiger Anstieg preisgünstiger chinesischer Exporte nach Europa könnte den Wettbewerbsdruck für europäische Unternehmen spürbar verstärken. Tatsächlich legten die chinesischen Exporte in die EU nach der Einführung neuer US‑Zusatzzölle auf chinesische Waren deutlich zu, 2 während die Lieferungen in die USA zeitweise stark zurückgingen. Inwieweit dieser Anstieg der chinesischen Exporte in die EU auf Umlenkungseffekte zurückzuführen ist, bedarf jedoch einer vertieften Analyse, um deren Einfluss von anderen Treibern der chinesischen Exporte abzugrenzen.
Eine Analyse auf Produktebene deutet darauf hin, dass sich Umlenkungseffekte bislang wohl in Grenzen hielten. Mithilfe eines Differenz-von-Differenzen-Ansatzes wurde untersucht, inwiefern sich die Exportmengen und -preise jener Produkte, die potenziell besonders stark von den US‑Zöllen betroffen sein könnten, nach deren Einführung anders entwickelten als diejenigen weniger exponierter Produkte. 3 Die Ergebnisse zeigen, dass sich mögliche Umlenkungseffekte auf eine begrenzte Gruppe besonders stark exponierter Produkte konzentrierten. Bei diesen Gütern stiegen die chinesischen Exportmengen in die EU signifikant an, während die Preise eher nachgaben – ein Muster, das zu Umlenkungseffekten passt. Für die große Mehrheit der Produkte ließen sich hingegen keine entsprechenden Effekte feststellen. Insgesamt machen die betroffenen Produkte nur rund 10 % der chinesischen Exporte in die EU aus, sodass sich die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Umlenkungseffekte bislang wohl in engen Grenzen halten.
Zudem gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass sich die Umlenkungseffekte seit Inkrafttreten der Zölle verstärkt hätten. Zwar dürften Anpassungen von Lieferketten und Absatzmärkten grundsätzlich Zeit benötigen. Die verfügbaren Daten deuten jedoch nicht auf eine schrittweise Verstärkung der Umlenkungseffekte hin. Eher scheinen die Effekte wieder etwas nachgelassen zu haben. Ein Grund dafür könnte die Entspannung des Handelskonflikts zwischen China und den USA gewesen sein, die sich in deutlich reduzierten Zollsätzen auf chinesische Produkte ab Mai 2025 niederschlug.
Der kräftige Anstieg chinesischer Exporte nach Europa in den letzten Jahren ist wohl vor allem durch strukturelle Faktoren zu erklären. Dazu zählen insbesondere Chinas gestiegene Wettbewerbsfähigkeit, der auch industriepolitisch geförderte Ausbau industrieller Kapazitäten in mehreren Schlüsselbranchen sowie eine schwache Binnennachfrage im Inland. Diese Faktoren treiben die chinesischen Exporte nicht nur in Richtung Europa, sondern weltweit. Besonders sichtbar ist dies bei Technologiegütern wie Batterien und Fahrzeugen mit alternativen Antrieben, bei denen China in den vergangenen Jahren seine Rolle als globaler Produzent deutlich ausweiten konnte. Die zentrale Herausforderung für Europas Industrie liegt also weniger in den kurzfristigen indirekten Effekten handelspolitischer Maßnahmen Dritter als vielmehr in strukturellen Faktoren, die den Exportdruck noch länger hochhalten dürften.
Die deutschen Exporte in die USA sanken im Jahresverlauf spürbar. Besonders betroffen waren Kraftwagen und Kraftwagenteile, Chemieprodukte, Maschinen sowie elektronische Erzeugnisse. 19 Für die deutsche Exportwirtschaft sind diese Einbußen schmerzhaft, da die Vereinigten Staaten zu ihren wichtigsten Exportdestinationen zählen. Zudem entwickelte sich mit China ein anderer wichtiger Absatzmarkt bereits seit Längerem sehr schwach. Gesamtwirtschaftlich dürften die Belastungen aus dem schwächeren US‑Geschäft jedoch dadurch begrenzt worden sein, dass die Ausfuhren in andere Regionen, insbesondere in andere EU‑Länder, deutlich zunahmen. Gleichwohl erhöhten die US‑Zölle den Anpassungsdruck für stark US-orientierte Branchen.
Die US‑Zollpolitik belastete über eine erhöhte handelspolitische Unsicherheit die globale und deutsche Wirtschaft. Nicht nur die Höhe der Zollsätze, sondern auch ihre wenig stetige Ausgestaltung erschwerte es Unternehmen, künftige Handelsbedingungen einzuschätzen. Hierzu trugen wiederholte Änderungen von Ankündigungen, Fristen und Ausnahmen sowie die Aussicht auf bilaterale Abkommen bei. Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive nahm die von deutschen Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit zwar nur leicht zu. Bei Unternehmen mit Exportbeziehungen in die Vereinigten Staaten stieg sie nach dem „Liberation Day“ jedoch deutlich stärker an (vgl. Exkurs „Zu den Auswirkungen des „Liberation Day“ auf die von deutschen Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit“). Dies dürfte bei den betroffenen Unternehmen zu einer Zurückhaltung bei Investitionen beigetragen haben. 20
Exkurs
Zu den Auswirkungen des „Liberation Day“ auf die von deutschen Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit
Die seit Anfang 2025 deutlich verschärfte US‑Handelspolitik erschwerte die Planung von Unternehmen. Am 2. April 2025, dem sogenannten „Liberation Day“, kündigte die US‑Administration umfangreiche länderspezifische Einfuhrzölle an. Gleichzeitig signalisierte sie die Bereitschaft zu bilateralen Abkommen. Dieser Schwenk hin zu einer stärker machtbasierten Handelspolitik der USA veränderte die Rahmenbedingungen von Unternehmen. Insbesondere war unklar, welche Regeln für den Handel mit den USA zukünftig gelten würden. Die hieraus resultierende Unsicherheit könnte Unternehmensentscheidungen beeinflusst und insbesondere die Investitionsbereitschaft gedämpft haben. Dies könnte auch gesamtwirtschaftlich von Bedeutung sein. 1
Auf Basis von Unternehmensbefragungen schätzen wir den Einfluss der verschärften US‑Handelspolitik auf die von deutschen Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit ab. Eine Herausforderung dabei ist, dass die Unsicherheit selbst nur schwer fassbar ist und gängige Unsicherheitsindikatoren mitunter widersprüchliche Ergebnisse anzeigen. Auch für April 2025 ergibt sich kein einheitliches Bild. Text-basierte Unsicherheitsmaße zeigen einen starken Anstieg, während finanzmarktbasierte Indikatoren moderater reagierten. 2 Wir versuchen daher, die von den Unternehmen wahrgenommene Unsicherheit direkt abzugreifen, und zwar mittels der Streuung ihrer Umsatzerwartungen. 3 Hierzu verwenden wir Daten aus der Bundesbank-Unternehmensumfrage (Bundesbank-Online-Panel-Firmen, BOP‑F), insbesondere Angaben zum erwarteten Umsatzwachstum im folgenden Jahr. 4 Daraus berechnen wir die individuelle Standardabweichung der Umsatzerwartung auf Unternehmensebene. Eine hohe Standardabweichung weist darauf hin, dass ein Unternehmen eine breite Streuung möglicher Umsatzentwicklungen erwartet, was als Indiz für eine ausgeprägte Unsicherheit interpretiert wird.
Die Analyse konzentriert sich auf die wahrgenommene Unsicherheit im Umfeld des „Liberation Day“im April 2025. In diesem Monat beteiligten sich über 2 000 deutsche Unternehmen an der BOP‑F-Befragung. Für rund ein Viertel davon liegen Angaben zum erwarteten Umsatzwachstum im folgenden Jahr, zur dazugehörigen Wahrscheinlichkeitsverteilung sowie zur Exporttätigkeit des Unternehmens vor. 5 Die Daten erlauben es uns, zwischen Unternehmen zu unterscheiden, die den Fragebogen vor (ein Drittel der Unternehmen) beziehungsweise nach dem „Liberation Day“ (zwei Drittel der Unternehmen) eingereicht haben.
Den Umfrageergebnissen zufolge führte die Zollankündigung nur zu einem leichten Anstieg der von deutschen Unternehmen insgesamt wahrgenommenen Unsicherheit. Die Streuung der Erwartungen hinsichtlich des Umsatzwachstums stieg im Schnitt nur leicht an. 6 Dies deutet darauf hin, dass die Unsicherheit für die Gesamtheit der Unternehmen nur geringfügig zugenommen hat. 7
Bei Unternehmen mit Exportbeziehungen in die USA zog die wahrgenommene Unsicherheit hingegen deutlich stärker an. Der BOP‑F-Befragung zufolge exportierten 2025 rund 11 % der deutschen Unternehmen in die USA. 8 Für diese Gruppe stieg die Standardabweichung der Umsatzerwartungen im Schnitt um 3,4 Prozentpunkte auf 8,8 %. 9 Bei einem durchschnittlich erwarteten Umsatzwachstum von rund 5 % stellt dies eine deutliche Zunahme dar. 10 Auch statistisch war dieser Anstieg hoch signifikant. Außerdem zeigen sich nun – anders als vor dem 2. April – deutliche Unterschiede im Ausmaß der wahrgenommenen Unsicherheit zwischen US‑Exporteuren und Nicht-US‑Exporteuren.
Eine Folgebefragung bestätigt die Belastung deutscher Unternehmen mit Exportbeziehungen in die USA aufgrund der erhöhten Unsicherheit. Im vierten Quartal 2025 wurden Exportunternehmen im Rahmen der BOP‑F direkt nach möglichen Auswirkungen der gestiegenen handelspolitischen Unsicherheit befragt. Etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen mit Exportbeziehungen in die USA gaben an, geplante Investitionen zu verschieben. Rund zwei Drittel erwarteten einen Rückgang der Nachfrage nach ihren Produkten oder Dienstleistungen. 11 Nur 16 % sahen keine Auswirkungen. Diese Ergebnisse erlauben allerdings keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Gesamtwirtschaft, da der Anteil der Unternehmen mit Exportbeziehungen in die USA recht gering ist. 12 Zudem wurde der Umfang der verschobenen Investitionen nicht erfragt.
Alles in allem dürften die Auswirkungen der verschärften US‑Handelspolitik auf die Unsicherheit deutscher Unternehmen überschaubar geblieben sein. Während die Effekte auf die Gesamtheit der deutschen Unternehmen eher gering ausfielen, wurden Unternehmen mit Exportbeziehungen in die USA den Ergebnissen zufolge deutlich stärker belastet. Im Einklang mit bisherigen Analysen dürfte sich der Einfluss auf die Gesamtwirtschaft in recht engen Grenzen gehalten haben. 13
2.3 Mögliche langfristige Folgen
Über die kurzfristigen Handels- und Preiseffekte hinaus dürften Zölle das Wachstumspotenzial der betroffenen Volkswirtschaften beeinträchtigen. Zölle und andere protektionistische Maßnahmen wirken nicht nur vorübergehend auf Konjunktur, Preise und Handelsströme. Sie können auch längerfristig Produktivität und reale Einkommen dämpfen. Solche Effekte treten häufig erst verzögert zutage und lassen sich für die neuen US‑Zölle bislang noch nicht verlässlich quantifizieren. Theoretische Überlegungen und Erfahrungen mit früheren handelspolitischen Verschärfungen deuten jedoch auf mehrere Wirkungskanäle hin.
Handelsbarrieren können langfristig Wettbewerb und Produktivität mindern. Einfuhrseitige Beschränkungen verringern den Wettbewerbsdruck auf inländische Produzenten. Dadurch können Ressourcen in weniger produktiven Unternehmen gebunden bleiben, statt zu effizienteren Anbietern zu wandern. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten entstehen somit nicht nur durch geringere Handelsvolumina, sondern auch durch eine ineffiziente Allokation von Arbeit und Kapital. 21 Ein verringerter Wettbewerbsgrad kann zudem höhere Margen begünstigen und die Wohlfahrt der Verbraucher mindern.
Auch Skalenvorteile und Produktvielfalt leiden unter zunehmender Abschottung. Handelsbarrieren verteuern importierte Vorleistungen und können bei Gegenmaßnahmen von Handelspartnern die Absatzmärkte exportierender Unternehmen verkleinern. Fixe Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebskosten verteilen sich dann auf geringere Stückzahlen, sodass Skalenvorteile weniger stark genutzt werden. Zugleich sinken Produktvielfalt und Konsummöglichkeiten. 22
Schließlich können protektionistische Maßnahmen Innovationen und Investitionen dämpfen. Forschung, Technologieeinführung und Produktentwicklung sind häufig mit hohen Vorlaufkosten verbunden und lohnen sich eher bei Zugang zu größeren Märkten. Zölle und andere Handelshemmnisse verkleinern diese Absatzbasis. Zugleich verteuern sie Vorleistungen und Investitionsgüter oder schränken deren Verfügbarkeit ein. Dadurch können Modernisierung und Innovationen erschwert werden. 23 24
Im Einklang mit diesen Überlegungen geben empirische Analysen deutliche Hinweise darauf, dass breit angelegte Zollerhöhungen Produktivität und Produktion dämpfen. Nach Schätzungen in der Literatur verringert ein Anstieg des durchschnittlichen Einfuhrzollsatzes um 10 Prozentpunkte die gesamtwirtschaftliche Produktion im zollerhebenden Land nach fünf Jahren um rund 1 %. 25 Die Produktivität, gemessen als Verhältnis von BIP zu Beschäftigung, sinkt demnach etwa doppelt so stark wie die Produktion. Diese Effekte treten nicht unmittelbar ein, sondern erreichen erst nach vier bis fünf Jahren ihre volle Größenordnung. Der Befund, dass die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Zolleskalation bisher nicht allzu groß waren, sollte daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass Protektionismus mit erheblichen Kosten verbunden sein kann. Langfristig gehen handelspolitische Restriktionen typischerweise mit deutlichen Wohlfahrtsverlusten einher.
3 Geoökonomische Fragmentierung und Implikationen für Europa
Die jüngsten restriktiven handelspolitischen Maßnahmen der USA fügen sich in eine bereits seit Längerem erkennbare Tendenz zur Fragmentierung der Weltwirtschaft ein. Über mehrere Jahrzehnte hinweg war die weltwirtschaftliche Entwicklung durch eine zunehmende Integration sowie durch weitreichende Liberalisierungsschritte im internationalen Handel geprägt. In den letzten Jahren nahmen geopolitische Konflikte jedoch deutlich zu. Vor diesem Hintergrund gewannen geopolitische und sicherheitspolitische Erwägungen bei wirtschaftlichen Entscheidungen an Bedeutung. Handelspolitische Maßnahmen wurden nicht nur mit der Korrektur unfairer Wettbewerbsbedingungen begründet, sondern zunehmend auch mit der Absicherung strategisch relevanter Industrien und der Verringerung von Abhängigkeiten. Die neuen US‑Zölle stehen insofern für eine Entwicklung, in der die Grenzen zwischen Handels-, Industrie- und Sicherheitspolitik zunehmend verschwimmen.
Eine zentrale Triebkraft der geoökonomischen Fragmentierung ist Chinas wirtschaftlicher Aufstieg, der die globalen Machtverhältnisse verschoben hat. China gewann durch seine zunehmende Einbindung in internationale Handelsverflechtungen erheblich an wirtschaftlichem und strategischem Gewicht, nicht zuletzt durch seine zentrale Rolle bei der Produktion zahlreicher Vorleistungsgüter 26 und als wichtiger Absatzmarkt für westliche Produkte. Diese Verflechtungen können zugleich als Machtinstrument dienen, mit dem wirtschaftliche Abhängigkeiten zur Durchsetzung politischer Interessen genutzt werden. Fortgeschrittene Volkswirtschaften könnten daher bestrebt sein, Abhängigkeiten von China zu verringern, um eigene Verwundbarkeiten zu begrenzen und ihre wirtschaftspolitischen Handlungsspielräume zu sichern. 27
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung in der Rivalität zwischen den USA und China. Im Zentrum steht dabei der Technologiebereich, in dem der Zugang zu Schlüsseltechnologien und den dafür erforderlichen Rohstoffen zunehmend als sicherheits- und industriepolitische Frage behandelt wird. Zugleich reicht die Rivalität weit über den bilateralen Handel zwischen den USA und China hinaus und beeinflusst die Ausrichtung globaler Lieferketten.
Geoökonomische Fragmentierung geht mit Veränderungen in der Struktur des internationalen Handels einher. In einem Umfeld gestiegener geopolitischer Risiken und handelspolitischer Unsicherheiten sehen sich Unternehmen veranlasst, ihre Lieferketten stärker zu diversifizieren oder zu regionalisieren. Produktionskapazitäten werden näher an Absatzmärkte verlagert oder innerhalb politisch enger verbundener Ländergruppen organisiert. In der wissenschaftlichen Literatur wird diese Entwicklung unter Begriffen wie „friend-shoring“ oder „near-shoring“ diskutiert. 28
Empirische Analysen deuten darauf hin, dass die Handelsintensität zwischen geopolitisch unterschiedlich ausgerichteten Ländern nachgelassen hat. Für die Analyse der Auswirkungen geopolitischer Faktoren auf den internationalen Handel wird eine vereinfachende Einteilung der Länder in drei Gruppen vorgenommen: einen geopolitisch eher den USA nahestehenden westlichen Block, einen eher China nahestehenden östlichen Block und eine Gruppe neutraler Länder. 29 Seit 2022 ging der Anteil des Handels zwischen dem westlich sowie dem östlich ausgerichteten geopolitischen Block am Welthandel zurück. Gleichzeitig gewann der Handel mit neutralen Ländern an Bedeutung, während der Anteil des Handels innerhalb der geopolitischen Blöcke weitgehend stabil blieb. Eine ökonometrische Analyse auf Basis eines Gravitationsmodells bestätigt den Befund einer zunehmenden Handelsfragmentierung. Demnach ging der Handel zwischen den beiden geopolitischen Blöcken (West/Ost) bereits seit 2018 relativ zum Handel innerhalb der Blöcke stetig zurück. 30 Gegen Ende des Analysezeitraums entwickelte sich der Handel zwischen West und Ost relativ zum Handel innerhalb der geopolitischen Blöcke um rund 30 % schwächer als auf Basis früherer Handelsmuster zu erwarten gewesen wäre.
Geoökonomische Fragmentierung verschärft den Zielkonflikt zwischen Effizienz und Resilienz. Die Globalisierung trug über lange Zeit hinweg zur internationalen Spezialisierung von Produktionsprozessen bei und ermöglichte dadurch erhebliche Produktivitäts- und Wohlfahrtsgewinne. Werden wirtschaftliche Beziehungen stärker durch politische Erwägungen geprägt, kann dies die internationale Arbeitsteilung einschränken und Spezialisierungsvorteile verringern. 31 Wirtschaftspolitisch gilt daher sorgfältig abzuwägen, in welchen Bereichen eine stärkere Diversifizierung oder regionale Absicherung gerechtfertigt erscheint.
Für Europa ergeben sich aus diesen Entwicklungen besondere Herausforderungen. Die europäischen Volkswirtschaften, und speziell die deutsche Wirtschaft, sind traditionell stark international verflochten und profitieren in besonderem Maße von offenen Märkten sowie stabilen multilateralen Handelsregeln. Eine zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft könnte Europa daher vergleichsweise stark treffen. 32 Gleichzeitig ist die EU aufgrund der Größe ihres Binnenmarkts für viele Volkswirtschaften ein attraktiver Handelspartner. Dieses wirtschaftliche Gewicht sollte die EU gezielt nutzen, um ihre Interessen gegenüber großen Wirtschaftsräumen wie den USA oder China selbstbewusst zu vertreten.
Die Erfahrungen aus dem Handelskonflikt zwischen den USA und China unterstreichen für Europa die Notwendigkeit, Risiken aus kritischen Abhängigkeiten zu verringern. Im Zuge der massiven Zuspitzung des Handelskonflikts mit den USA im Frühjahr 2025 führte China allgemeine Exportkontrollen für Seltene Erden ein, die auch die EU beeinträchtigten. Dies zeigt, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten in geopolitischen Konflikten rasch zu Verwundbarkeiten werden können. Zur Verringerung solcher Verwundbarkeiten verfolgt die EU seit Längerem eine Strategie der wirtschaftlichen Resilienz und Diversifizierung. In Bezug auf China wird diese Strategie häufig als „De-Risking“ beschrieben. 33 Dadurch soll ein Koordinationsproblem angegangen werden: Einzelne Unternehmen berücksichtigen in ihren Beschaffungsentscheidungen die gesamtwirtschaftlichen Schäden, die mit dem möglichen Ausfall dieser Güter verbunden sind, typischerweise nur unzureichend. Dies kann staatliche Eingriffe rechtfertigen, sofern sie auf klar identifizierte kritische Abhängigkeiten begrenzt bleiben und nicht zu einer breit angelegten Abschottung führen.
Das multilaterale Handelssystem mit der WTO im Zentrum dürfte trotz der zunehmenden geopolitischen Spannungen für einen Großteil der Weltwirtschaft attraktiv bleiben. Insbesondere kleine und mittelgroße Volkswirtschaften sind auf verlässliche und regelbasierte Handelsbeziehungen angewiesen und profitieren von den institutionellen Strukturen der WTO. Grundprinzipien wie die Meistbegünstigung (Most-Favoured-Nation, MFN) stellen sicher, dass Handelsvorteile grundsätzlich allen Mitgliedern zugutekommen. Trotz der neuen US‑Zölle wird ein Großteil des Welthandels nach wie vor innerhalb des WTO‑Rahmens abgewickelt. 34 Eine allgemeine Abkehr von den Grundprinzipien der WTO ist nicht erkennbar. Zugleich ist das WTO‑Regelwerk in Teilen reformbedürftig. Anpassungsbedarf besteht insbesondere bei der besseren Erfassung staatlicher Subventionen, staatsnaher Unternehmen sowie intransparenter Förderpraktiken. Reformen sollten grundsätzlich darauf zielen, die Regelbindung zu stärken und die Grundsätze einer offenen, nicht diskriminierenden Handelsordnung zu bewahren. Dafür wäre ein konstruktives Mitwirken aller großen Handelsnationen – einschließlich der USA und Chinas – von zentraler Bedeutung.
Ein wichtiger Ansatzpunkt für die EU liegt in der Vertiefung der Beziehungen zu ihren Handelspartnern. Ergänzend zur Stärkung und Reform des multilateralen Handelssystems können bilaterale und regionale Handelsabkommen dazu beitragen, Absatz- und Beschaffungsmärkte zu diversifizieren, Standards zu verankern und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit regelbasiert orientierten Partnern zu stärken. In diese Richtung weisen etwa die seit Mai 2026 vorläufige Anwendung des Handelsabkommens mit den Mercosur-Staaten sowie die jüngsten Verhandlungsabschlüsse mit Indien und Australien. Gleichwohl sollten die Möglichkeiten solcher Abkommen nicht überschätzt werden. Sie können bestehende Verflechtungen mit großen Wirtschaftsräumen wie den USA oder China nur schrittweise ergänzen und entfalten ihre Wirkung häufig erst über längere Zeiträume. 35
Daneben kommt der Weiterentwicklung des europäischen Binnenmarkts eine zentrale Rolle zu. Eine weitere Vertiefung des Binnenmarkts kann die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Europas stärken, indem sie Skaleneffekte erleichtert, Wettbewerb und Produktivität fördert und die Abhängigkeit von außereuropäischen Märkten verringert. Sie sollte insbesondere in kritischen Bereichen vorangetrieben werden, in denen die Abhängigkeiten am größten sind, wie etwa auf den Energie- und Kapitalmärkten und in Teilen des Dienstleistungssektors – etwa bei Finanzmarktdienstleistungen sowie digitalen Dienstleistungen in den Bereichen IT und künstliche Intelligenz. 36 Gerade in einem Umfeld zunehmender außenwirtschaftlicher Unsicherheit kann eine stärkere innere Integration dazu beitragen, Wachstumspotenziale Europas besser zu nutzen und nachteilige Effekte geoökonomischer Fragmentierung abzufedern.
4 Fazit
Die seit Anfang 2025 deutlich protektionistischer ausgerichtete US‑Handelspolitik stellt eine Herausforderung für die regelbasierte internationale Handelsordnung dar. Die US‑Regierung hob die Einfuhrzölle in einem historisch starken Ausmaß an. Dabei stellte sie zentrale Prinzipien des regelbasierten, multilateralen Handelssystems infrage und setzte verstärkt auf die machtbasierte Durchsetzung eigener Interessen. Zum Teil ist der Schwenk in der US‑Handelspolitik als Reaktion auf die zunehmende Bedeutung Chinas auf den Weltmärkten zu verstehen, zu der wettbewerbsverzerrende staatliche Eingriffe beigetragen haben dürften. Daraus ergeben sich bedeutende handelspolitische Herausforderungen; breit angelegte Zölle sind jedoch aus ökonomischer Sicht nur bedingt geeignet, diese zu adressieren.
Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der Neuausrichtung der US‑Handelspolitik blieben bislang begrenzt. Hierzu trug bei, dass die Zölle nach einer Phase deutlicher Eskalation teilweise wieder gesenkt wurden und viele Handelspartner auf umfassenden Gegenmaßnahmen verzichteten. Der Welthandel erwies sich trotz der Belastungen als robust, gestützt durch die dynamische Nachfrage nach KI-bezogenen Gütern. Allerdings dürfte die US‑Zollpolitik – insbesondere angesichts immer neuer Drohungen, Ausnahmeregelungen und Verschärfungen – die handelspolitische Unsicherheit weltweit verstärkt haben.
Für die Vereinigten Staaten selbst erfüllten sich zentrale Ziele der Zollpolitik bislang nicht. Das Handelsbilanzdefizit verringerte sich nur leicht und blieb weiterhin hoch. Auch gibt es keine Hinweise auf eine breit angelegte Reindustrialisierung. Die Zollkosten wurden bislang offenbar überwiegend innerhalb der USA getragen. Dies verstärkte dort den Preisauftrieb.
Über die kurzfristigen Handels- und Preiseffekte hinaus bergen protektionistische Maßnahmen erhebliche längerfristige Risiken. Zölle können Wettbewerb, Produktivität und damit auch das Wachstumspotenzial beeinträchtigen. Die bislang robuste Entwicklung der Weltwirtschaft sollte daher nicht als Hinweis verstanden werden, dass Protektionismus ohne größere Kosten bleibt. Vielmehr könnten handelspolitische Restriktionen langfristig deutlich höhere Wohlfahrtsverluste verursachen.
Angesichts eines veränderten weltwirtschaftlichen Umfelds muss Europa Offenheit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit stärker zusammen denken. Die zunehmende geoökonomische Fragmentierung verändert die Rahmenbedingungen für die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit. Für Europa besteht die Herausforderung darin, an den grundlegenden Prinzipien einer offenen, regelbasierten internationalen Wirtschaftsordnung festzuhalten und zugleich wirtschaftliche Resilienz zu stärken. WTO-konforme handels- und industriepolitische Maßnahmen können dazu beitragen, außenwirtschaftliche Verwundbarkeiten zu begrenzen; neue Handelsabkommen können darüber hinaus den Zugang zu Wachstumsmärkten verbessern, Lieferbeziehungen diversifizieren und regelbasierte Kooperation stärken. Beides ersetzt jedoch nicht die Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit durch verlässliche Rahmenbedingungen, einen vertieften Binnenmarkt und angebotsseitige Reformen.
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