Welchen Beitrag leistete die schlechtere preisliche Wettbewerbsfähigkeit zur jüngsten deutschen Exportschwäche? Monatsbericht – Juli 2026
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Welchen Beitrag leistete die schlechtere preisliche Wettbewerbsfähigkeit zur jüngsten deutschen Exportschwäche? Monatsbericht – Juli 2026
Monatsbericht Veröffentlicht am
Der Wirtschaftsstandort Deutschland leidet seit einigen Jahren unter einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Dieser hat preisliche und nichtpreisliche Ursachen und drückt sich in einem Verlust von Exportmarktanteilen aus. Während vorherige eigene Analysen die deutschen Exportmarktanteilsverluste mithilfe granularer Handelsdaten in nachfrage- und angebotsseitige Komponenten zerlegten und letztere im Sinne einer breit verstandenen, offenbarten Wettbewerbsfähigkeit interpretierten, konzentriert sich die vorliegende Analyse auf gesamtwirtschaftliche Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit. Die Ergebnisse sind daher komplementär: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verschlechterte sich über das letzte Jahrzehnt spürbar. Gleichzeitig verloren die deutschen Exporte an Dynamik und sind seit 2022 rückläufig. Der Aufsatz untersucht, wie eng diese beiden Entwicklungen zusammenhängen. Zu diesem Zweck greift er auf Bundesbank-Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurück und analysiert mithilfe eines Datensatzes von mehr als 50 Ländern ihren Einfluss auf die Exportentwicklung seit 1980.
Die Ergebnisse zeigen, dass eine Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit generell das Exportwachstum messbar dämpft. Gleichzeitig erklären die preislichen Wettbewerbsindikatoren im Falle Deutschlands aber nur einen begrenzten Teil der jüngsten Exportschwäche. Je nach Indikator erklärt die seit 2022 eingetretene Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zwischen 6 % und 24 % der Abweichung des durchschnittlichen Exportwachstums 2022 bis 2025 vom Vor-Corona-Trendwachstum der Jahre 2015 bis 2019. Der höchste Erklärungsbeitrag liegt somit bei rund einem Viertel. Zusätzlich kann die schwächere Nachfrage der Handelspartner nach Importen ebenfalls bis zu rund einem Viertel der Abweichung vom Vor-Corona-Trend der Ausfuhren erklären.
Die Analyse unterstützt damit die Befunde bisheriger Arbeiten, wonach die jüngste Exportschwäche Deutschlands nicht allein auf Preisfaktoren oder konjunkturellen Gegenwind zurückzuführen ist. Vielmehr dürften auch strukturelle Faktoren eine Rolle gespielt haben. Dazu zählen sektorale Kostenbelastungen, die gesamtwirtschaftliche Indikatoren nur unvollständig erfassen, ebenso wie der Produktmix der deutschen Exporte und heimische Standortbedingungen. Dies steht im Einklang mit früheren Bundesbank-Analysen, die auf sektorale Wettbewerbsverluste und angebotsseitige Belastungen der deutschen Exportwirtschaft hinweisen. Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse den Bedarf an einer breit angelegten Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
1 Einleitung
Deutschland verliert seit rund einem Jahrzehnt an preislicher Wettbewerbsfähigkeit. Die linke Seite von Schaubild 2.1 illustriert die Entwicklung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit anhand mehrerer Indikatoren. Neben verschiedenen realen effektiven Wechselkursen (real effective exchange rate, REER) zeigt sie auch den „Productivity‑Adjusted Competitiveness Estimate“ (PACE), einen in der Bundesbank entwickelten Indikator. 1 Der reale effektive Wechselkurs misst auf gesamtwirtschaftlicher Ebene das relative Preisverhältnis eines Landes gegenüber seinen Handelspartnern, etwa auf Basis von Verbraucherpreisen, Lohnstückkosten oder dem Deflator des Gesamtabsatzes. 2 Bei einer realen effektiven Aufwertung verschlechtert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des betrachteten Landes. Der alleinige Fokus auf Preisniveauunterschiede greift aber womöglich zu kurz. Der PACE‑Indikator erweitert deshalb die bloße Preisbetrachtung um Produktivitätsunterschiede, denn unter sonst gleichen Umständen ist eine höhere Produktivität mit einer günstigeren Wettbewerbsfähigkeit verbunden. 3 Der PACE‑Indikator gibt damit vereinfacht gesagt Auskunft darüber, welches relative Preisniveau für ein Land angesichts seiner Produktivität und der seiner Wettbewerber auf den Absatzmärkten noch als neutral gelten kann. Liegt das tatsächliche Preisniveau darüber, ist die preisliche Wettbewerbsposition ungünstig. Die Indikatoren zeichnen mit Blick auf die Dynamik ein einheitliches Bild: Seit rund zehn Jahren weist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands einen negativen Trend auf, der zuletzt noch ungünstiger verlief als zuvor.
Gleichzeitig verlangsamte sich das Exportwachstum Deutschlands in den letzten Jahren und fiel seit 2022 sogar negativ aus. Die rechte Seite von Schaubild 2.1 stellt mit der dunklen Kurve Deutschlands reale Exporte seit 2008 dar. Nach einem kräftigen Anstieg in den 2010er Jahren brachen die Exporte im Jahr 2020 pandemiebedingt ein, erholten sich anschließend jedoch ebenso rasch. Von 2022 bis 2025 gingen die realen Exporte zurück. Bereits zuvor war das deutsche Exportwachstum jedoch hinter das der Handelspartner zurückgefallen. Entsprechend nahm Deutschlands Anteil am globalen Exportmarkt seit 2017 kontinuierlich ab. 4
Der vorliegende Aufsatz untersucht, inwiefern sich diese schwache Entwicklung der deutschen Exporte durch die beobachtete Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit erklären lässt. Ein wichtiges Qualitätskriterium für Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit ist ihre Fähigkeit, einen Erklärungsbeitrag für beobachtete Exportmuster liefern zu können. Zwischen Änderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und Exportwachstum besteht jedoch keine mechanische 1:1-Beziehung. Auch Länder mit verschlechterter preislicher Wettbewerbsfähigkeit können ein hohes Exportwachstum erzielen. Denn neben der preislichen Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen zahlreiche weitere Faktoren die Exporte, etwa deren Produktmix, die Nachfrage der Handelspartner oder strukturelle Standortbedingungen. Dennoch sollte sich in einem breiten Ländervergleich über einen langen Zeitraum ein statistischer Zusammenhang zwischen Änderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und Exportwachstum nachweisen lassen. Eine im Folgenden vorgestellte Untersuchung nutzt daher einen Datensatz mit mehr als 50 Ländern seit 1980, um den Zusammenhang zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit und Exportwachstum zu schätzen. Um eine Aussage über die deutsche Exportentwicklung seit 2022 treffen zu können, wird zweistufig vorgegangen. Zunächst werden auf Grundlage des internationalen Datensatzes ländereinheitliche Reaktionskoeffizienten ermittelt, die für die gesamte Stichprobe angeben, wie stark das Exportwachstum im Durchschnitt auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit reagiert. Für Deutschland wird mithilfe der so ermittelten Koeffizienten anschließend ein hypothetischer Exportpfad bestimmt. Dieser zeigt, wie sich die realen Exporte Deutschlands entwickelt hätten, wenn sich die deutsche preisliche Wettbewerbsfähigkeit seit 2022 nicht weiter verschlechtert hätte.
2 Preisliche Wettbewerbsfähigkeit und Exporte im internationalen Vergleich
Die Analyse verwendet jährliche Zeitreihen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und Daten zu Exporten für über 50 Länder ab 1980. Als Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit werden zum einen die oben bereits vorgestellten realen effektiven Wechselkurse genutzt, die alternativ auf Basis des Verbraucherpreisindex, des Deflators des Gesamtabsatzes oder der Lohnstückkosten in der Gesamtwirtschaft berechnet sind. 5 In die Schätzung fließen diese REER‑Indikatoren für 38 Länder ein. Sie werden relativ zum langjährigen Durchschnitt der jeweiligen Zeitreihe ausgedrückt, um Vergleiche über Länder hinweg zu ermöglichen. 6 Zusätzlich zu den REER‑Indikatoren wird der ebenfalls oben beschriebene PACE‑Indikator eingesetzt. Diesbezügliche Schätzungen umfassen eine größere Stichprobe von 57 Ländern. 7 Als Variable zur Ausfuhr werden preisbereinigte Exporte von Waren und Dienstleistungen verwendet. 8
Mithilfe einer Panelregression mit verteilten Verzögerungen wird geschätzt, wie Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit das Exportwachstum beeinflussen. Die Analyse berücksichtigt als Kontrollvariablen die Auslandsnachfrage und die verzögerte inländische Konjunktur sowie Länder- und Jahreseffekte. Die methodischen Details der Schätzspezifikation werden im Exkurs „Wie wird der Zusammenhang zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit und Exporten geschätzt?“ erläutert. Dort wird auch eine ergänzende Spezifikation in Niveaus vorgestellt, die Aussagen über langfristige Zusammenhänge zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit und Exportniveau erlaubt.
Exkurs
Wie wird der Zusammenhang zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit und Exporten geschätzt?
Um zu schätzen, wie Änderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit das Exportwachstum beeinflussen, wird ein Panelmodell verwendet. Die abhängige Variable ist das Wachstum der realen Exporte. Als erklärende Variable geht der jeweilige Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit mit bis zu zwei Verzögerungen ein, um sowohl kurzfristige als auch verzögerte Reaktionen des Exportwachstums zu erfassen. Es wird mit Jahresdaten geschätzt. Die vollständige Schätzgleichung hat die Form:
Dabei bezeichnet \( X_{i,t} \) die realen Exporte von Land \( i \)im Jahr \( t \). Die Variable \( z_{i,t} \) steht für den jeweiligen Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit: Bei den realen effektiven Wechselkursen wird der logarithmierte Indikator verwendet; beim PACE‑Indikator hingegen geht die Abweichung vom Richtwert in Prozentpunkten ein. \( FD_{i,t} \) misst die Auslandsnachfrage als handelsgewichtete Summe der BIP‑Werte der Partnerländer. 1 \( Y_{i,t} \) bezeichnet das inländische BIP. Die Terme \( \alpha_i \) und \( \tau_t \) stehen für fixe Länder- und Zeiteffekte.
Ein Anstieg der Variable \( z \)entspricht einer Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit.Bei den REER‑Indikatoren ist dies eine reale effektive Aufwertung; beim PACE‑Indikator kann darüber hinaus auch eine im Verhältnis zum Ausland schwache heimische Produktivitätsentwicklung zur Erhöhung von \( z \)beitragen. Der Koeffizient\( \beta_0 \)misst daher den unmittelbar im gleichen Jahr eintretenden Effekt einer solchen Verschlechterung auf das Exportwachstum. Die Summe\( \beta_0 + \beta_1 + \beta_2 \) gibt näherungsweise an, wie stark sich das Wachstum der realen Exporte nach zwei weiteren Jahren verändert, wenn sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit anfangs einmalig und dauerhaft um 1% beziehungsweise beim PACE‑Indikator um 1 Prozentpunkt verschlechtert. 2 Entsprechend misst\( \gamma_0 + \gamma_1 \) den kumulierten Effekt einer Veränderung der Auslandsnachfrage auf das Exportwachstum nach dem Folgejahr.
Kontrollvariablen und fixe Effekte helfen, den Zusammenhang zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit und Exporten zu isolieren. Die fixen Ländereffekte erfassen zeitinvariante Unterschiede zwischen Ländern. Die fixen Jahreseffekte kontrollieren für globale Schocks, die alle Länder gleichzeitig betreffen; solche Schocks traten beispielsweise in den Finanzkrisenjahren 2008/09 und den Pandemiejahren 2020/21 auf. Die Auslandsnachfrage wird berücksichtigt, weil Exporte auch bei unveränderter preislicher Wettbewerbsfähigkeit steigen können, wenn die Nachfrage der Handelspartner zunimmt. Das verzögerte inländische BIP‑Wachstum kontrolliert für binnenwirtschaftliche Faktoren, etwa Investitionen, die auch einen positiven Effekt auf die Ausfuhr ausüben können. Es geht ausschließlich verzögert ein, weil höhere Exporte im selben Jahr auch das inländische BIP erhöhen können und die Verzögerung somit ein Endogenitätsproblem vermeidet.
Auch im Hinblick auf die im Fokus stehende Variable der preislichen Wettbewerbsfähigkeit sind potenzielle Endogenitätsprobleme im Blick zu behalten. Dies ist notwendig, weil der Wettbewerbsfähigkeitsindikator mit den Exporten wechselseitig zusammenhängen kann. So können steigende Exporte zu einer Aufwertung der heimischen Währung beitragen oder die Margen und Exportpreise erhöhen und damit selbst auf preisliche Wettbewerbsindikatoren zurückwirken. Zudem können gemeinsame Schocks, etwa Energiepreisschocks, gleichzeitig Wechselkurse, Preise und Exporte beeinflussen. Die Kontrollvariablen und die fixen Effekte tragen dazu bei, diese Endogenitätsproblematik einzudämmen.
Die Spezifikation unterstellt für alle Länder einheitliche Preiselastizitäten. Die Annahme für alle Länder einheitlicher Werte für \( \beta_0 \), \( \beta_1 \) und \( \beta_2 \) ist restriktiv, da sich Länder etwa hinsichtlich ihrer Exportstruktur, dem Wechselkursregime, der Importabhängigkeit, der Bedeutung globaler Wertschöpfungsketten und sektoraler Spezialisierung unterscheiden. Die Panelbetrachtung hat aber gegenüber einer reinen Zeitreihenanalyse für Deutschland den Vorteil, deutlich mehr Variation im Quer- und Längsschnitt nutzen zu können. Eine Zeitreihenanalyse für Deutschland würde auf vergleichsweise wenigen Jahresbeobachtungen beruhen und könnte stark von einzelnen Episoden wie Finanzkrise, Pandemie oder Energiepreisschub beeinflusst sein. Im Panel können dagegen fixe Länder- und Jahreseffekte berücksichtigt werden, sodass die Schätzung um dauerhafte Länderunterschiede und globale Schocks bereinigt wird. Die geschätzten Koeffizienten der preislichen Wettbewerbsfähigkeit sind als durchschnittliche Exportreaktionen im Panel zu interpretieren.
Die geschätzten Koeffizienten weisen für alle Indikatoren auf einen negativen Zusammenhang zwischen einer Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und dem Exportwachstum hin. Tabelle 2.1 zeigt die Schätzergebnisse samt Standardfehlern. In der Basisspezifikation werden die Standardfehler auf Länderebene geclustert. Die Ergebnisse bleiben robust, wenn die Standardfehler stattdessen mittels Clustering nach Land und Jahr oder nach Driscoll und Kraay (1998) berechnet werden. In beiden Fällen bleibt die Signifikanz der Wettbewerbsfähigkeitskoeffizienten erhalten.
Tabelle 2.1: Regressionskoeffizienten der Basisspezifikation
Indikator
\( \beta_0 \)
\( \beta_0 + \beta_1 + \beta_2 \)
\( \gamma_0 \)
\( \theta \)
R2
N
Anzahl der Länder
PACE
– 0,168 (0,038; p < 0,001)
– 0,235 (0,043; p < 0,001)
0,311 (0,140; p = 0,027)
0,246 (0,098; p = 0,012)
0,491
1 549
57
REER Verbraucherpreise
– 0,122 (0,031; p < 0,001)
– 0,232 (0,081; p = 0,004)
0,477 (0,165; p = 0,004)
0,184 (0,121; p = 0,128)
0,537
1 073
38
REER Gesamtabsatz-Deflator
– 0,177 (0,047; p < 0,001)
– 0,295 (0,075; p < 0,001)
0,513 (0,235; p = 0,029)
0,139 (0,105; p = 0,184)
0,550
918
38
REER Lohnstückkosten
– 0,251 (0,056; p < 0,001)
– 0,382 (0,106; p < 0,001)
0,453 (0,193; p = 0,019)
0,238 (0,129; p = 0,064)
0,564
952
38
Anmerkungen: Standardfehler und p-Wert in Klammern; Basisspezifikation mit auf Länderebene geclusterten Standardfehlern. N = Anzahl der Beobachtungen. \( \gamma_1 \) ist überwiegend insignifikant und daher nicht ausgewiesen.
Ergänzend wird der Zusammenhang mit Niveaudaten geschätzt, um langfristige Koeffizienten zu ermitteln. Alternativ zur Schätzung in Veränderungsraten wird folgende Spezifikation in Niveaus geschätzt:
Weil die Variablen in logarithmierten Niveaus eingehen, kann der Koeffizient\( \beta^L \) als Langfristelastizität verstanden werden. Er misst, um wie viel Prozent sich das Exportniveau bei einer dauerhaften Veränderung des Wettbewerbsfähigkeitsindikators um 1% beziehungsweise beim PACE‑Indikator um 1Prozentpunkt verändert.
Verschlechtert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit, verlangsamt sich das reale Exportwachstum im Verlauf von drei Jahren signifikant, wobei bereits kurzfristig wesentliche Effekte eintreten. Schaubild 2.2 zeigt für die verschiedenen Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, wie das reale Exportwachstum abnimmt, wenn sich die Wettbewerbsposition verschlechtert. Unterstellt ist dabei eine reale effektive Aufwertung um 1 % (im Falle des PACE‑Indikators eine Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit um 1 Prozentpunkt), die im ersten Jahr einsetzt und dauerhaft bestehen bleibt. Über die verschiedenen Maße hinweg ergibt sich ein einheitliches Bild: Eine solche Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit geht, hält man alle anderen Faktoren konstant, mit niedrigeren Exportwachstumsraten einher. Der negative Effekt zeigt sich bereits im gleichen Jahr und nimmt über die folgenden ein bis zwei Jahre kumuliert zu. Je nach Indikator beläuft sich die kumulierte Reaktion auf eine Verringerung der realen Exporte nach drei Jahren auf rund 0,2 % bis 0,4 %. Die geschätzten Effekte unterscheiden sich zwischen den Indikatoren nur begrenzt. Am stärksten fällt die Reaktion beim auf Lohnstückkosten basierenden realen effektiven Wechselkurs aus, am schwächsten beim verbraucherpreisbasierten Maß. Die zusätzlich ausgewiesenen langfristigen Schätzwerte sprechen dafür, dass eine dauerhafte Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit die Exporte noch etwas stärker belasten kann, als es die über drei Jahre kumulierten Effekte nahelegen. Das ist allerdings nicht für alle Indikatoren der Fall. Für den auf Verbraucherpreisen basierenden realen effektiven Wechselkurs sowie für den Indikator auf Basis der Lohnstückkosten fällt der Zusammenhang langfristig schwächer und weniger robust aus. 9 Die hier geschätzten Export-Preiselastizitäten liegen im Einklang mit den Ergebnissen der einschlägigen Literatur. 10
Exkurs
Können Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit Exportniveauunterschiede im internationalen Vergleich erklären?
Neben der Frage, ob sie das Exportwachstum erklären, ist für Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit auch von Interesse, ob sie einen Beitrag zur Bestimmung des Exportniveaus im Ländervergleich liefern. Die oben vorgestellte Analyse zeigte, dass sich die Entwicklung der Exporte eines Landes über die Zeit mithilfe der Entwicklung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit erklären lässt: Verbessert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit, geht dies typischerweise mit stärkerem Exportwachstum einher.Für die wirtschaftliche Einordnung ist jedoch auch ein Ländervergleich von Interesse. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Land mit günstigerer preislicher Wettbewerbsfähigkeit im Durchschnitt auch ein höheres Exportniveau aufweist als ein weniger wettbewerbsfähiges Land. Ein Indikator kann darauf nur dann eine Antwort liefern, wenn er in der Lage ist, Unterschiede zwischen den Exportniveaus verschiedener Länder systematisch zu erklären.Der vorliegende Exkurs geht dieser Fragestellung nach. Dazu werden die Exportniveaus über die Länder hinweg vergleichbar gemacht, indem sie mithilfe des entsprechenden BIP‑Werts normiert werden. Es wird im Folgenden also die Exportquote betrachtet.
Eine grafische Analyse zeigt: Beobachtungen mit günstigeren PACE‑Werten gehen mit höheren Exportquoten einher; REER-basierte Indikatoren zeigen keinen solchen Zusammenhang. Eine erste Annäherung an die gestellte Frage bietet eine grafische Auswertung. Hierzu werden die Werte des jeweiligen Indikators der preislichen Wettbewerbsfähigkeit für alle Länder und Zeitpunkte gemeinsam betrachtet und nach ihrer Größe sortiert –von besonders günstiger bis zu besonders ungünstiger Wettbewerbsposition. Die sortierten Werte des betrachteten Indikators werden dann in zehn Gruppen (Dezile) eingeteilt. Schaubild 2.3 zeigt für jedes dieser Dezile die durchschnittliche Exportquote.Für den PACE‑Indikator ergibt sich dabei ein klarer Zusammenhang: Beobachtungen mit günstiger preislicher Wettbewerbsfähigkeit gehen im Durchschnitt mit höheren Exportquoten einher. Mit zunehmender Verschlechterung der Wettbewerbsposition sinkt die Exportquote über die Dezile hinweg.Für die realen effektiven Wechselkurse zeigt sich hingegen kein vergleichbares Muster. Die Exportquoten schwanken über die Dezile hinweg ohne erkennbaren systematischen Zusammenhang. Dies deutet darauf hin, dass diese Indikatoren Unterschiede zwischen den Exportniveausder Länder kaum erfassen können.
Eine ökonometrische Analyse bestätigt das grafische Ergebnis: Nur der PACE‑Indikator vermag einen signifikanten Beitrag zur Bestimmung von Exportquoten zu liefern. In einer statistischen Schätzung erklärt nur der PACE‑Indikator die Exportquote statistisch signifikant. 1 Konkret ist eine um 1 Prozentpunkt ungünstigere preisliche Wettbewerbsfähigkeit gemäß dem PACE‑Indikator mit einer um rund 0,4 Prozentpunkte niedrigeren Exportquote verbunden. Die realen effektiven Wechselkurse weisen dagegen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit dem Exportniveau auf. Insgesamt deuten die Ergebnisse damit darauf hin, dass die im PACE‑Indikator enthaltenen Niveauinformationen (relatives Preis- und Produktivitätsniveau) die internationale Wettbewerbsposition von Volkswirtschaften besser einzuschätzen helfen, eine Qualität, die indexbasierten Indikatoren fehlt. Während reale effektive Wechselkurse vor allem Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit über die Zeit erfassen, eignet sich der PACE‑Indikator darüber hinaus also auch dazu, Unterschiede zwischen den Exportniveaus verschiedener Länder zu erklären. 2
3 Wie stark bremsten die Verluste an preislicher Wettbewerbsfähigkeit die Exporte Deutschlands?
Mithilfe hypothetischer Szenarien lässt sich abschätzen, wie stark die seit 2022 verschlechterte preisliche Wettbewerbsfähigkeit die deutsche Exportentwicklung gebremst hat.Wie eingangs gezeigt, haben sich sowohl die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als auch die deutschen Exporte in den letzten Jahren, besonders seit 2022, ungünstig entwickelt. Die Ergebnisse des vorangegangenen Abschnitts zeigen, dass eine Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit einen statistisch signifikanten Einfluss auf das Exportwachstum hat. Damit stellt sich die Frage, inwieweit die jüngste Exportschwäche Deutschlands tatsächlich auf die verschlechterte preisliche Wettbewerbsfähigkeit zurückgeführt werden kann.Das lässt sich mit einem „kontrafaktischen Analyseverfahren“ abschätzen. Dabei wird die tatsächliche Exportentwicklung mit einem hypothetischen Verlauf verglichen, der sich ergäbe, wenn sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit seit 2022 nicht weiterverschlechtert hätte.Für andere Einflussfaktoren –etwa die Auslandsnachfrage oder das inländische Wachstum– wird hingegen angenommen, dass sie so verliefen wie tatsächlich beobachtet. So lässt sich abschätzen, wie stark allein die seit 2022 gemessene Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit die Exporte belastete.
Die Analyse legt nahe, dass die seit 2022 verschlechterte preisliche Wettbewerbsfähigkeit die deutschen Exporte spürbar belastet, aber nur einen begrenzten Teil der jüngsten Exportschwäche erklärt. Schaubild 2.4 veranschaulicht die erste dieser beiden Aussagen für die verschiedenen Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit. Sie zeigt die tatsächlich beobachtete Entwicklung der realen Exporte Deutschlands seit 2022 sowie hypothetische Entwicklungen, die entstünden, wenn sich die jeweilige preisliche Wettbewerbsfähigkeit ab diesem Zeitpunkt nicht weiter verschlechterte. In allen Fällen verlaufen die für das hypothetische Szenario ermittelten Exporte oberhalb der tatsächlichen Entwicklung. Das weist darauf hin, dass die verschlechterte preisliche Wettbewerbsfähigkeit die deutschen Exporte zuletzt durchaus belastet hat. Wie stark diese Belastung war, zeigt sich im Vergleich mit der Exportdynamik vor der Corona-Pandemie. In den Jahren 2015 bis 2019 wuchsen die realen Exporte Deutschlands im Durchschnitt um 2,6 % pro Jahr. 11 Seit 2022 war die Entwicklung dagegen rückläufig; im Zeitraum 2022 bis 2025 schrumpften die Exporte um im Schnitt 1,3 % jährlich. Hätte sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit seit 2022 nicht weiter verschlechtert, wäre die Exportentwicklung nicht so schwach verlaufen. In diesem Fall hätten sich die realen Exporte je nach Indikator im günstigsten Fall um knapp 0,3 % pro Jahr verringert. Gemessen am Gesamtabstand zum Vor-Corona-Wachstumstrend (knapp 4 Prozentpunkte) lässt sich damit gesamtwirtschaftlich nur etwa ein Viertel der schwächeren Exportdynamik (1 Prozentpunkt) durch die hier erfassten preislichen Faktoren erklären. 12 Die tatsächlich schwächere Auslandsnachfrage verringert den Abstand zum Vor-Corona-Trend jedoch ebenfalls. Sie erklärt je nach Spezifikation maximal 0,9 Prozentpunkte des Rückgangs der Exportwachstumsrate und somit etwa 22 % bis 23 % des Abstandes zum Vor-Corona-Trend. 13
Zwischen den Indikatoren zeigen sich im Hinblick auf ihren Einfluss auf die deutsche Exportentwicklung zwar Unterschiede im Ausmaß, nicht aber in der grundsätzlichen Aussage. Den stärksten Effekt liefert der reale effektive Wechselkurs auf Basis der Lohnstückkosten in der Gesamtwirtschaft. Das hängt zum einen damit zusammen, dass für diesen Indikator die höchste Export-Preiselastizität geschätzt wurde. Zum anderen hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gemessen an diesem Indikator seit 2022 besonders deutlich verschlechtert. Die Resultate zu den übrigen Indikatoren legen ebenfalls nahe, dass die Exporte bei unveränderter preislicher Wettbewerbsfähigkeit etwas günstiger verlaufen wären. Der jeweilige Abstand zur tatsächlichen Exportentwicklung fällt jedoch kleiner aus.
Weil die hier betrachteten preislichen Faktoren die deutsche Exportschwäche nur begrenzt erklären, stellt sich die Frage, welche anderen Belastungsfaktoren eine Rolle gespielt haben könnten. Frühere Bundesbank-Analysen zeigen, dass angebotsseitige Faktoren einen Großteil der Marktanteilsverluste der deutschen Exportwirtschaft erklären. Dazu können auch Kostenfaktoren zählen, die von den aggregierten gesamtwirtschaftlichen Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit nur unvollständig erfasst werden. Diese Faktoren sind wegen der ausgeprägten Heterogenität der deutschen Exportwirtschaft vermutlich besonders relevant. So kann ein gesamtwirtschaftlicher Indikator verdecken, dass einzelne exportorientierte Branchen deutlich stärkeren Kostenschüben ausgesetzt waren als andere. Dies gilt etwa für energieintensive Branchen, für die der im internationalen Vergleich starke Energiepreisanstieg in Deutschland die preisliche Wettbewerbsfähigkeit besonders belastet haben dürfte. In diesen Branchen könnten preisliche Belastungen daher stärker zur schwachen Exportentwicklung beigetragen haben, als es gesamtwirtschaftliche Indikatoren erkennen lassen. Zudem dürften heimische Standortbedingungen die Exportentwicklung belastet haben. Darüber hinaus zeigen frühere Analysen, dass der spezifische Produktmix der deutschen Exportwirtschaft in den letzten Jahren die Exportmarktanteile dämpfte. So ist Deutschland besonders stark in Gütergruppen spezialisiert, deren weltweite Nachfrage schwach ausfiel.
4 Fazit
Die Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Bundesbank haben einen statistisch signifikanten Einfluss auf Exporte. Die vorgestellte Analyse zeigt für eine Vielzahl von Ländern: Sowohl Veränderungen der realen effektiven Wechselkurse auf Basis verschiedener Deflatoren als auch Veränderungen des in der Bank berechneten, um die Produktivität bereinigten PACE‑Indikators erklären das Exportwachstum statistisch signifikant. Demnach schwächt sich das Exportwachstum kumuliert um 0,2 % bis 0,4 % pro einprozentiger realer Aufwertung ab. Der PACE‑Indikator kann im Gegensatz zu den realen effektiven Wechselkursen darüber hinaus noch erklären, warum manche Länder hohe und andere niedrigere Exportquoten aufweisen. 14
Die in den letzten Jahren spürbar gesunkene preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hat zwar zur aktuellen deutschen Exportschwäche beigetragen, kann aber nur einen begrenzten Teil davon erklären. Ein Vergleich mit hypothetischen Szenarien legt dies nahe. So schreibt die vorliegende Analyse der nachlassenden preislichen Wettbewerbsfähigkeit je nach Indikator maximal ein Viertel der im Vergleich zum Trendwachstum vor der Pandemie schwachen Exportentwicklung der Jahre 2022 bis 2025 zu. Die schwächere Auslandsnachfrage erklärt die Abweichung der Exportentwicklung zu maximal einem weiteren Viertel. Darüber hinausgehende Faktoren, wie etwa die Struktur der deutschen Absatzmärkte und des deutschen Exportsortiments oder nur für Schlüsselsektoren maßgebliche Kostenbelastungen, dürften daher für einen merklichen Anteil der Exportschwäche verantwortlich sein.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein breit angelegter Ansatz zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erforderlich. Dazu gehören zwar auch Maßnahmen, die unmittelbar auf die Kostenposition der Unternehmen wie beispielsweise die Lohnnebenkosten wirken und sich damit in den hier verwendeten Indikatoren niederschlagen. Angesichts der darüber hinausgehenden Belastungsfaktoren kommt es jedoch ebenso darauf an, strukturelle Standortbedingungen zu verbessern, die Produktivität, Innovationsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft stärken. Dazu zählen verlässliche Rahmenbedingungen für private Investitionen, bessere Voraussetzungen für Forschung, Entwicklung sowie für junge, innovative Unternehmen, eine beschleunigte Digitalisierung und insbesondere geringere Bürokratiekosten. 15
Leigh, D., W. Lian, M. Poplawski-Ribeiro, R. Szymanski, V. Tsyrennikov und H. Yang (2017), Exchange Rates and Trade: A Disconnect?, IMF Working Paper, No. 17/58, SSRN.