Die deutschen Auslandsforderungen im Licht geoökonomischer Spannungen Monatsbericht – April 2026
Veröffentlicht am
Die deutschen Auslandsforderungen im Licht geoökonomischer Spannungen Monatsbericht – April 2026
Die internationale Literatur zu Handel, Portfolioinvestitionen und Direktinvestitionen deutet auf eine nachlassende Dynamik der Globalisierung in den vergangenen Jahren hin. Gleichzeitig gewinnen geopolitische Faktoren zunehmend an Einfluss auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Die Ergebnisse empirischer Arbeiten legen den Schluss nahe, dass grenzüberschreitende Handels- und Finanzbeziehungen zuletzt innerhalb politischer Lager („Blöcken“) stärker zugenommen haben als zwischen ihnen (vgl.: Gopinath et al. (2025)). Das deutet darauf hin, dass Marktteilnehmer ihre Entscheidungen verstärkt an politischen Rahmenbedingungen ausrichten.
Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Beitrag, ob geopolitische Faktoren verstärkt auch die Struktur der deutschen Auslandsforderungen beeinflussen. Im Fokus stehen zunächst deskriptive Analysen. Sie vermitteln einen ersten Eindruck, wie sich Direktinvestitionsbestände, Wertpapieranlagen und übrige Kapitalanlagen unter den veränderten politischen Rahmenbedingungen entwickelt haben und inwiefern sich die geografische Ausrichtung des deutschen Auslandsvermögens verändert hat. Darauf aufbauend werden Regressionsmodelle eingesetzt. Diese prüfen, welchen Einfluss geopolitische Faktoren zusätzlich zu ausgewählten ökonomischen Variablen auf die deutschen Kapitalanlagen im Ausland haben. Die Analyse basiert auf granularen Bestandsdaten der Bundesbank.Eine breit angelegte Deglobalisierung deutscher Kapitalanlagen ist demnach bislang nicht erkennbar. Die internationale Verflechtung nimmt weiter zu. Allerdings verschiebt sich die Ausrichtung. Drei generelle Befunde lassen sich festhalten: Erstens stiegen die Forderungsbestände bei Direktinvestitionsbeständen, Wertpapieranlagen und übrigen Kapitalanlagen bis zum aktuellen Datenrand an, was darauf hindeutet, dass deutsche Investoren die internationale Kapitalverflechtung weiterhin ausbauen. Zweitens sind deutsche Investoren in allen drei Teilkategorien am stärksten mit Ländern verflochten, die außenpolitisch eher den USA nahestehen. Nach der hier verwendeten Definition werden zu diesem Länderkreis unter anderem alle Länder der Europäischen Union gezählt. Der Abstand der Forderungspositionen zu außenpolitisch eher an China orientierten Ländern ist insbesondere bei Wertpapieranlagen und den übrigen Kapitalanlagen besonders groß. Drittens zeigt sich, dass sowohl die deutschen Wertpapieranlagen als auch die übrigen Kapitalanlagen Deutschlands in einem Partnerland sinken, wenn dieses sich seiner außenpolitischen Orientierung nach von Deutschland entfernt. Die deutschen Direktinvestitionsbestände hingegen reagierten zumindest bis 2023 statistisch nicht signifikant auf eine entsprechende Entwicklung. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass deutsche Unternehmen ihre Direktinvestitionsentscheidungen strategisch langfristig planen. Auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren sie nur verzögert und verhalten sich zunächst abwartend. Dieses Verhalten ist konsistent mit der Theorie, wonach bei erhöhter Unsicherheit und irreversiblen Investitionen der Wert des Abwartens steigt und Unternehmen Investitionsentscheidungen aufschieben.
1 Einleitung
Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen stehen seit einigen Jahren unter dem Eindruck wachsender geopolitischer Spannungen. Spätestens seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie ist deutlich geworden, wie anfällig grenzüberschreitende Produktions- und Liefernetzwerke für politische und wirtschaftliche Störungen sind. Hinzu kamen der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine seit dem Jahr 2022, der veränderte wirtschaftspolitische Kurs der US-Regierung seit 2024 sowie jüngste Konflikte im Nahen Osten. Diese Ereignisse haben die Debatte darüber verstärkt, ob die Phase fortschreitender Globalisierung an Dynamik verliert, sich die Weltwirtschaft zunehmend entlang geopolitischer Linien neu ordnet und durch ein global stärker fragmentiertes Wirtschaftssystem ersetzt wird.
Unter geoökonomischer Fragmentierung wird dabei im Sinne von den Besten et al. (2023) eine Abnahme wirtschaftlicher Integration und multilateraler Kooperation verstanden, die mit einer stärkeren Ausrichtung von Handels- und Finanzbeziehungen an geopolitischen Präferenzen einhergeht. Produktionsnetzwerke, Kapitalströme und Zahlungsbeziehungen könnten sich demnach verstärkt auf politisch nahestehende Länder konzentrieren, während wirtschaftliche Verflechtungen über geopolitische Lager hinweg relativ an Bedeutung verlieren. Zugleich legen die bisherigen Befunde nahe, dass sich dieser Prozess bislang eher in selektiven Verschiebungen als in einem umfassenden Rückbau internationaler Verflechtungen niederschlägt.
Für Deutschland als eine große offene Volkswirtschaft mit hohen Auslandsforderungen ist diese Frage von besonderem Interesse. Deutschland ist eng ininternationale Finanz- und Produktionsnetzwerke eingebunden. Veränderungen in der geografischen Struktur deutscher Auslandsforderungen geben daher nicht nur allgemein Aufschluss über das Verhalten von Unternehmen, Investoren und Banken, sondern auch konkret darüber, wie stark geopolitische Spannungen bereits in den außenwirtschaftlichen Positionen sichtbar werden. Von besonderem Interesse ist dabei, ob sich ein Rückzug aus internationalen Märkten bereits abzeichnet. Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Beitrag, wie sich die deutschen Auslandsforderungen in den vergangenen Jahren entwickelt haben und inwieweit sich ihre geografische Zusammensetzung unter dem Eindruck geopolitischer Spannungen verändert hat.Im Zentrum stehen drei Teilbereiche: Direktinvestitionen, Wertpapieranlagen und übrige Kapitalanlagen. Diese Anlageformen unterscheiden sich deutlich in ihrer ökonomischen Funktion, ihrer Liquidität und ihren Anpassungskosten. Deshalb ist zu erwarten, dass sie auf geopolitische Veränderungen nicht in gleicher Weise reagieren. Gerade diese Unterschiede stehen im Mittelpunkt der Analyse. Zur empirischen Einordnung werden in diesem Aufsatz zwei komplementäre Konzepte herangezogen und zwar das Konzept der „geopolitischen Blöcke“ und das Konzept der „geopolitischen Distanz“.
Die deskriptive Analyse basiert auf dem Konzept geopolitischer Blöcke und ordnet Partnerländer entsprechend ihrer außenpolitischen Orientierung verschiedenen Blöcken zu. Als Orientierung dient ein Ansatz des International Relations Committee der Europäischen Zentralbank aus dem Jahr 2024, der Länder danach klassifiziert, ob sie außenpolitisch eher den USA („westlicher Block“) oder China („östlicher Block“) nahestehen; daneben wird eine Gruppe neutraler Länder („neutraler Block“) unterschieden. Diese Einteilung beruht auf mehreren Hilfsvariablen, darunter Sanktionsmuster, militärische Verflechtungen, das Abstimmungsverhalten bei den Vereinten Nationen sowie externe Verschuldungsstrukturen gegenüber China. Sie bietet eine anschauliche Heuristik, um mögliche Verschiebungen außenwirtschaftlicher Variablen zwischen geopolitischen Lagern sichtbar zu machen. Zugleich ist ihre Aussagekraft begrenzt: Sie reduziert außenpolitische Ausrichtungen auf eine vereinfachte, eindimensionale Achse, fasst heterogene Länder unter Sammelkategorien zusammen und bildet geopolitische Neuausrichtungen einzelner Länder zwischen den einmal festgelegten Blöckennicht ab.
Die tiefergehende ökonometrische Analyse verwendet das Konzept der geopolitischen Distanz, die als stetiger Indikator gemessen wird. Ausgangspunkt ist der Ansatz von Bailey et al. (2017), der auf dem Abstimmungsverhalten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen basiert. Jedes Land wird dabei durch einen „Idealpunkt“ beschrieben, der eine latente außenpolitische Grundposition zusammenfasst; die geopolitische Distanz zwischen zwei Ländern ergibt sich aus dem Abstand dieser Idealpunkte.
Während die Blockeinteilung somit eine diskrete und heuristische Gruppierung darstellt, erlaubt die geopolitische Distanz eine feinere, metrische Quantifizierung außenpolitischer Nähe. Beide Konzepte erfassen denselben Grundgedanken, unterscheiden sich aber in ihrer Funktion: Die Blockklassifikation strukturiert die deskriptiven Ergebnisse; die Distanzvariable dient der Prüfung, ob geopolitische Faktoren auch dann einen eigenständigen, signifikanten Einfluss auf deutsche Auslandsforderungen ausüben, wenn ökonomische Standarddeterminanten berücksichtigt werden.
Ziel dieses Beitrags ist es, ein differenziertes Bild der deutschen Auslandsforderungen in einer Phase wachsender geoökonomischer Spannungen zu zeichnen.Dabei zeigt sich, dass das deutsche Auslandsvermögen schon vor Beginn der jüngsten geopolitischen Spannungen tendenziell eher in Ländern angelegt war, die Deutschland politisch näherstanden. Das gilt vor allem für Wertpapieranlagen und übrige Kapitalanlagen. Diese beiden Vermögenskategorien reagierten auch vergleichsweise sensibel auf die veränderten politischen Rahmenbedingungen der letzten Jahre. Mit Direktinvestitionen waren deutsche Unternehmen hingegen schon zu Beginn dieses Jahrtausends vergleichsweise stark in Ländern mit engen außenpolitischen Bindungen zu China vertreten. Daran hat sich auch in den vergangenen Jahren wenig geändert.
2 Direktinvestitionen
Deutsche Unternehmen haben ihre weltweiten Direktinvestitionsbestände in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut. Das Beteiligungskapital deutscher Direktinvestitionen im Ausland ist im laufenden Jahrzehnt trotz Coronavirus-Pandemie und außenpolitischer Spannungen insgesamt weiter gestiegen. Der deutsche Auslandsvermögensstatus weist für diese Kennziffer Ende 2025 mit 2,3 Billionen € den höchsten jemals ermittelten Wert aus. Detaillierte Daten aus der Mikrodatenbank Direktinvestitionen (MiDi) liegen nur bis Ende 2023 vor. Sie bestätigen die fortschreitende Internationalisierung anhand mehrerer Kennziffern (siehe Schaubild 3.1): Die Anzahl der Zielländer, die Zahl der ausländischen Tochtergesellschaften sowie das Beteiligungskapital (in Milliarden Euro) pro deutsche Muttergesellschaft sind im Durchschnitt kontinuierlich gestiegen. Hinweise auf ein mögliches „Onshoring“ – also einen Rückzug deutscher Unternehmen aus dem Ausland zugunsten einer verstärkten Produktion in Deutschland – konnten nicht festgestellt werden. 1
Das deutsche Beteiligungskapital in „westlich“ orientierten und „neutralen“ Ländern stieg bis 2023 weiter an, während es in „östlich“ orientierten Ländern zuletzt leicht zurückging. 2 Die Einteilung der Länder in die Blöcke „Westen“, „Neutral“ und „Osten“ basiert auf dem Bericht des International Relations Commitee der Europäischen Zentralbank (2024) und gibt an, inwiefern Länder außenpolitisch eher den Vereinigten Staaten oder China nahestehen. Schaubild 3.2 veranschaulicht diese Einteilung anhand einer Weltkarte.
Schaubild 3.3 zeigt die Entwicklung des deutschen Beteiligungskapitals in den jeweiligen Ländergruppen. 2023 beliefen sich die Bestände des deutschen Beteiligungskapitals auf 1,5 Billionen € im „Westen“, 146 Mrd € in „neutralen“ Ländern und 124 Mrd € im „Osten“. Die Coronavirus-Pandemie führte 2020 zu einem Rückgang der Bestände, insbesondere in den „neutralen“ Ländern. 3 In den darauffolgenden Jahren war das Wachstum in dieser Ländergruppe sowie in den „östlichen“ Ländern besonders dynamisch.
Während das Beteiligungskapital bei Direktinvestitionen in den „westlichen“ Ländern bis zuletzt auf einem sehr hohen Niveau blieb, verzeichneten die „östlich“ orientierten Länder 2023 erstmals seit Beginn des Beobachtungszeitraums im Jahr 2002 einen Rückgang. Dieser Rückgang ist vor allem auf geringeres deutsches Beteiligungskapital in Russland und China zurückzuführen. Das Beteiligungskapital sank besonders stark bei ausländischen Tochtergesellschaften im Sektor „Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen“ in China. In Russland war dagegen der Sektor „Großhandel (ohne Handel mit Kraftfahrzeugen und Krafträdern)“ vom deutlichen Rückgang betroffen.
Deutsche Unternehmen engagierten sich zuletzt durchschnittlich stärker im geografisch entfernten Ausland, während die geopolitische Distanz seit 2014 tendenziell leicht abnahm. Die geografische Distanz, gemessen an der (logarithmierten) Entfernung zwischen den bevölkerungsreichsten Städten verschiedener Länder in Kilometern (Luftlinie), ist eine gebräuchliche Determinante der Gravitationstheorie zur Erklärung bilateraler Handels- und Investitionsbeziehungen. Die geopolitische Distanz kann analog zu diesem Ansatz Hinweise geben, ob geoökonomische oder geopolitische Faktoren für Wirtschaftsakteure eine Rolle spielen. Anders als die geografische Distanz kann sie sich im Zeitablauf ändern. Schaubild 3.4 zeigt die über das Beteiligungskapital gewichtete durchschnittliche Entwicklung der geografischen und geopolitischen Distanz pro deutsche Muttergesellschaft. Die durchschnittliche geografische Distanz der Direktinvestitionen nahm im Zeitverlauf zu. 4 Die geopolitische Distanz Deutschlands zu seinen Zielländern, gemessen über das Abstimmungsverhalten in der UN-Generalversammlung, stieg zunächst bis 2014 an und ging danach moderat zurück. 5 Ein möglicher Einflussfaktor könnte die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 gewesen sein. Sie könnte die Sensibilität deutscher Unternehmen gegenüber geopolitischen Risiken erhöht haben. Teilweise lässt sich die niedrigere geopolitische Distanz auch damit erklären, dass die Partnerländer Deutschlands nach 2014 bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen häufiger ähnlich wie Deutschland abgestimmt haben.
Exkurs
Ökonometrische Untersuchungen zu den Auswirkungen geopolitischer Distanz auf deutsche Direktinvestitionen im Ausland
Die vorliegende Analyse basiert auf Daten der Mikrodatenbank Direktinvestitionen (MiDi) der Bundesbank für den Zeitraum von 2002 bis 2023. 1 Die Datenbank enthält detaillierte Informationen auf Unternehmensebene zu deutschen Direktinvestitionen im Ausland. Sie ermöglicht es, sowohl die deutsche Muttergesellschaft als auch die ausländische Tochtergesellschaft in anonymisierter Form zu identifizieren. Unternehmen in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, direkte und indirekte Beteiligungen an ausländischen Unternehmen zu melden, sofern diese bestimmte Schwellenwerte überschreiten. Erfüllt eine Beteiligung die statistische Definition einer Direktinvestition, erfasst die MiDi das gesamte Spektrum solcher deutschen Auslandsinvestitionen. Die Daten liegen in jährlicher Frequenz vor und decken den Zeitraum von 2002 bis 2023 ab. Eine ausländische Tochtergesellschaft ist ein Unternehmen, das sich im direkten oder indirekten Besitz einer inländischen Muttergesellschaft befindet und seinen Sitz im Ausland hat. 2 Eine ausführliche Beschreibung der Datenbank findet sich bei Blank et al. (2020).
Panelregressionen erlauben es, zu prüfen, ob geopolitische Distanz die bilateralen Bestände deutscher Direktinvestitionen im Ausland beeinflusst – unter Kontrolle klassischer Faktoren des Gravitationsmodells wie Marktgröße, Distanz und wirtschaftliche Verflechtung. Die Schätzungen erfolgen auf Basis balancierter Paneldaten unter Anwendung der Pseudo-Poisson-Maximum-Likelihood-Methode (PPML) und lassen sich wie folgt darstellen:
Dabei steht \( Beteiligungskapital_{ct} \) für den Wert in Euro des deutschen Beteiligungskapitals in Land \( c \) im Jahr \( t \). Der \( Idealpunkt-Abstand_{ct-1} \) repräsentiert die geopolitische Distanz Deutschlands zu Land \( c \) im Vorjahr \( t-1 \). Der Vektor \( Kontrollvariablen_{ct} \) umfasst bilaterale Standardgrößen des Gravitationsmodells des Handels für Land \( c \) im Jahr \( t \). 3 Die fixen Effekte (\( \alpha_{c}, \delta_{t} \) und \( \rho_{rt} \)) berücksichtigen länderspezifische, zeitspezifische sowie bilaterale Regionen-Jahres-Effekte. 4 Die Standardfehler werden auf Länderebene berechnet, um robuste Schätzungen zu gewährleisten.
Bei umfassender Berücksichtigung von Kontrollvariablen lässt sich kein signifikanter Einfluss der geopolitischen Distanz auf das deutsche Beteiligungskapital im Ausland nachweisen. Schaubild 3.5 fasst die Schätzergebnisse für den Einfluss geopolitischer Distanz (\( \beta \)) verschiedener Regressionsmodelle zusammen. Mit von oben nach unten zunehmender Zahl an Kontrollvariablen verschwindet der zunächst negative Effekt. Wird lediglich für zeitliche fixe Effekte und geografische Distanz kontrolliert, ist der Effekt der geopolitischen Distanz negativ und signifikant (Zeile 2). Ab Einbezug von Ländergröße und der binären Variable „gemeinsame Sprache“ wird er insignifikant (Zeile 3). Auch Spezifikationen mit Strukturbrüchen – 2014 (Krim-Annexion durch Russland) und 2022 (Ukrainekrieg) – liefern keinen robusten Zusammenhang (Zeile 6 und 7). 5 Die Ergebnisse können Aussagen der empirischen Literatur, dass weltweit eine höhere geopolitische Distanz zu niedrigeren Direktinvestitionen führe, für deutsche Direktinvestitionen nicht bestätigen. 6 Somit scheinen geopolitische Faktoren die Investitionsentscheidungen deutscher Unternehmen zumindest bis zum Jahr 2023 nicht wesentlich beeinflusst zu haben. 7 Möglicherweise sind die Reaktionen auf jüngere geopolitische Entwicklungen in den vorliegenden Daten nicht abgebildet. Direktinvestitionen reagieren allerdings oftmals träge auf sich verändernde Rahmenbedingungen.
Ökonometrische Untersuchungen zeigen, dass die geopolitische Distanz bis in das Jahr 2023 keinen signifikanten Einfluss auf das deutsche Beteiligungskapital im Ausland hat. Deutsche Direktinvestoren haben bis zum Jahr 2023 wenig auf geopolitische Veränderungen reagiert. Somit fehlt bislang belastbare empirische Evidenz für einen systematischen Effekt geopolitischer Distanz auf das Beteiligungskapital.
3 Wertpapieranlagen
Deutsche Anleger reduzierten laut der Statistik über Wertpapierinvestments (SHS-Base plus) der Bundesbank seit Mitte 2021 ihre Wertpapierbestände aus „östlichen“ Emittentenländern. 6 Schaubild 3.6 zeigt die Wertpapierbestände deutscher Anleger zu Marktwerten, aufgeschlüsselt nach den drei Länderblöcken „Westen“, „Neutral“ und „Osten“. 7 Es lässt sich eine starke und wachsende Konzentration deutscher Wertpapierbestände auf den „Westen“ erkennen. Engagements in „neutralen“ und „östlichen“ Ländern bleiben deutlich geringer. 8 Die Coronavirus-Pandemie führte vorübergehend zu einem Rückgang der ausgewiesenen Wertpapierbestände aus allen Ländergruppen, und zwar vor allem aufgrund der fallenden Marktpreise. Anschließend knüpfte die Bestandszunahme von Wertpapieren der „neutralen“ und „östlichen“ Länder an den dynamischen Trend von vor der Pandemie wieder an. Diese Bestände wuchsen weiter schneller als jene aus dem „Westen“. Mitte 2021 kam es zu einem Bruch. Anleger reduzierten ihre Bestände von Titeln aus dem „östlichen“ Länderblock und seit Anfang 2022 auch aus dem „neutralen“ Länderblock. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass geopolitische Faktoren an Einfluss gewonnen haben. Im dritten Quartal 2025 lagen die Bestände aus „neutralen“ und „östlichen“ Ländern wieder ungefähr auf dem Niveau von Anfang 2022.
Anleihen aus westlichen Ländern prägten die Entwicklung maßgeblich. Schaubild 3.7 zeigt den Anstieg der Nominalwerte von Schuldverschreibungen, also Anleihen und Geldmarktpapieren, im Zeitverlauf. 9 Der Verlauf ähnelt dem der Marktwerte über alle Instrumente. Anteilsmäßig machen Anleihen den überwiegenden Teil der Schuldverschreibungen aus. Ähnlich wie bei den Wertpapierbeständen über alle Instrumente (Marktwerte) fällt auf, dass der Bestand an Schuldverschreibungen aus den „neutralen“ und „östlichen“ Ländergruppen ab Ende 2020 – dem Trend davor folgend – weiter anstieg, und sogar sehr stark. Anschließend sank der Bestand von Papieren aus den „östlichen“ Ländern seit 2022 auf etwa die Hälfte des Niveaus von Ende 2019, während Titel aus „neutralen“ Ländern auf das ursprüngliche Niveau von Ende 2019 zurückfielen. 10 Im Gegensatz dazu stiegen die Bestände von Schuldverschreibungen aus den „westlichen“ Ländern weiterhin kontinuierlich bis zum dritten Quartal 2025 an.
Bei den ausländischen Aktienbeständen deutscher Anleger lässt sich kein Rückzug aus östlichen oder westlichen Ländern erkennen. 11 Schaubild 3.8 zeigt die Marktwerte der ausländischen Aktienbestände deutscher Anleger. 12 Der Wert dieser Instrumente entsprach im Mittel der betrachteten Jahre etwa der Hälfte der Nominalwerte an ausländischen Schuldverschreibungen. Bis Ende 2019 stiegen die Bestände an Aktien aus allen Regionen kontinuierlich an. Der Beginn der Coronavirus-Pandemie Anfang 2020 sowie der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine Anfang 2022 führten zu deutlichen bewertungsbedingten Rückgängen der Bestände, die sich aber anschließend mit den wieder steigenden Kursen erholten. Großvolumige Nettoverkäufe von Marktteilnehmern waren nicht zu verzeichnen. Am aktuellen Rand liegen die Bestände aus allen Länderregionen etwa 75 % über dem Wert kurz vor der Coronavirus-Pandemie.
Die geografische Distanz deutscher Wertpapieranlagen nahm zu; die geopolitische Distanz stieg bis 2020 und ging danach zurück. Die geografische und geopolitische Distanz wird als wertgewichteter Durchschnitt berechnet, wobei der Wertanteil eines Landes am Gesamtbestand mit dem jeweiligen Distanzmaß gewichtet wird. Schaubild 3.9 illustriert die Entwicklung dieser Distanzen für deutsche Wertpapieranlagen auf Basis der Marktwerte über alle Instrumente. 13 Die durchschnittliche geografische Distanz der deutschen Wertpapieranlagen nahm seit 2012 meist kontinuierlich zu. Die geopolitische Distanz stieg bis zum Jahr 2020 deutlich an, fiel anschließend bis 2022 und erhöhte sich danach leicht bis 2024. Der Anstieg der geopolitischen Distanz seit 2011 ist teilweise darauf zurückzuführen, dass sich die Partnerländer geopolitisch weiter von Deutschland entfernten – also in der Vollversammlung der Vereinten Nationen häufiger anders abstimmten als Deutschland – aber auch auf ein verändertes Anlegerverhalten deutscher Investoren.
Exkurs
Ökonometrische Untersuchungen zum Einfluss geopolitischer Distanz auf die Bestände ausländischer Schuldverschreibungen in deutschen Portfolios
Die Regressionen konzentrieren sich auf das wichtige Segment der Schuldverschreibungen (Nominalwerte) und folgen methodisch dem Ansatz des Exkurses zu den Auswirkungen geopolitischer Distanz auf deutsche Direktinvestitionen im Ausland. Als Datengrundlage dienen die Jahresendstände ausländischer Schuldverschreibungen in deutschen Portfolios, basierend auf der Statistik über Wertpapierinvestments (SHS-Base plus) für den Zeitraum 2009 bis 2024. Schaubild 3.10 veranschaulicht die Ergebnisse der Regressionen. Jede Zeile zeigt die Ergebnisse einer eigenständigen Schätzung. Eingetragen ist der Effekt der geopolitischen Distanz auf die Nominalwerte von Schuldverschreibungen. Spezifikationen mit Interaktionstermen (2014 und 2022) testen mögliche Strukturbrüche (Zeile 6: 2014; Zeile 7: 2022). Interaktionsterme kombinieren die geopolitische Distanz mit einer binären Variablen, die ab dem Jahr, in dem der Strukturbruch vermutet wird – hier also ab 2014 beziehungsweise 2022 – jeweils den Wert eins annehmen. Die sechste Zeile umfasst die Summe aus dem Basiseffekt und dem Interaktionsterm 2014. Zeile 7 zeigt den Gesamteffekt mit dem Interaktionsterm 2022. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine größere geopolitische Distanz zwischen Deutschland und dem jeweiligen Land des Emittenten mit einem geringeren Bestand an Schuldverschreibungen einhergeht. Dieser Effekt bleibt über alle Spezifikationen hinweg bestehen, auch wenn zusätzliche Kontrollvariablen berücksichtigt werden. Im Unterschied zu Direktinvestitionsbeständen reagieren Wertpapierbestände offenbar stärker auf geopolitische Faktoren. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Portfolioinvestitionen liquider und weniger langfristig strategisch ausgerichtet sind als Direktinvestitionen. Dadurch können Investoren schneller auf politische Veränderungen reagieren.
Die Resultate einer Panel-Schätzung deuten darauf hin, dass geopolitische Distanz die Wertpapierbestände deutscher Anleger signifikant beeinflusst. Alle Spezifikationen zeigen, dass zunehmende geopolitische Distanz Deutschlands zum Emittentenland den Bestand ausländischer Schuldverschreibungen (zu Nominalwerten) in deutschen Portfolios signifikant senkt. Dies gilt auch dann, wenn die Spezifikation mit ihren Kontrollvariablen sehr restriktiv ist. Somit reagieren deutsche Portfolioinvestoren auf veränderte geopolitische Rahmenbedingungen schneller als deutsche Direktinvestoren. Ein wichtiger Faktor hierfür sind möglicherweise Transaktionskosten. Schuldverschreibungen werden fällig, ohne dass dabei Kosten anfallen. Zudem sind Wertpapierbestände günstiger zu liquidieren als physische Anlagen vor Ort.
4 Übrige Kapitalanlagen
Die wesentlichen Trends bei den übrigen Kapitalanlagen waren nicht von Einflüssen geografischer und geopolitischer Distanz geprägt. So spiegelten die beobachteten Entwicklungen der übrigen Kapitalanlagen zwischen 2007 und 2012 in erster Linie Dispositionen der Marktteilnehmer wider, die diese unter dem Eindruck der Finanz- und Staatsschuldenkrise trafen. Bis zum Ausbruch der Finanzkrise wuchsen die Netto-Auslandsforderungen deutscher Banken rasant. Heimische Kreditinstitute räumten ausländischen Partnerinstituten Liquiditätslinien ein, die diese beispielsweise zum Kauf für Anleihen von Finanzinstrumenten aus den USA oder dem Euroraum nutzen. Diese Entwicklung fand 2007 mit der globalen Finanzkrise ein jähes Ende. Deutsche Banken (ohne Bundesbank) reduzierten laut Auslandsstatus der Banken in der Folge ihr Kreditvolumen an ausländische Partnerbanken. Sie zogen sich aus internationalen Märkten zurück und hielten mehr Liquidität im Inland (deleveraging). Der Prozess der Bilanzverkürzung setzte sich während der Staatsschuldenkrise in einigen Ländern des Euro-Währungsgebiets bis Mitte 2012 fort. 14 Anschließend stabilisierten sich die Auslandsforderungen bei vorübergehenden Schwankungen bis zum Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. Seitdem nahmen unter anderem grenzüberschreitende Kredite deutscher Geschäftsbanken innerhalb der Bankengruppe zu.
Innerhalb des Gesamttrends zeigt sich, dass vor allem Forderungen gegenüber „westlichen“ Ländern zwischenzeitlich stark abnahmen. Das lag maßgeblich daran, dass deutsche Banken in diesen Ländern überdurchschnittlich stark engagiert waren. Hinzu kam, dass diese Länder von der Krise auch stärker betroffen waren als „östliche“ oder „neutrale“ Länder. Schaubild 3.11 zeigt die übrigen Kapitalanlagen deutscher Banken, aufgeschlüsselt nach den drei Länderblöcken „Westen“, „Neutral“ und „Osten“. Deutsche Banken bauten ihre Forderungspositionen im Bereich übriger Kapitalanlagen – insbesondere mit der globalen Finanzmarktkrise – gegenüber den europäischen Nachbarländern ab. 15 Dieser Rückgang setzte sich mit der europäischen Staatsschuldenkrise fort und stabilisierte sich dann. Mitte Juli 2022 lagen die Forderungen gegenüber dem „Westen“ wieder ungefähr auf dem Niveau von 2015, also von vor Beginn der Ankaufprogramme. Auffällig ist, dass nach der Coronavirus-Pandemie die Forderungen deutscher Banken gegenüber „westlichen“ und „neutralen“ Ländern jeweils um etwa 25 % anstiegen, während die Forderungen gegenüber dem „östlichen“ Länderblock um etwa 30 % zurückgingen.
Die geografische und geopolitische Distanz der Auslandsforderungen deutscher Banken ist tendenziell gesunken, unterliegt jedoch deutlichen Schwankungen im Zeitverlauf. Die Distanzmaße werden als wertgewichtete Durchschnitte berechnet. Dabei dient jeweils der Anteil der bilateralen Forderungen an den Gesamtforderungen als Gewicht für jede deutsche Bank. Schaubild 3.12 zeigt den Verlauf der geografischen und geopolitischen Distanz der übrigen Kapitalanlagen im Durchschnitt aller deutschen Banken. 16 Die Entwicklung verläuft hier anders als bei den Direktinvestitionen und Wertpapieranlagen. Die geografische Distanz nahm nach einer zwischenzeitlichen Erhöhung in den Jahren 2012 bis 2019 insgesamt ab. Gleiches gilt für die geopolitische Distanz, die jedoch sehr stark schwankte. Für die übrigen Kapitalanlagen ist daher auf den ersten Blick nicht eindeutig erkennbar, ob die geografische und geopolitische Distanz eine wesentliche Rolle bei den Geschäftsentscheidungen der deutschen Banken spielte.
Exkurs
Ökonometrische Untersuchungen zu den Auswirkungen geopolitischer Distanz auf die übrigen Kapitalanlagen deutscher Banken im Ausland
Der Schätzansatz ist der gleiche wie bei Direktinvestitionen und Wertpapierbeständen. Datengrundlage sind die Jahresendstände der übrigen Kapitalanlagen deutscher Banken im Ausland für den Zeitraum 2002 bis 2024. Schaubild 3.13 zeigt die Ergebnisse. Jede Zeile steht für eine eigene Spezifikation. Die Zeilen 6 und 7 bebildern die Ergebnisse der Schätzungen mit Interaktionstermen für die Jahre 2014 und 2022, die mögliche Strukturbrüche testen (siehe oben). Die Befunde sind über alle Spezifikationen hinweg ähnlich: Mit Ausnahme der Spezifikation mit Regionen-Zeit fixen Effekten ist der Einfluss geopolitischer Distanz negativ und signifikant. Damit reagieren übrige Kapitalanlagen ähnlich wie Wertpapierbestände auf geopolitische Faktoren. Banken passen ihre Auslandsengagements offenbar schneller an als Direktinvestoren.
Regressionsuntersuchungen zu den übrigen Kapitalanlagen deutscher Banken zeigen, dass die geopolitische Distanz die Forderungen deutscher Banken gegenüber dem Ausland negativ beeinflusst. 17 Die Reagibilität der übrigen Kapitalanlagen ist damit vergleichbar mit der Reagibilität der Bestände ausländischer Schuldverschreibungen in deutschen Portfolios. Ähnlich wie diese können übrige Kapitalanlagen vergleichsweise einfach umgeschichtet werden. Dies gilt vor allem für Kredite mit kurzer Laufzeit, die bei Fälligkeit nicht erneuert werden. Daher reagieren übrige Kapitalanlagen erwartungsgemäß sensibler auf politische Veränderungen als strategisch ausgerichtete Direktinvestitionen mit hohen Fixkosten.
5 Schlussfolgerungen
Geopolitische Faktoren beeinflussen sowohl die deutschen Wertpapieranlagen im Ausland als auch die übrigen Kapitalanlagen, bislang allerdings nicht nachweislich die deutschen Direktinvestitionsbestände. Die Analysen zeigen, dass deutsche Investoren ihr Engagement im Ausland weiterhin ausbauen und keine Hinweise auf einen generellen Rückzug aus dem Ausland vorliegen. Hiesige Investoren sind dabei am stärksten in Ländern engagiert, die Deutschland politisch nahestehen. Dies gilt insbesondere für Wertpapieranlagen und übrige Kapitalanlagen. Direktinvestitionen scheinen weniger von geopolitischen Faktoren betroffen zu sein, da sie strategisch langfristig geplant werden und Anpassungen daher nur verzögert erfolgen. Dennoch bleibt abzuwarten, wie deutsche Unternehmen in Zukunft auf veränderte geopolitische Rahmenbedingungen reagieren werden. Theoretisch lassen sich verzögerte Anpassungen von Direktinvestitionen damit begründen, dass bei hoher Unsicherheit und irreversiblen Fixkosten der Wert des Abwartens steigt.
Gopinath, G., P.-O. Gourinchas, A. F. Presbitero und P. Topalova (2025), Changing global linkages: A new Cold War?, Journal of International Economics, Vol. 153, 104042.