Geopolitische hybride Bedrohungen 83. Ausgabe – Juni 2026

Research Brief

Norbert Metiu, Martin Völpel

83. Ausgabe – Juni 2026

Geopolitische hybride Bedrohungen

— Norbert Metiu, Martin Völpel

Steigende geopolitische Spannungen führen zu einer Zunahme hybrider Bedrohungen wie Cyberangriffen, Sabotage an kritischer Infrastruktur, Spionage, wirtschaftlichem und politischem Zwang, der Verbreitung von Desinformationen sowie anderen Formen hybrider Kriegsführung. Doch wie wirken sich diese hybriden Bedrohungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte aus? Um diese Frage zu beantworten, erstellen wir einen neuen Index, der geopolitische hybride Bedrohungen misst, und untersuchen die ökonomischen Auswirkungen dieser Bedrohungen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass hybride Bedrohungen in erster Linie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpfen – und zwar durch erhöhte Unsicherheit, geschwächtes Vertrauen und verschärfte finanzielle Bedingungen. Gleichzeitig lösen sie politische Maßnahmen aus, wie etwa erhöhte Verteidigungsausgaben und geldpolitische Lockerungen. Diese Ergebnisse stehen im Gegensatz zu den überwiegend angebotsseitigen Effekten geopolitischer Risiken, die in der Literatur dokumentiert wurden.

Diagramm mit Binärzahlen auf abstraktem Hintergrund – Quelle: monsitj – stock.adobe.com
Diagramm mit Binärzahlen auf abstraktem Hintergrund
Quelle: monsitj – stock.adobe.com

doi.org/10.71734/RB-83-de

Was sind geopolitische hybride Bedrohungen und welche ökonomischen Folgen haben sie?

Wir sind in eine Zeit der Großmachtpolitik eingetreten, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 in Davos. Die zunehmende Komplexität und Vielschichtigkeit geopolitischer Spannungen zwischen Staaten werden durch hybride Bedrohungen verdeutlicht. Diese verwischen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden. Historisch gesehen umfassen hybride Bedrohungen eine Vielzahl feindseliger Aktivitäten, von hochkarätigen sowjetischen Spionagefällen, die in den 1980er Jahren aufgedeckt wurden, bis hin zu jüngeren Vorfällen wie der Annexion der Krim im Jahr 2014 durch russische irreguläre Kräfte, der russischen Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen 2016, dem globalen Cyberangriff WannaCry 2017, der nordkoreanischen Hackern zugeschrieben wird, sowie der Sabotage der Nord-Stream-Pipeline in der Ostsee im Jahr 2022. Im Gegensatz zu traditionellen militärischen Konflikten operieren hybride Bedrohungen oft unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges und untergraben dabei internationale Beziehungen sowie die Stabilität von Staaten. Trotz der wachsenden Bedeutung hybrider Bedrohungen bleiben ihre ökonomischen Auswirkungen weitgehend unerforscht – hauptsächlich, weil es bislang an einer geeigneten Messgröße fehlt. Diese Forschungslücke schließen wir in einer neuen Studie (Metiu und Völpel 2026). Zunächst quantifizieren wir hybride Bedrohungen anhand der Häufigkeit von Berichterstattung in Zeitungen. Anschließend analysieren wir ihre makroökonomischen und finanziellen Auswirkungen mithilfe eines strukturellen Vektorautoregressionsmodells (VAR). Dieses Modell ermöglicht es uns, die wichtigsten Übertragungskanäle zu identifizieren und besser zu verstehen. 

Messung geopolitischer hybrider Bedrohungen

Wir haben einen neuartigen Index zur Geopolitischen Hybriden Bedrohung (Geopolitical Hybrid Threat, GHT) entwickelt. Dieser basiert auf einer detaillierten Textanalyse von über zwölf Millionen Artikeln aus zehn führenden englischsprachigen Zeitungen mit internationaler Reichweite, aus dem Zeitraum von 1985 bis Anfang 2026. Der Index misst die Häufigkeit spezifischer Begriffe, die mit global auftretenden geopolitischen hybriden Bedrohungen in Verbindung stehen. Dazu zählen unter anderem Sabotage kritischer Infrastrukturen (sowohl physisch als auch cyberbasiert), wirtschaftlicher und politischer Zwang, Spionage, Desinformation und andere Formen hybrider Kriegsführung. Der GHT-Index zeigt seit Mitte der 2010er Jahre einen starken Anstieg hybrider Bedrohungen. Dieser übertrifft sogar die beobachteten Werte während der Spätphase des Kalten Krieges (siehe Abbildung 1). Dies unterstreicht die zunehmende Bedeutung hybrider Bedrohungen. Eine detaillierte Analyse des Index zeigt, dass insbesondere der Einsatz von Desinformation und die Sabotage kritischer Infrastrukturen, einschließlich Cyberangriffen, in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen haben (siehe Abbildung 2).

Index zur Geopolitischen Hybriden Bedrohung
Index zur Geopolitischen Hybriden Bedrohung
Kategorien des Index zur Geopolitischen Hybriden Bedrohung
Kategorien des Index zur Geopolitischen Hybriden Bedrohung

Analyse der makroökonomischen und finanziellen Auswirkungen von hybriden Bedrohungsschocks

Wir analysieren die makroökonomischen und finanziellen Auswirkungen hybrider Bedrohungen mithilfe eines strukturellen VAR-Modells mit US-amerikanischen und globalen Daten von Q1 1986 bis Q2 2025. Um die kausalen Effekte hybrider Bedrohungen zu identifizieren, verwenden wir einen narrativen Ansatz. Hierzu nutzen wir eine Dummy-Variable, die historisch bedeutsame Ereignisse im Kontext hybrider Bedrohungen erfasst, welche in der Regel mit deutlich sichtbaren Anstiegen des GHT‑Index einhergehen. Unsere Analyse liefert drei zentrale Ergebnisse (siehe Abbildung 3 – zur besseren Interpretierbarkeit wird der Schock so skaliert, dass er dem Anstieg des GHT‑Index zum Zeitpunkt der russischen Invasion in die Ukraine im ersten Quartal 2022 entspricht). Erstens erzeugt ein exogener Anstieg hybrider Bedrohungen makroökonomische Effekte, die einem negativen Nachfrageschock ähneln: Die realwirtschaftliche Aktivität und die Preise sinken, während sich das Geschäftsvertrauen verschlechtert. Gleichzeitig steigt die Unsicherheit in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten. Zweitens führt ein hybrider Bedrohungsschock zu einer Verschärfung der finanziellen Bedingungen. Dies erhöht die externen Finanzierungskosten von Unternehmen und belastet die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zusätzlich. Drittens löst der Schock expansive Politikmaßnahmen aus: Die Geldpolitik wird gelockert, und die Verteidigungsausgaben steigen, um die militärischen Fähigkeiten zu stärken. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass hybride Bedrohungen in offene Konflikte eskalieren könnten, und führt zu einem Anstieg öffentlicher Schulden.

Ökonomische Effekte eines hybriden Bedrohungsschocks
Ökonomische Effekte eines hybriden Bedrohungsschocks

Fazit

Die Erstellung des neuartigen GHT-Index ermöglicht es uns, die makroökonomischen und finanziellen Auswirkungen geopolitischer hybrider Bedrohungen zu analysieren. Dabei verbinden wir verschiedene Forschungsstränge. Unsere Ergebnisse zeigen, dass hybride Bedrohungsschocks die wirtschaftliche Aktivität hauptsächlich durch eine Schwächung der Gesamtnachfrage dämpfen. Dies steht im Gegensatz zu den überwiegend angebotsseitigen Effekten geopolitischer Risiken, die aus offenen militärischen Konflikten resultieren und in der bestehenden Literatur dokumentiert sind (z. B. Caldara und Iacoviello 2022, Bondarenko et al. 2024, Caldara et al. 2026). Insofern stimmen die Auswirkungen von hybriden Bedrohungsschocks eher mit den makroökonomischen Folgen von Unsicherheitsschocks überein (z. B. Leduc und Liu 2016, Basu und Bundick 2017, Deutsche Bundesbank 2025). Diese Assoziation ist naheliegend, da das Ziel hybrider Kriegsführung darin besteht, Gesellschaften zu destabilisieren sowie Angst und Unsicherheit in der Zielbevölkerung zu verbreiten. Der daraus resultierende Vertrauensverlust führt zu erhöhter Vorsicht bei Unternehmen und Verbrauchern, was wiederum die Gesamtnachfrage dämpft, anstatt das Angebot einzuschränken. In der Folge wird die Geldpolitik gelockert und die Fiskalpolitik durch höhere Verteidigungsausgaben ausgeweitet, welche durch öffentliche Schulden finanziert werden. Insgesamt deutet unsere Analyse darauf hin, dass die stimulierenden Effekte dieser expansiven Politikmaßnahmen die negativen Nachfrageeffekte hybrider Bedrohungsschocks nicht ausgleichen.

Literaturangaben

Basu, S. und B. Bundick (2017), Uncertainty shocks in a model of effective demand, Econometrica 85, 937–958.

Bondarenko, Y., V. Lewis, M. Rottner und Y. Schueler (2024), Geopolitical risk perceptions, Journal of International Economics 152, 104005.

Caldara, D. und M. Iacoviello, (2022), Measuring geopolitical risk, American Economic Review 112, 1194–1225.

Caldara, D., S. Conlisk, M. Iacoviello und M. Penn (2026), Do geopolitical risks raise or lower inflation?, Journal of International Economics 159, 104188.

Deutsche Bundesbank (2025), Konjunktur in Deutschland, Monatsbericht, November 2025. 

Leduc, S. und Z. Liu (2016), Uncertainty shocks are aggregate demand shocks, Journal of Monetary Economics 82(C), 20–35.

Metiu, N. und M. Völpel (2026), Geopolitical Hybrid Threats, Discussion Paper 11/2026, Deutsche Bundesbank.

Autoren

Norbert Metiu

Deutsche Bundesbank, Generaldirektorat Finanzstabilität

Martin Völpel

Deutsche Bundesbank, Generaldirektorat Finanzstabilität

Haftungsausschluss

Die hier geäußerten Ansichten spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Deutschen Bundesbank oder des Eurosystems wider.