Der Irankrieg prägte die Finanzmärkte vor allem über zwei Kanäle: steigende Inflationserwartungen und eingetrübte Konjunkturaussichten. Mit dem Beginn des Krieges zwischen den USA sowie Israel und dem Iran wurden abrupt die Folgen von höheren Energierohstoffpreisen in die Bewertungen an den Anleihe-, Devisen- und Aktienmärkten einbezogen. So stiegen die kurzfristigen marktbasierten Inflationserwartungen insbesondere im Euroraum deutlich, und die Marktteilnehmer revidierten ihre Erwartungen über das zukünftige Leitzinsniveau nach oben. Das gab Renditen langfristiger Staatsanleihen Auftrieb, senkte den Risikoappetit und belastete die Märkte für risikobehaftete Anlagen. Dennoch blieben die längerfristigen Inflationserwartungen am mittelfristigen 2 %-Inflationsziel verankert. Der Euro geriet gegenüber dem US-Dollar in dieser Phase unter Druck. Nach Ankündigung einer Waffenruhe im Irankonflikt Anfang April erholten sich Risikoappetit, Euro und Aktienbewertungen merklich, da besonders adverse Szenarien für die Energierohstoffmärkte zunächst unwahrscheinlicher erschienen. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen blieben dennoch erhöht, was insbesondere auf die bis zuletzt zunehmenden Erwartungen höherer Kurzfristzinsen in der Zukunft zurückzuführen war. Daneben erlitt die Zuversicht der Marktteilnehmer mit Blick auf eine rasche Lösung des Konflikts und eine Normalisierung an den Energiemärkten einen Dämpfer. Denn es blieb offen, ob und wann die für Energierohstoffe bedeutende Straße von Hormus für die Schifffahrt wieder passierbar würde. Gleichwohl erreichten US-amerikanische Aktien einhergehend mit einem gestiegenen Risikoappetit zuletzt ein neues Allzeithoch. Der Wertzuwachs europäischer Aktien fiel vor dem Hintergrund anhaltend hoher Energiepreise und einer eingetrübten Konjunkturperspektive für Europa geringer aus. Der Euro gab zuletzt wieder nach, da überraschend hohe US-Inflationszahlen die Leitzinserwartungen in den USA steigen ließen.
2 Wechselkurse
Der Wechselkurs des Euro stand gegenüber dem US-Dollar nach den vorherigen belastenden politischen Entwicklungen Ende Februar infolge des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran und den davon ausgelösten Spannungen an den Rohölmärkten vorübergehend unter Druck. Die seit Jahresbeginn dominierenden politischen Entwicklungen vor allem um Grönland führten zu einer merklichen Abwertung des US-Dollar. Diese kehrte sich mit der Zuspitzung der Spannungen um den Iran um. Bereits Mitte Februar begannen die Märkte angesichts stockender Gespräche zwischen den USA und dem Iran über das iranische Atomprogramm eine militärische Eskalation einzupreisen. Mit den Angriffen verstärkte sich der Abwertungsdruck auf den Euro dann deutlich. Ein wichtiger Grund hierfür war der starke Anstieg der Energiepreise. Er belastete den Euroraum stärker als die USA, weil der Euroraum als Netto-Ölimporteur von höheren Energieimportkosten und einer Verschlechterung der Handelsbilanz besonders betroffen war. Dies führte auch zu schwächeren Wachstumsaussichten des Euroraums relativ zu den USA, was den Euro zusätzlich belastete. Eine modellbasierte Zerlegung der Wechselkursbewegung deutet zudem darauf hin, dass ein rückläufiger Risikoappetit zur Abwertung des Euro beitrug (vgl. Schaubild 3.2). Ab Mitte März erholte sich der Euro jedoch etwas, weil die Märkte nach den Sitzungen des Fed-Offenmarktausschusses und des EZB-Rats damit rechneten, dass sich der Zinsvorsprung der USA gegenüber dem Euroraum verringern würde. Dahinter stand, dass verschiedene Indikatoren – darunter marktbasierte, umfragebasierte und modellgestützte Maße – auf stärker gestiegene Inflationserwartungen im Euroraum hinwiesen. Die Märkte rechneten deshalb mit einer strafferen Geldpolitik des Eurosystems. Die Anfang April verkündete Waffenruhe zwischen den Kriegsparteien am Golf verstärkte die Erholung des Euro deutlich. Sie entspannte Ausblick den auf den Ölmarkt und verbesserte damit insbesondere die Perspektiven für energieimportierende Volkswirtschaften wie den Euroraum. Da eine tragfähige Einigung zwischen den USA und dem Iran jedoch ausblieb, blieb der Wechselkurs anfällig für neue Ausschläge. Darüber hinaus belasteten überraschend hohe US-Inflationszahlen, in deren Folge die Leitzinserwartungen in den USA anstiegen, den Euro. Im Ergebnis notierte der Euro zum Abschluss dieses Berichts bei 1,16 US-$ und damit 0,9 % schwächer als zum Jahreswechsel.
Der Euro notiert zum Yen gegenüber dem Jahresbeginn per saldo etwas stärker, nachdem er unmittelbar vor Interventionssignalen japanischer Behörden zwischenzeitlich noch ein neues Allzeithoch erreicht hatte. Vor Ausbruch des Irankriegs wechselten sich belastende und stützende Einflüsse ab, sodass der Euro-Yen-Kurs ohne klare Tendenz schwankte. Belastend für den Yen wirkten vor allem geldpolitische und makroökonomische Faktoren. Japanische Inflationsdaten, die niedriger ausfielen als von den Märkten erwartet, dämpften die Erwartungen auf weitere Zinserhöhungen. Dazu trug auch die Nominierung zweier Ökonomen für den geldpolitischen Rat der Bank of Japan bei, die nach Ansicht von Marktteilnehmern eine eher lockere Geldpolitik befürworten. Zudem belasteten Sorgen über zusätzliche Fiskalmaßnahmen und deren Auswirkungen auf die Staatsverschuldung die japanische Währung. Demgegenüber stützten Berichte über Devisenkursabfragen US-amerikanischer Behörden den Yen. Solche Abfragen, oder „rate checks“, begründeten Erwartungen möglicher Stützungsmaßnahmen seitens der Fed zugunsten der japanischen Währung. Zudem begünstigte der klare Wahlsieg von Premierministerin Takaichi den Yen. Marktteilnehmer verbanden damit eine geringere innenpolitische Unsicherheit. Mit der Eskalation im Nahen Osten profitierte der Yen zunächst von Netto-Kapitalzuflüssen aufgrund der gestiegenen globalen Unsicherheit. Vor allem im April kehrte sich die Entwicklung jedoch um, und der Euro gewann gegenüber dem Yen kräftig an Wert. Er erreichte Mitte des Monats ein Rekordniveau von 188 Yen. Ausschlaggebend dafür war die Geldpolitik. Während die Märkte im Euroraum infolge des Energiepreisschocks deutlich höhere kurzfristige Zinsen einpreisten, erhöhten sich die Zinserwartungen in Japan nur moderat. Dadurch weitete sich das Zinsgefälle zugunsten des Euro aus. Zuletzt wurde die Yen-Schwäche durch verschärfte Interventionswarnungen aus dem japanischen Finanzministerium begrenzt. In unmittelbarer Folge der Warnung wertete der Euro sprunghaft ab (vgl. Schaubild 3.3), was Marktteilnehmer auf mutmaßliche Yen-Käufe durch die japanischen Behörden gegen US-Dollar zurückführten. Zum Abschluss dieses Berichts handelte der Euro zu 185 Yen und damit 0,5 % über seinem Wert zu Jahresbeginn.
Der Euro verlor gegenüber dem Pfund Sterling im Berichtszeitraum an Wert. Dabei wurde der Euro-Pfund-Kurs vor allem durch die sich infolge des Irankriegs verändernden geldpolitischen Erwartungen beeinflusst. Anfang Februar, also noch vor dem Kriegsausbruch, beließ die Bank of England ihren Leitzins zwar unverändert bei 3,75 %. Es überraschte die Märkte jedoch, dass vier der neun Ausschussmitglieder für eine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte stimmten. In der Folge wurden frühere Zinssenkungen im Vereinigten Königreich eingepreist, und das Pfund gab nach. Schwächere britische Wachstums- und Arbeitsmarktdaten Mitte Februar verstärkten die Euro-Aufwertung. Der Energiepreisschock nach Kriegsbeginn im Nahen Osten erhöhte die Inflationserwartungen weltweit, besonders stark aber im Vereinigten Königreich. Dort traf er auf bereits höhere und hartnäckigere binnenwirtschaftliche Preisimpulse, insbesondere bei Dienstleistungen. Dadurch wurden die Erwartungen über den künftigen geldpolitischen Kurs der Bank of England stärker nach oben revidiert als im Euroraum, was das Pfund stützte. Sichtbar wurde dies auch daran, dass der geldpolitische Ausschuss der Bank of England im März – anders als noch im Februar – einstimmig beschloss, den Leitzins unverändert bei 3,75 % zu belassen. Im April wertete der Euro weiter ab, als eine rückläufige britische Arbeitslosenquote, robuste Einkaufsmanagerindizes und steigende Einzelhandelsumsätze veröffentlicht wurden. Per saldo lag der Euro zum Abschluss dieses Berichts bei 0,87 Pfund und damit um 0,3 % niedriger als zum Vorjahresende.
Im gewogenen Durchschnitt gegenüber wichtigen Handelspartnern gab der Euro nach. Er verlor im Berichtszeitraum per saldo effektiv um 1,3 % an Wert. Davon ist mehr als die Hälfte allein auf die Abwertung gegenüber dem Renminbi um 3,7 % zurückzuführen. Hinzu kam eine spürbare Abwertung gegenüber dem Forint um 6,2 %, die den nominalen effektiven Euro ebenfalls merklich dämpfte. Ursache für die Abwertung gegenüber dem Forint war der Wahlerfolg der Opposition in Ungarn, der Hoffnungen auf eine günstigere Konjunkturentwicklung nährte. Insgesamt verbesserte sich durch die effektive Euro-Abwertung die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums und Deutschlands leicht.
3 Wertpapiermärkte
3.1 Rentenmarkt
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen stiegen seit Jahresbeginn im Ergebnis deutlich an. Vor dem Irankrieg sanken die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen allerdings zunächst leicht. Denn Anfang des Jahres fielen US-Inflationsdaten niedriger aus als erwartet, und auch Sorgen um die Unabhängigkeit der US-Notenbank traten allmählich etwas in den Hintergrund. Aus Sicht der Marktteilnehmer ging damit auch die Unsicherheit über den zukünftigen Verlauf des Leitzinspfades zurück, und sie verlangten geringere Laufzeitprämien für die Übernahme von Zinsänderungsrisiken. Dies zeigt eine modellbasierte Zerlegung der Zinsstrukturkurve von US-Staatsanleihen, die die Renditen in eine Erwartungskomponente und Laufzeitprämien zerlegt (Schaubild 3.4). Nach Beginn des Irankriegs veränderten sich die geldpolitischen Aussichten für die USA spürbar. Angesichts höherer Energierohstoffpreise und des damit verbundenen zum Teil überraschend starken Anstiegs der Inflation sahen die Marktteilnehmer für die US-Notenbank keinen Spielraum mehr für Zinssenkungen und kalkulierten zuletzt auch mögliche Zinserhöhungen ein. Die robuster als erwartet verlaufende konjunkturelle Entwicklung der US-Wirtschaft und insbesondere des Arbeitsmarktes verstärkte diese Einschätzung. Zudem erhöhte der Irankrieg auch die wahrgenommenen Zinsänderungsrisiken, sodass die Laufzeitprämien nach Beginn des Konflikts wieder merklich anzogen. Per saldo lagen sie zuletzt gegenüber dem Beginn des Berichtszeitraums jedoch wenig verändert. 1 In früheren Kriegs- und Krisenphasen suchten Anleger US-Staatsanleihen oft als besonders sichere Anlage. Das dämpfte die Renditen im Vergleich zu Zinsswaps mit gleicher Laufzeit (OIS-Sätze). Im Zuge des Irankriegs zeigte sich dieser Effekt jedoch nicht. Zuletzt lagen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen mit 4,7 % um 44 Basispunkte höher als zu Jahresbeginn.
Auch die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen stiegen seit Jahresbeginn merklich. Zwar beließ das Eurosystem die Leitzinsen im gesamten Berichtszeitraum unverändert. Dennoch wurden die geldpolitischen Aussichten nach dem Ausbruch des Irankriegs von den Marktteilnehmern neu bewertet. Mit den stark steigenden Energierohstoffpreisen zogen die marktbasierten Inflationserwartungen deutlich an, und die Märkte preisten einen höheren Leitzinspfad ein als zuvor. Die Neubewertung fiel anfangs stärker aus als in den USA, was an der höheren Abhängigkeit des Euroraums von Energieimporten liegen dürfte. Der höhere erwartete Leitzinspfad ließ auch die Renditen von langfristigen Bundesanleihen ansteigen. Anziehende Laufzeitprämien verstärkten diesen Renditeanstieg. Darin kam die gestiegene Unsicherheit über den künftigen geldpolitischen Kurs zum Ausdruck. In der Folge rentierten zehnjährige Bundesanleihen Ende März auf ihrem höchsten Stand seit dem Jahr 2011. Nach dem Waffenstillstand gaben die Renditen zwar vorübergehend etwas nach. Wegen der ungelösten Lage im Nahen Osten und im Zinsverbund mit den USA zogen sie jedoch wieder an und lagen zuletzt mit 3,2 % wieder nahe an ihrem langjährigen Höchstwert. Dies entsprach einem Anstieg um 29 Basispunkte seit Jahresbeginn. Direkt nach dem Ausbruch des Irankriegs hatte sich der Abstand zum laufzeitgleichen Zinsswap-Satz (OIS-Satz) leicht verringert. Dies deutete auf eine zeitweilig erhöhte Nachfrage nach besonders sicheren und liquiden Anlagen hin, die sich in einer höheren Knappheitsprämie für Bundesanleihen niederschlug. Im Ergebnis veränderte sich der Renditeabstand gegenüber dem Jahresbeginn trotz der weltpolitischen Krisen aber wenig.
In anderen großen Währungsräumen zogen die Renditen langfristiger Staatsanleihen zum Teil deutlich an. In Japan gingen die Renditen nach dem Regierungswechsel zunächst zurück. Die neue Regierung reagierte auf Bedenken zur Schuldentragfähigkeit und kündigte messbare Ziele für die Haushaltskonsolidierung an. Nach dem Ausbruch des Irankriegs folgten die Renditen in Japan dem internationalen Trend. Sie lagen zuletzt mit 2,8 % um 69 Basispunkte höher als zu Jahresbeginn und damit auf einem mehrjährigen Höchststand. Im Vereinigten Königreich stiegen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen ähnlich stark. Sie erreichten 5,2 % und legten damit seit Jahresbeginn um 63 Basispunkte zu. Neben dem durch Energierohstoffpreise verursachten Inflationsschub bleibt die Kerninflation im Vereinigten Königreich weiterhin auf hohem Niveau. Vor diesem Hintergrund erwarteten die Märkte für das laufende Jahr Leitzinsanhebungen durch die Bank of England (siehe auch Wechselkursteil).
Trotz deutlicher Renditebewegungen blieben die Renditeabstände im Euroraum weitgehend stabil. Die BIP-gewichteten Abstände zehnjähriger Staatsanleihen gegenüber laufzeitgleichen Bundesanleihen blieben gegenüber dem Jahresbeginn im Ergebnis unverändert bei 52 Basispunkten. Auf Länderebene zeigte sich ein uneinheitliches Bild. Die Renditeaufschläge französischer Staatsanleihen verringerten sich leicht, weil nach einer Phase erhöhter politischer Unsicherheit zu Jahresbeginn ein regulärer Haushalt beschlossen wurde. In einigen Ländern der Peripherie des Euroraums nahmen die Renditeaufschläge infolge geringeren Risikoappetits im Berichtszeitraum leicht zu.
Die kurzfristigen marktbasierten Inflationserwartungen für den Euroraum, die aus Inflationsswaps abgeleitet werden, stiegen infolge des Irankriegs stark an. Bereits seit Jahresbeginn zogen die marktbasierten Inflationserwartungen für das Jahr 2026 angesichts gestiegener Rohölnotierungen an. Nach Beginn des Irankriegs und den dadurch ausgelösten Verwerfungen an den internationalen Energiemärkten nahmen sie weiter stark zu und lagen zuletzt mit 3,5 % erheblich über dem mittelfristigen Inflationsziel und rund 2 Prozentpunkte über ihrem Stand Ende 2025. 2 Angesichts der Sorge, dass die Sperrung der Straße von Hormus trotz des Waffenstillstands länger andauern könnte, stiegen auch die marktbasierten Inflationserwartungen für das Jahr 2027 merklich auf zuletzt 2,9 %. Vor dem Hintergrund der andauernden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und den anhaltend hohen Rohölnotierungen verschoben die Märkte ihre Erwartung einer Rückkehr der Inflationsrate in die Nähe des mittelfristigen Ziels in den vergangenen Wochen schrittweise weiter in die Zukunft. Derzeit erwarten die Marktteilnehmer, dass die Inflationsrate erst 2028 wieder in die Nähe des mittelfristigen Ziels zurückkehrt. Demgegenüber rechnen die von Consensus Economics befragten Prognostiker für das laufende Jahr zuletzt mit einer merklich niedrigeren Inflationsrate von 2,9 %. Eine Rückkehr in die Nähe des mittelfristigen Ziels prognostizieren sie bereits für das Jahr 2027 (2,2 %). Aus Marktsicht bestehen für das laufende und die beiden nächsten Jahre verstärkte Aufwärtsrisiken für die Inflation. Anders als die Umfragen, die ausschließlich Erwartungen reflektieren, enthalten die marktbasierten Inflationserwartungen derzeit auch erhöhte Risikoprämien, in der die große Unsicherheit über die weitere Preisentwicklung zum Ausdruck kommt.
Marktindikatoren und Umfragen deuten darauf hin, dass die langfristigen Inflationserwartungen gut verankert sind. Die in fünf Jahren beginnende fünfjährige Termininflationsrate ist zwar gegenüber dem Jahresende 2025 gestiegen. Sie liegt aber weiterhin in der Nähe des mittelfristigen 2 %-Ziels des Eurosystems. Die längerfristigen umfragebasierten Inflationserwartungen von Consensus Economics, die vierteljährlich erhoben werden, lagen im April weiterhin nahe dem mittelfristigen Inflationsziel. Beide Indikatoren deuten darauf hin, dass die langfristigen Inflationserwartungen weiterhin gut verankert sind. Auch die Experten des von der EZB erhobenen Survey of Professional Forecasters rechnen langfristig mit einer Inflation nahe dem mittelfristigen Ziel.
Die Renditen europäischer Unternehmensanleihen stiegen im Berichtszeitraum weitgehend im Einklang mit Bundesanleihen an; im Ergebnis haben sich die Renditeaufschläge gegenüber Bundesanleihen kaum verändert. Die Renditen sieben- bis zehnjähriger Unternehmensanleihen der Ratingklasse BBB erhöhten sich für finanzielle und nichtfinanzielle Unternehmen um 31 beziehungsweise 33 Basispunkte. Die Renditeaufschläge von Anleihen finanzieller und nichtfinanzieller Unternehmen gegenüber laufzeitgleichen Bundesanleihen blieben dabei praktisch unverändert. Indes engten sich die Renditeaufschläge hoch verzinslicher Anleihen etwas ein.
Exkurs
Streubesitz von Bundeswertpapieren vor allem durch Käufe von Anlegern außerhalb des Euroraums gestiegen
Bundeswertpapiere bilden aufgrund der hohen Bonität des Bundes und ihrer ausgeprägten Liquidität eine wichtige Bezugsgröße (Benchmark) für die Kurse anderer Finanzinstrumente im Euroraum. Ihre Renditen dienen häufig als Referenz für die Bepreisung anderer Anleihen. Eine notwendige Bedingung, um diese Benchmark-Funktion ausfüllen zu können, ist ein ausreichend hoher Streubesitz, der eine tiefe und liquide Marktpreisbildung ermöglicht. Auf die jüngere Entwicklung des Streubesitzes sowie die Veränderung der Halterstruktur von deutschen öffentlichen Anleihen im Vergleich zu den übrigen Anleihen des Euroraums gehen die folgenden Ausführungen näher ein. 1
Der Streubesitz bezeichnet hier den Anteil einer Wertpapieremission, der typischerweise nicht bis zur Endfälligkeit gehalten wird und damit frei zum Handel zur Verfügung steht – im Unterschied zu Beständen strategischer, langfristig orientierter Investoren. Eine entsprechende Handelstätigkeit basierend auf einer ausreichend guten Marktliquidität ist erforderlich, damit Kurse neue Informationen zeitnah widerspiegeln. Mittels der sektoralen Wertpapierhalterstatistik des Eurosystems (SHS) 2 lässt sich der Streubesitz aus der Summe der Bestände des gesamten Privatsektors, vermindert um die Bestände, die von Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds gehalten werden, berechnen. 3 Diese werden den strategischen Investoren zugerechnet, da sie ihren langlaufenden Verbindlichkeiten bis zur Fälligkeit laufende Vermögenswerte gegenüberstellen und darüber hinaus strengen regulatorischen Vorgaben unterliegen, die nur den Erwerb von Vermögenswerten innerhalb eines engen Mandats erlauben. Auch öffentliche Investoren, wie etwa Zentralbanken werden den langfristig orientierten Investoren zugeordnet, die die Papiere in der Regel bis zur Endfälligkeit halten. Die Bestände dieser Investorengruppe zählen daher ebenfalls nicht zum Streubesitz.
Seit dem Ende der Nettoankäufe der geldpolitischen Ankaufprogramme steigt der Streubesitz von Bundeswertpapieren wieder (Schaubild 3.7). 4 Sowohl der Streubesitz in absoluten Beträgen als auch als prozentualer Anteil des Gesamtumlaufs der ausstehenden Anleihen haben sich auch im Jahr 2025 weiter erhöht. Dabei lag der Anteil am Gesamtumlauf mit zuletzt rund 33 % auf einem Niveau, das davor vor dem Beginn des Pandemic Emergency Purchase Programme(PEPP) erreicht wurde. Der Streubesitz in absoluten Beträgen stieg im Vergleich sogar noch stärker und lag mit zuletzt gut 610 Mrd € höher als zu Beginn des Jahres 2015, als die Ankäufe von Staatsanleihen durch das Eurosystem begannen. Im Rahmen des Public Sector Purchase Programme(PSPP) und des PEPP stieg das Eurosystem zum größten Einzelinvestor von Bundeswertpapieren auf. Da das Eurosystem zu den nicht preissensitiven Investoren gezählt wird, reduzierten die Käufe entsprechend den Streubesitz von Bundeswertpapieren. Erst mit dem Auslaufen der geldpolitischen Nettoankäufe Mitte des Jahres 2022 setzte eine Trendumkehr ein.
Der Grund für den stärkeren Anstieg der absoluten Messgröße des Streubesitzes ist der deutlich gestiegene Umlauf an Bundeswertpapieren (Schaubild 3.8). Dieser Trend dürfte sich angesichts des Anfang 2025 beschlossenen Fiskalpakets und der geplanten zusätzlichen Ausgaben für die Verteidigung auch im laufenden Jahr fortsetzen.
Der Anstieg des Streubesitzes von Bundeswertpapieren dürfte dazu beigetragen haben, dass sich die vormals beobachtete Knappheitsprämie eingeengt hat (Schaubild 3.9). Als Knappheitsprämie wird hier die Zinsdifferenz zwischen den Renditen zehnjähriger Bundesanleihen und dem Overnight-Index-Swap-Zinssatz mit zehnjähriger Laufzeit (OIS-Zinssatz) verstanden. 5 Der OIS-Zinssatz spiegelt die Markterwartungen zum künftigen kurzfristigen Geldmarktzins wider und gilt – ähnlich wie Bundesanleihen – als nahezu risikofrei. Die verbleibende Renditedifferenz wird daher im Wesentlichen auf die besondere Nachfrage nach Bundesanleihen und deren begrenztes Angebot zurückgeführt, die auch durch regulatorische Vorgaben begünstigt werden können. Diese Zinsdifferenz engte sich seit Mitte 2022 mit dem Anstieg des Streubesitzes von Bundeswertpapieren unter leichten Schwankungen sukzessive ein. Inzwischen liegt sie wieder im positiven Bereich und notiert auf einem Niveau von vor dem Beginn der geldpolitischen Ankaufprogramme.
Seit dem Auslaufen der geldpolitischen Nettoankäufe Mitte 2022 hat sich die Halterstruktur deutscher Anleihen der öffentlichen Hand deutlich verschoben (Schaubild 3.10). 6 Im Juni 2022 befanden sich rund 40 % des gesamten Umlaufs im Bestand des Eurosystems. Bis Ende 2025 ging dieser Anteil kontinuierlich auf 26 % zurück. Dementsprechend stieg der relative Anteil der anderen Anlegergruppen. Insbesondere Anleger aus Drittstaaten außerhalb des Euroraums stockten ihre Anteile über diesen Zeitraum deutlich um 9 Prozentpunkte auf, sodass sie gut ein Drittel (34 %) des gesamten Umlaufs in ihren Depots hielten. Zu den dahinter stehenden Anlegergruppen bieten die von den Bieterbanken gemeldeten Umsätze in Bundeswertpapieren einen indikativen Einblick. 7 Danach spielten insbesondere auch international agierende Asset Manager und Hedgefonds eine bedeutende Rolle, die 2025 für zusammen rund 38 % des gemeldeten Brutto-Handelsvolumens von Bundeswertpapieren verantwortlich waren. Ein großer Teil dieser Investoren dürfte aus den USA stammen, wo außerhalb von Europa das mit Abstand höchste Handelsvolumen bei Bundeswertpapieren zu verzeichnen war. Für die übrigen öffentlichen Anleihen des Euroraums zeigten die Investoren außerhalb des Euroraums im Ergebnis nur mäßiges zusätzliches Interesse, was sich bei den Beständen Ende 2025 in einem leichten Anstieg der Anteile auf 18 % niederschlug. 8 Den Großteil hielten Investoren aus dem Euroraum, und innerhalb dieser Gruppe insbesondere Anleger aus dem jeweiligen Heimatmarkt (31 %). Diese Präferenz heimischer Investoren für inländische öffentliche Anleihen (Home Bias) war in Deutschland mit knapp einem Viertel (23 %) des Gesamtumlaufs deutlich schwächer ausgeprägt. Hierin zeigt sich der wechselseitig verstärkende Einfluss von Benchmark-Status und Qualität. Bei deutschen öffentlichen Anleihen ist das Spannungsverhältnis zwischen Emissionsvolumen und Sicherheit so austariert, dass sie für internationale Investoren im Vergleich zu Anleihen anderer öffentlicher Emittenten des Euroraums am attraktivsten sind.
Banken des Euroraums haben ihre Bestände an öffentlichen Anleihen aus Deutschland und dem übrigen Euroraum im Jahr 2025 deutlich aufgestockt (Schaubild 3.11). Seit Ende 2024 erwarben sie deutsche Anleihen im Ergebnis für einen Nominalwert von rund 50 Mrd €. Ergänzend kauften sie übrige öffentliche Anleihen im Euroraum im gleichen Zeitraum für knapp 300 Mrd €. Der Hintergrund für dieses Interesse dürften neben reinen Rendite- auch Liquiditätsüberlegungen der Banken gewesen sein, die im Zusammenhang mit der Erfüllung der regulatorisch vorgegebenen Liquiditätsdeckungsquote (LCR) standen. Im Rahmen der LCR-Optimierung strukturierten Banken ihre Liquiditätsbestände zulasten von EZB-Reserven stärker hin zu verzinslichen, hoch liquiden Aktiva (HQLA) um.
Banken des Euroraums erwarben seit dem Auslaufen der Nettoankäufe des Eurosystems netto betrachtet öffentliche Anleihen aus ihrem jeweiligen Sitzstaat.Banken sind unter anderem durch das Halten von Anleihen ihres Sitzstaates gegenüber den fiskalischen Risiken ihres Sitzstaates exponiert. 9 Dieses Exposure unterscheidet sich zwischen den Ländern des Euroraums zum Teil stark. Im Falle Deutschlands hielten inländische Banken 7 % des Umlaufs an öffentlichen Anleihen. Dieser Anteil blieb seit 2022 unverändert. Im Aggregat aller Euroraumländer ohne Deutschland stieg das Exposure bis Ende 2025 leicht um einen halben Prozentpunkt auf 12 % an (1 091 Mrd €; siehe Schaubild 3.10).
Nichtfinanzielle Investoren des Euroraums erhöhten seit 2022 ihre Bestände an öffentlichen Anleihen aus ihrem jeweiligen Sitzstaat. Das trifft sowohl auf deutsche wie auf nicht deutsche nichtfinanzielle Anleger zu. Deutsche nichtfinanzielle Anleger hielten 2022 9 % und erhöhten diesen Anteil um 1 Prozentpunkt. Bei nicht deutschen nichtfinanziellen Anlegern lag der Bestand an heimischen Papieren 2022 bei 4 % und Ende 2025 bei 7 %. In Deutschland stand zu einem wesentlichen Teil hinter dem Anstieg die Finanzagentur, die ihre Eigenbestände an Bundeswertpapieren aufstockte. Neben zusätzlicher Flexibilität für kurzfristige Finanzierungsbedarfe dürfte dies auch dem Ziel gedient haben, die Liquidität und Funktionsfähigkeit des Repo-Marktes zu unterstützen. 10 Außerhalb Deutschlands war es in einigen Ländern vor allem die Gruppe der inländischen Privatanleger, zu denen auch Kleinanleger gehören, die ihren Anteil erhöhte.
3.2 Aktienmarkt
US-amerikanische und europäische Aktien notierten zum Abschluss dieses Berichts trotz deutlicher zwischenzeitlicher Kursrückgänge infolge des Kriegsgeschehens im Nahen Osten wieder über ihren Ständen zu Jahresbeginn. Vor dem Ausbruch des militärischen Konflikts im Nahen Osten hatte sich der EuroStoxx, beflügelt durch günstige Konjunktursignale, verbesserte Gewinnerwartungen und einen hohen Risikoappetit, besonders dynamisch entwickelt und notierte kurz vor Konfliktbeginn 6,3% über seinem Stand zu Jahresbeginn. Demgegenüber legte der US-amerikanische S&P500 bis dahin nur leicht zu (+0,5%). Der vergleichsweise schwache Anstieg dort dürfte vor allem mit vorübergehenden Wertverlusten großer US-Technologiewerte zusammengehangen haben. Dabei spielten offenbar Sorgen über eine mögliche Überbewertung von Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz eine Rolle.Mit Beginn des Konflikts brachen die Aktienkurse beiderseits des Atlantiks auf breiter Front ein. Die Verluste fielen im Euroraum jedoch stärker aus als in den USA. Dies spiegelte die Markterwartung wider, dass die stärker von Öl- und Gasimporten abhängige europäische Wirtschaft von den kriegsbedingten Verwerfungen an den Energiemärkten stärker betroffen sein würde. Im März führten die zunehmende Unsicherheit über die Dauer des Kriegsgeschehens und die Sorge vor stärkeren Belastungen der globalen Energie- und Lieferketten zu weiteren Kursrückschlägen und einem deutlich gesunkenen Risikoappetit. Nach der Ankündigung eines Waffenstillstandes Anfang April erholten sich die Aktienmärkte, da die Anleger mit einer baldigen Öffnung der Straße von Hormus und einem rascheren Abklingen des Energiepreisschocks rechneten. Bis zum Abschluss dieses Berichts übertrafen sowohl US‑Aktien als auch europäische Werte ihre Ausgangsniveaus zu Jahresbeginn wieder. Dabei erreichte der S&P500 vorübergehend ein neues Allzeithoch, während der Anstieg des Euro Stoxx vor dem Hintergrund anhaltend hoher Energiepreise und einer eingetrübten Konjunkturperspektive für Europa geringer ausfiel. Im Ergebnis notierten der S&P 500 und der Euro Stoxx zuletzt um 8,1 % beziehungsweise 2,8 % höher als zu Jahresbeginn.
Aktien von Energieunternehmen gewannen beiderseits des Atlantiks im Vergleich zum Gesamtmarkt stärker an Wert (Schaubild 3.12). Die Aktienkurse europäischer Energieunternehmen lagen bei Abschluss dieses Berichts um 42,9 % über ihren Werten zu Jahresbeginn, US-amerikanische Energieaktien gewannen 34,4 % hinzu. Dies ist auf verbesserte Gewinnerwartungen aufgrund der stark gestiegenen Öl- und Gaspreise zurückzuführen. Kursverluste verzeichneten in den USA insbesondere IT-Dienstleister und Finanzwerte, während in Europa vor allem zyklische Werte und Autoaktien unter Druck gerieten – zuletzt auch aufgrund der jüngsten Zollandrohungen der US-Regierung.
Trotz gestiegener Aktienkurse erhöhten sich im Berichtszeitraum beiderseits des Atlantiks die impliziten Eigenkapitalkosten; gemessen daran gingen die Bewertungsniveaus zurück. Eine Zerlegung der Aktienkursentwicklung anhand eines Dividendenbarwertmodells führt Kursänderungen rechnerisch auf veränderte Gewinn- beziehungsweise Dividendenerwartungen sowie auf Veränderungen der impliziten Eigenkapitalkosten zurück. Diese umfassen den sicheren Zins und eine Aktienrisikoprämie. Der Zerlegung zufolge wurden die Kursanstiege dadurch getragen, dass aufwärtsrevidierte Gewinnerwartungen den dämpfenden Effekt höherer Eigenkapitalkosten überwogen.Gemessen an den impliziten Eigenkapitalkosten lagen europäische Aktien nahe an ihrem langfristigen Bewertungsdurchschnitt, während US-Aktien weiterhin vergleichsweise hoch bewertet erschienen. Dabei zeigten sich regionale Unterschiede im Hinblick auf die Ursachen der Kursentwicklung: Bei US-Unternehmen war der kursstützende Effekt höherer Gewinnerwartungen stärker ausgeprägt.Für das laufende Jahr lagen diese zuletzt im Durchschnitt bei 6,1 % über dem Stand zu Jahresbeginn, verglichen mit 2,1 % bei europäischen Unternehmen. Dabei entwickelten sich die Gewinnerwartungen recht heterogen –selbst innerhalb einzelner Gruppen wie beispielsweise den„Magnificent 7“-Unternehmen. Im Ergebnis revidierten die Marktteilnehmer ihre Gewinnerwartungen nicht nur für Energieunternehmen, sondern auch für Unternehmen der US-amerikanischen Halbleiterindustrie zum Teil kräftig nach oben. Gleichzeitig fielen die Gewinnerwartungen für Unternehmen, die traditionelle IT-Software anbieten. Hier spielte die Sorge eine Rolle, dassKI-Agenten klassische Softwareprodukte in Bedrängnis bringen könnten. Gemessen am Euro Stoxx stiegen dagegen die impliziten Eigenkapitalkosten deutlicher, wozu auch eine ausgeprägte Ausweitung der darin enthaltenen Aktienrisikoprämien beitrug.
In diesem Beitrag wurden Daten bis zum 18. Mai 2026, 17:30 Uhr berücksichtigt.