Der Krieg im Nahen Osten setzt die Weltwirtschaft neuen Belastungen aus. Im Mittelpunkt steht dabei die Blockade der Straße von Hormus, der weltweit wichtigsten Transportroute für fossile Energieträger. Durch sie wird unter normalen Bedingungen ein Fünftel des globalen Öl- und Flüssiggasangebots verschifft. Die Blockade dieser Passage zusammen mit den kriegsbedingten Schäden an der Energieinfrastruktur in der Region ließ die Energiepreise stark ansteigen. Die damit verbundenen Kosten- und Preissteigerungen dürften die globale Konjunktur spürbar dämpfen und die Inflation erhöhen. Darauf deuten auch die jüngsten weltweiten Umfragen unter Einkaufsmanagern hin. Die Geschäftsaussichten verschlechterten sich auf breiter Front. Zugleich verstärkte sich der Preisdruck über die verschiedenen Produktionsstufen hinweg deutlich.
Im ersten Quartal hielt sich die Weltwirtschaft jedoch noch gut. Eine lebhafte Nachfrage nach Hochtechnologieprodukten im Zuge des KI-Booms gab dem globalen Warenhandel spürbare Impulse. Dies trug in China zu einem höheren Wirtschaftswachstum bei. In den USA legte das BIP wieder stärker zu, auch dank der lebhaften Investitionstätigkeit, die ebenfalls mit dem KI-Boom zusammenhing. Im Euroraum verlangsamte sich das Expansionstempo hingegen.
1.2 Verstärkter Preisauftrieb
Das Ausmaß der wirtschaftlichen Belastungen hängt maßgeblich von Dauer und Intensität des Konflikts ab. Die Straße von Hormus blieb aufgrund der iranischen und der US-amerikanischen Blockaden auch nach einem inzwischen vereinbarten Waffenstillstand weitgehend geschlossen. Die Ölpreise schwankten in den letzten Wochen auf hohem Niveau, nachdem sie im März und April sprunghaft angestiegen waren. Am aktuellen Rand notierte Rohöl der Sorte Brent mit rund 117 US-$ je Fass etwa 63 % höher als vor Kriegsbeginn und 88 % höher als zu Anfang des Jahres. Noch stärker verteuerten sich einzelne Mineralölprodukte wie Diesel und Kerosin. In Europa erscheinen die Lager für Mineralölprodukte derzeit noch ausreichend gefüllt, bei anhaltender Unterbrechung der Energielieferungen aus dem Persischen Golf dürfte sich aber die Versorgungslage zunehmend anspannen.
Die höheren Energiepreise trugen maßgeblich dazu bei, dass sich der Verbraucherpreisanstieg weltweit merklich verstärkte. In den Industrieländern zog die Vorjahresrate der Verbraucherpreise bis April auf 3,4 % an, verglichen mit 2,3 % im Januar. In der engeren Abgrenzung ohne Energie und Nahrungsmittel legte die Teuerung leicht auf 2,6 % zu. Die anhaltend hohen Energierohstoffpreise dürften in den kommenden Monaten die Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette weiter steigern und den Verbraucherpreisauftrieb zusätzlich verstärken.
1.3 Finanzmärkte im Zeichen des Irankriegs
Der Irankrieg prägte auch die Finanzmärkte über die Kanäle steigender Inflationserwartungen und eingetrübter Konjunkturaussichten. Mit dem Beginn des Krieges zwischen den USA sowie Israel und dem Iran wurden abrupt die Folgen von höheren Energierohstoffpreisen in die Bewertungen an den Anleihe-, Devisen- und Aktienmärkten einbezogen. So stiegen die kurzfristigen marktbasierten Inflationserwartungen insbesondere im Euroraum deutlich, und die Marktteilnehmer erwarteten ein höheres zukünftiges Leitzinsniveau. Das gab Renditen langfristiger Staatsanleihen Auftrieb, senkte den Risikoappetit und belastete die Märkte für risikobehaftete Anlagen. Dennoch blieben die längerfristigen Inflationserwartungen am mittelfristigen 2 %-Inflationsziel verankert. Der Euro geriet gegenüber dem US-Dollar in dieser Phase unter Druck. Nach Ankündigung einer Waffenruhe im Irankonflikt Anfang April erholten sich Risikoappetit, Euro und Aktienbewertungen merklich, da besonders adverse Szenarien für die Energierohstoffmärkte zunächst unwahrscheinlicher erschienen. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen blieben dennoch erhöht, insbesondere wegen der bis zuletzt zunehmenden Erwartungen künftig höherer Kurzfristzinsen. Daneben erlitt die Zuversicht der Marktteilnehmer, der Konflikt werde sich rasch lösen und die Energiemärkte würden sich normalisieren, einen Dämpfer. Denn es blieb offen, ob und wann die für die Energierohstoffmärkte bedeutende Straße von Hormus für die Schifffahrt wieder passierbar würde. Gleichwohl erreichten US-amerikanische Aktien einhergehend mit einem gestiegenen Risikoappetit zuletzt ein neues Allzeithoch. Der Wertzuwachs europäischer Aktien fiel vor dem Hintergrund anhaltend hoher Energiepreise und einer eingetrübten Konjunkturperspektive für Europa geringer aus. Der Euro gab zuletzt wieder nach, da überraschend hohe US-Inflationszahlen die Leitzinserwartungen in den USA steigen ließen.
2 Geldpolitik und Bankgeschäft
2.1 EZB-Rat lässt Leitzinsen weiterhin unverändert
Auf seinen geldpolitischen Sitzungen im März und April 2026 ließ der EZB-Rat die Leitzinssätze unverändert. Der Krieg im Nahen Osten und seine Folgen für die Energiepreise haben die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Aussichten für den Euroraum deutlich erhöht. Im Basisszenario der März-Projektionen wurde die durchschnittliche Gesamtinflation nach oben revidiert, vor allem für 2026. Das Basisszenario, das auf den Markterwartungen für die kurzfristigen Zinsen beruht, enthält die Annahme von zwei bis drei Zinserhöhungen ab dem Sommer. Zudem bestehen nach Einschätzung des EZB-Rats Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum. Szenarioanalysen deuten darauf hin, dass eine länger anhaltende Störung der Öl- und Gaslieferungen die Inflationsrate über das Basisszenario hinaus erhöhte und das Wachstum entsprechend verringerte.
2.2 Buchkredite im Euroraum weiter aufwärtsgerichtet
Das Geldmengenwachstum verstetigte sich im ersten Quartal 2026. Die Jahreswachstumsrate von M3 lag Ende März bei 3,2 % und stieg damit verglichen zum Vorquartal etwas an. Ausschlaggebend für das robuste Wachstum waren ein anhaltender Aufbau täglich fälliger Einlagen sowie ein verstärktes Interesse der Anleger an marktnah verzinsten Geldmarktfonds und kurzfristigen Bankschuldverschreibungen. Die Kreditvergabe der Banken an nichtfinanzielle Unternehmen blieb aufwärtsgerichtet, wobei der Anteil von Ausleihungen mit langen Laufzeiten zuletzt deutlich abnahm. Auch die Kredite an finanzielle Unternehmen und an private Haushalte setzten ihren Erholungskurs fort. Neben der Kreditvergabe trug eine erhöhte Auslandsnachfrage nach inländischen Wertpapieren, vor allem nach Staatsanleihen, Aktien und Investmentfondsanteilen, zur monetären Dynamik bei.
3 Deutsche Wirtschaft
3.1 Deutsche Wirtschaft zu Jahresbeginn robust
Die deutsche Wirtschaftsleistung erhöhte sich zu Jahresbeginn überraschend deutlich. Gemäß der Schnellmeldung des Statistischen Bundesamtes stieg das reale BIP gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um 0,3 %. Bereits im Quartal zuvor war die Wirtschaftsleistung um 0,2 % gestiegen. Damit zeigte sich die deutsche Wirtschaft vor dem Hintergrund vieler Belastungsfaktoren robuster als bislang erwartet. Steigende staatliche Konsumausgaben dürften zu dem Plus beigetragen haben. Zudem erwies sich die Industrie als recht widerstandsfähig: Die Industrieproduktion ging im ersten Quartal zwar zurück, die preisbereinigten Industrieumsätze stiegen jedoch etwas an, und die Warenexporte legten merklich zu. Offenbar gelang es der deutschen Wirtschaft wieder etwas besser, an der wachsenden globalen Nachfrage zu partizipieren. Auch die steigende Aktivität im Bereich der Verteidigungsindustrie stützte wohl die Industrie. Trotzdem war die Kapazitätsauslastung in der Industrie insgesamt weiter schwach und belastete die privaten Ausrüstungsinvestitionen. Auch die Dienstleister trugen zum BIP-Anstieg bei, darunter aber wohl vor allem die konsumfernen Branchen. Denn die verschlechterte Lage am Arbeitsmarkt, ein nachlassendes Lohnwachstum und insbesondere die im Gefolge des Krieges im Nahen Osten seit März kräftig erhöhten Verbraucherpreise dürften den privaten Konsum gedämpft haben. In der Bauwirtschaft führte die ungünstige Witterung zu einem vorübergehenden Rückschlag bei der Produktion.
Die Kreditentwicklung blieb vor diesem Hintergrund verhalten. Das rückläufige Verbrauchervertrauen, leicht gestiegene Kreditzinssätze und aufwärtsgerichtete Wohnimmobilienpreise dämpften die Nachfrage privater Haushalte nach Wohnungsbaukrediten. Das Buchkreditgeschäft der Banken mit nichtfinanziellen Unternehmen blieb angesichts des herausfordernden makroökonomischen Umfelds schwach. Die im BLS befragten Banken strafften die Kreditrichtlinien für Firmenkunden im ersten Quartal 2026 angesichts des von ihnen wahrgenommenen erhöhten Kreditrisikos weiter; zusätzliche Verschärfungen infolge des Krieges im Nahen Osten blieben bislang jedoch aus.
3.2 Arbeitsmarkt weiter verschlechtert, Löhne schwächer gestiegen
Der Arbeitsmarkt konnte vom recht kräftigen Wirtschaftswachstum im Winterquartal nicht profitieren. Die Erwerbstätigkeit nahm sogar etwas mehr ab als noch im Herbst. Auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ging nunmehr zurück. Und die Arbeitslosigkeit stieg nach längerer Stabilität zuletzt wieder an. Darüber hinaus senden die Frühindikatoren keine Anzeichen einer bevorstehenden Verbesserung.
Die Tarifverdienste stiegen im ersten Quartal 2026 mit 2,8 % zwar schwächer als zuvor, aber immer noch recht stark. Die Grundvergütungen, aus denen die Sonder- und Einmalzahlungen herausgerechnet werden, erhöhten sich im Winter mit 3,2 % gegenüber dem Vorjahr deutlich schwächer als im Herbst. Die älteren Tarifabschlüsse mit höheren Stufenanhebungen laufen nach und nach aus. Ihr Einfluss nimmt daher ab. Und die jüngsten Tarifabschlüsse fielen niedriger aus als in den Vorquartalen. Bisher ist nicht zu beobachten, dass die durch den Nahost-Krieg gestiegene Inflation zu deutlich höheren Lohnforderungen führt. Aus heutiger Sicht dürften sich die Lohnsteigerungen in den kommenden Monaten nicht beschleunigen.
3.3 Inflationsrate bleibt aufgrund des anhaltenden Nahost-Kriegs erhöht
Die Verbraucherpreise zogen im Wintervierteljahr vor allem wegen höherer Energiepreise merklich an. Im Durchschnitt der Monate Januar bis März 2026 erhöhten sie sich gemessen am HVPI saisonbereinigt um 0,7 %, nach 0,6 % im Vorquartal. Maßgeblich hierfür war der kräftige Anstieg der Energiepreise zum Quartalsende im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten. Insbesondere Kraftstoffe und Heizöl verteuerten sich im März deutlich, vor allem wegen der höheren Rohölpreise. Der Preisauftrieb bei Dienstleistungen ließ im Vergleich zum Vorquartal zwar etwas nach, blieb im historischen Vergleich aber überdurchschnittlich. Dies steht im Einklang mit dem nachlassenden, aber weiterhin erhöhten Zuwachs der Lohnkosten. In der Vorjahresbetrachtung blieb die Inflationsrate im ersten Quartal 2026 unverändert bei 2,3 %. Die Kerninflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) sank hingegen etwas von 2,7 % auf 2,5 %.
Nach dem deutlichen Anstieg im März erhöhte sich die Inflationsrate im April weiter auf 2,9 %. Vor allem Energie verteuerte sich nochmals kräftiger. Ausschlaggebend waren wie zuvor die Kraftstoff- und Heizölpreise. Bei Dienstleistungen zogen die Preise zwar in einigen Bereichen merklich an. Gleichzeitig dämpfte jedoch ein Basiseffekt durch die im Vergleich zum Vorjahr spätere Lage von Ostern den Preisauftrieb deutlich. Entsprechend sank die Kernrate ohne Energie und Nahrungsmittel etwas von 2,5 % im März auf 2,3 % im April.
Die Inflationsrate dürfte in den kommenden Monaten bei aufwärtsgerichteten Risiken erhöht bleiben. Der Ausblick hängt allerdings maßgeblich vom weiteren Verlauf des Nahost-Kriegs ab. Maßgeblich hierfür sind die seit der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten stark gestiegenen Energierohstoffpreise. Zudem ist zu erwarten, dass die höheren Energie-, Produktions- und Transportkosten nach und nach auch auf die Preise für Nahrungsmittel, Industriegüter ohne Energie sowie einzelne Dienstleistungen durchwirken. Umfang und Dauer dieser indirekten Effekte sind allerdings mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Sie hängen, ebenso wie die direkten Effekte über gestiegene Energiepreise, maßgeblich vom weiteren Verlauf des Krieges ab. Darüber hinaus birgt ein merklicher Anstieg der Inflationsrate grundsätzlich das Risiko von Zweitrundeneffekten. Dies wäre etwa der Fall, wenn sich der ursprüngliche Preisschock in höheren Löhnen oder Inflationserwartungen oder einer geänderten Preissetzung niederschlüge. Zweitrundeneffekte über Löhne treten jedoch in Deutschland normalerweise erst mit größerer zeitlicher Verzögerung und vor allem dann auf, wenn der Inflationsanstieg mit einer höheren gesamtwirtschaftlichen Nachfrage einhergeht. Die Inflationserwartungen könnten sich dagegen wegen der jüngeren Erfahrung mit sehr hohen Inflationsraten schneller anpassen. Im Mai und Juni dürfte die befristete Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel die Inflationsrate vorübergehend um etwa ¼ Prozentpunkt reduzieren.
3.4 Im zweiten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung aufgrund des Irankriegs stagnieren
Im zweiten Quartal belasten die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten die deutsche Wirtschaft wohl breiter und spürbarer. Die gestiegene Inflation und damit einhergehende Kaufkraftverluste drücken den privaten Konsum und damit die konsumnahen Dienstleister. Die Kaufkraftverluste dürften zudem die Nachfrage im Wohnungsbau bremsen. Die hohen Energiepreise und gestiegene Lieferengpässe belasten die Industrie und den Bau auf der Angebotsseite. Außerdem dürfte die erhöhte Unsicherheit die Industrieproduktion und die Unternehmensinvestitionen dämpfen. Die infolge des Krieges gestiegenen Zinsen sind ein weiterer Belastungsfaktor für die privaten Investitionen. Allerdings stützt die expansive Fiskalpolitik die Wirtschaftsaktivität wohl zunehmend. Insgesamt dürfte das reale BIP im zweiten Quartal daher aus heutiger Sicht in etwa stagnieren. Wie stark der Krieg die Konjunktur belasten wird, hängt jedoch entscheidend von seiner Dauer ab.
Die Staatsfinanzen sind aktuell expansiv ausgerichtet. Aufgrund stark wachsender Ausgaben steigt das Defizit. Im laufenden Jahr wächst es voraussichtlich auf etwa 4 % des BIP (2025: 2,7 %). Ohne weitere Eingriffe würde sich die Defizitquote 2027 weiter erhöhen und sehr deutlich auf 5 % zubewegen. Maßgeblich für den starken Ausgabenanstieg in diesen Jahren sind Mehrausgaben für Verteidigung sowie für Renten, Gesundheit und Pflege. Die Zuwächse setzen dabei auf einer hohen strukturellen Ausgabenquote auf: Im letzten Jahr lag sie bei fast 50 %. Druck auf die Staatsfinanzen zeigt sich zudem in hohen und perspektivisch weiter spürbar steigenden Beitragssätzen der Sozialversicherungen (2025: 42½ %). Die Schuldenquote wird deutlich zunehmen (2025: 63,5 %).
Im weiteren Verlauf ist mit den Planungen des Bundes bis 2030 eine gesamtstaatliche Defizitquote von gut 4 % angelegt. Der Bund hat einen strukturellen Kreditspielraum von 0,35 % des BIP, erweitert um die Bereichsausnahme und das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (IK). Für 2028 bis 2030 soll die strukturelle Nettokreditaufnahme des Bundes mit dem neuen Eckwerte-Beschluss bei knapp 4 % des BIP liegen. Hinzu kommt ein struktureller Kreditspielraum der Länder von 0,35 % des BIP. Die Gemeinden müssen Defizite im Prinzip sehr eng begrenzen. Die Sozialversicherungen müssen ihre Haushalte grundsätzlich ohne Kreditaufnahmen ausgleichen. Die Rentenversicherung wird ihr Defizit daher ab 2028 durch höhere Beitragssätze abbauen, weil sie ihre flexible Rücklage dann aufgebraucht hat. Die anderen Zweige müssen perspektivisch wieder ohne Bundesdarlehen auskommen.
Mit einer gesamtstaatlichen Defizitquote von etwa 4 % entfernt sich die Schuldenquote zunehmend vom 60 %-Referenzwert. Dabei laufen auch auf der EU-Ebene höhere Schulden auf. Die Deutschland zuzurechnenden Teile dürften im laufenden Jahr auf rund 3½ % des BIP wachsen.
4.2 Fiskalregeln erfordern Anpassungsmaßnahmen
Der Bund wird im weiteren Verlauf gewichtige Anpassungsmaßnahmen beschließen müssen, um die Vorgaben seiner Schuldenbremse einzuhalten. Das heißt, in den Eckwerten ausgewiesene Finanzierungslücken sind durch konkrete Maßnahmen zu schließen und etwaige neue Budgetlasten gegenzufinanzieren. Die Lücken steigen im Zeitverlauf und belaufen sich wohl auf 60 Mrd € im Jahr 2030. Um Verteidigungsfähigkeit und Infrastruktur tatsächlich zu verbessern, ist es überdies empfehlenswert, die diesbezüglichen Kreditspielräume stärker für wachsende Ausgaben in diesen Bereichen einzusetzen. Aktuell zeichnet sich ab, dass der Bund mit den Spielräumen zu guten Teilen Budgetlücken schließen und anderweitige Politikziele finanzieren wird. Das gleiche ist für Länder und Gemeinden bezogen auf ihren Anteil am Sondervermögen IK angelegt.
Die Länderfinanzen stehen im Aggregat relativ gut da. Bei den Kommunalfinanzen besteht hingegen erheblicher Konsolidierungsbedarf. Aufgabe der Länder ist auch, auf tragfähige Finanzen ihrer Kommunen zu achten, insbesondere im Rahmen ihrer Haushaltsaufsicht. Wenn andere Mittel zur Konsolidierung der Gemeindehaushalte ausgeschöpft sind, sind die Länder gefordert, dies mit eigenen Mitteln anzugehen. Es wäre überaus bedenklich, wenn die Länder es zuließen, dass sich wieder größere Schieflagen bei den Kommunen bilden. Um dem möglichst frühzeitig zu begegnen, wäre es aus Sicht der Bundesbank hilfreich, wenn Kommunen Kassenkredite, die nicht bloß kurzfristige Finanzierungslücken überbrücken, nur noch bei ihrem Land aufnehmen dürften. Naheliegend wäre, dass die Länder diese Kredite auf ihren eigenen Kreditspielraum im Rahmen der Schuldenbremse anrechnen müssen. So würden Fehlentwicklungen der kommunalen Finanzen in den Haushalten der Länder zeitnah sichtbar und potenziell zeitnäher angegangen.
Deutschland plant, den EU-Referenzwert für die Defizitquote 2026 und 2027 zu überschreiten, auch abzüglich der exkulpierten Verteidigungsausgaben. Der Stabilitätsrat wies im Mai darauf hin, dass 2026 ein übermäßiges Defizit droht. Es wäre insofern folgerichtig, dass der Bund und die Länder Maßnahmen ergreifen, um dies abzuwenden.
4.3 Wichtige Reformen auf der Agenda
Um solide Staatsfinanzen künftig wieder verlässlich abzusichern und um den EU-Regeln Rechnung zu tragen, sollte der Bundesgesetzgeber die Schuldenbremse anpassen. Die Bundesregierung berief zu diesem Thema eine Expertenkommission ein. Die Bundesbank hatte im letzten Herbst einen Reformvorschlag vorgelegt: Dessen Ziel ist es, eine Perspektive für solide Staatsfinanzen verbindlich zu verankern und zugleich staatliche Investitionen abzusichern. Letztlich ist es am Gesetzgeber, geeignete Vorgaben zu vereinbaren und im Grundgesetz zu verankern. Ungeachtet der konkreten Ausgestaltung ist es elementar, die Bereichsausnahme für Verteidigung schrittweise zurückzuführen und eine wieder ausreichend ambitionierte Obergrenze für die Kreditaufnahme festzulegen.
Im Bereich von Gesundheit, Pflege und Rente sind grundlegende Reformen angekündigt. Kleinere Korrekturen dürften kaum ausreichen, um die hohe Ausgabendynamik und den bislang angelegten starken Anstieg der Beitragssätze zu begrenzen. Mit Blick auf die Bundeszuschüsse ist die extrem angespannte Finanzlage des Bundes zu beachten. Höhere Bundeszuschüsse würden diese Anspannung weiter verstärken und wären folglich gegenzufinanzieren.