1.1 Trotz vielfältiger Belastungen hielt sich die Weltwirtschaft recht gut
Die Weltwirtschaft zeigte sich im Frühjahr 2026 weiterhin widerstandsfähig. In den Vereinigten Staaten setzte sich die gesamtwirtschaftliche Expansion im zweiten Vierteljahr in ähnlichem Tempo fort wie zuvor. Im Euroraum verstärkte sich das Wachstum, nachdem es im ersten Quartal durch den kräftigen BIP‑Rückgang in Irland gedämpft worden war. Ohne Irland gerechnet stieg die Wirtschaftsleistung im Euroraum erneut moderat an. In China verlangsamte sich das BIP‑Wachstum im zweiten Quartal zwar merklich, die zugrunde liegende wirtschaftliche Dynamik dürfte sich vor dem Hintergrund des anhaltenden Exportbooms aber besser gehalten haben. Insgesamt behauptete sich die Weltwirtschaft bislang recht gut gegenüber den Belastungen durch höhere Energiepreise sowie anhaltende handels- und geopolitische Spannungen.
Die vom Konflikt im Nahen Osten ausgehenden Belastungen für Industrieproduktion und Welthandel blieben bislang regional begrenzt. Zwar sank die industrielle Erzeugung in den ölexportierenden Volkswirtschaften der Golfregion infolge der militärischen Auseinandersetzungen kräftig.In den fortgeschrittenen Volkswirtschaftennahmen Industrieproduktion und Warenausfuhren dagegen weiter zu. Gestützt wurden sie vor allem durch die anhaltend lebhafte globale Investitionsnachfrage im Zusammenhang mit Hochtechnologie- und KI‑Anwendungen. Die jüngsten Stimmungsindikatoren deuten an, dass die Konjunktur in den Industrieländern bis zuletztrobust war.
1.2 Anziehende Teuerung
Die Preise für Energierohstoffe blieben zuletzt angesichts der volatilen geopolitischen Lage deutlich erhöht. Nach der Verständigung auf ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran und der vorübergehenden Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus sanken die Ölnotierungen im Juni kräftig. Im Juli zogen sie infolge neuer militärischer Angriffe und der erneuten Blockade der Straße von Hormus jedoch zeitweise wieder an. Rohöl der Sorte Brent kostete zuletzt 92US-$ je Fass und damit rund 29 % mehr als vor Kriegsbeginn. Bis zum Jahresende lassen die Terminnotierungen leicht fallende Preise erwarten.Die Aufwärtsrisiken bleiben angesichts verminderter globaler Lagerbestände und möglicher weiterer Lieferausfälle infolge einer regionalen Ausweitung des Konflikts jedoch beträchtlich.
Nach wie vor erhöhten die Energiepreise die Teuerung in den Industrieländern. Die Vorjahresrate der Verbraucherpreise belief sich im Juli auf 3,1 %. Zwischenzeitlich war sie im Mai auf 3,7 % gestiegen, nach 3,3 % im April. Die ohne Energie und Nahrungsmittel gerechnete Rate lag im Juli bei 2,4 %. Sollten die Energierohstoffpreise länger erhöht bleiben, dürften Unternehmen die damit verbundenen Kosten verstärkt auf die Verbraucher überwälzen. Daneben treibt der globale Investitionsboom im Bereich der künstlichen Intelligenz zunehmend die Preise einzelner Güter. Nicht nur Vorprodukte wie Halbleiter und Speichermodule, sondern auch Computer sowie Software und Zubehör verteuerten sich zuletzt deutlich. Wegen ihres geringen Gewichts in den Warenkörben dürften sie nur begrenzt zur Teuerung auf der Verbrauchstufe beitragen, gleichwohl könnten sie den zugrunde liegenden Kosten- und Preisauftrieb zusätzlich verstärken.
1.3 Finanzmärkte zwischen energiepreisbedingten Inflationsrisiken und gestiegenen Gewinnerwartungen
Von Anfang April bis Mitte August erhöhten steigende Kurzfrist-Zinserwartungen und zunehmende Terminprämien die Renditen langfristiger Staatsanleihen. Im Euroraum hatten die Marktteilnehmer bereits vor Beginn des Berichtszeitraums Leitzinserhöhungen eingepreist, weil der Kriegsausbruch am Persischen Golf energiepreisbedingte Inflationsrisiken hervorgerufen hatte. Mit dem Wiederaufflammen der Kämpfe im Juli revidierten sie ihre Erwartungen an den weiteren Leitzinspfad nochmals nach oben. In den USA erhöhten eine neu ausgerichtete Kommunikation nach dem Wechsel des Fed-Vorsitzenden und robuste Konjunkturdaten die für die Zukunft erwarteten kurzfristigen Zinssätze. Zudem trug dort eine gestiegene Terminprämie zum Renditeanstieg bei. Modellanalysen zufolge übten wechselnde geldpolitische Impulse aus den USA einen wesentlichen Einfluss auf den Euro-US‑Dollar-Wechselkurs aus. Der Euro wertete gegenüber dem US‑Dollar per saldo leicht auf. Handelsgewichtet wertete der Euro jedoch ab.
Die Kurse risikobehafteter Anlagen entwickelten sich überwiegend positiv, getragen von einer höheren Risikoneigung, gestiegenen Gewinnerwartungen und dem anhaltenden KI‑Boom. Ausgehend von einem noch gedämpften Kursniveau gewannen Risikoaktiva im Berichtszeitraum spürbar an Wert; Phasen der Deeskalation im Nahen Osten stützten die Risikoneigung zusätzlich. Kurse von Aktien und hochverzinsten Unternehmensanleihen stiegen weiter an. Bei Letzteren engten sich die Risikoaufschläge im Hochzinssegment besonders deutlich ein. An den Aktienmärkten sorgten höhere Gewinnerwartungen und der anhaltende KI‑Boom für Kursgewinne. Insbesondere Technologiewerte legten kräftig zu. Allerdings stiegen die Gewinnerwartungen noch kräftiger als die Kurse. Damit nahmen auch die impliziten Eigenkapitalkosten zu. Somit werden im Ergebnis Aktien günstiger bewertet als zu Beginn des zweiten Quartals. Zwischenzeitlich kamen allerdings auch immer wieder Zweifel auf, ob die hohen Investitionen im KI‑Sektor dauerhaft entsprechende Erträge erwirtschaften können.
2 Geldpolitik und Bankgeschäft
2.1 EZB‑Rat erhöht Leitzinsen um 25 Basispunkte
Auf seiner geldpolitischen Sitzung im Juni 2026 beschloss der EZB‑Rat, die drei Leitzinssätze der EZB um jeweils 25 Basispunkte anzuheben. Ausschlaggebend für die Entscheidung des EZB‑Rats war der vom Krieg im Nahen Osten ausgehende Druck auf die Inflation und die Einschätzung eindeutig aufwärts gerichteter Inflationsrisiken. Mit diesem Zinsschritt ist die Geldpolitik in einer günstigeren Position, um in einem Umfeld hoher Unsicherheit auf diese Risiken zu reagieren. Im Juli beließ der EZB‑Rat die Leitzinsen unverändert, machte aber deutlich, dass er weitere Zinserhöhungen nicht ausschließt.
2.2 Buchkreditvergabe im Euroraum setzt Wachstum fort
Die Buchkreditvergabe an nichtfinanzielle Unternehmen nahm im zweiten Quartal zu, und die monetäre Dynamik blieb weitgehend stabil. Hinter dem Wachstum der Kreditvergabe an die Unternehmen standen zum einen temporäre Faktoren wie das Nachholen der zu Beginn des Krieges im Nahen Osten eingebrochenen Nachfrage nach Investitionskrediten. Hinzu kamen ein günstiges Umfeld bei den Finanzierungskosten, ein gestiegener Finanzierungsbedarf sowie die ausgeweitete Investitionstätigkeit im Euroraum. Die moderate Kreditvergabe an private Haushalte beschleunigte sich dagegen nicht weiter.
Die Jahreswachstumsrate von M3 lag Ende Juni bei 3,3 % und damit innerhalb der Spanne der Vorquartale. Die größten Zuflüsse entfielen im Berichtsquartal auf kurzfristige Termineinlagen. Deren gestiegene Verzinsung erhöhte ihre Attraktivität erkennbar.
3 Deutsche Wirtschaft
3.1 Deutsche Wirtschaft auch im zweiten Quartal auf Erholungskurs
Die deutsche Wirtschaft legte im zweiten Quartal 2026 erneut merklich zu. Gemäß der Schnellmeldung des Statistischen Bundesamtes stieg das reale BIP gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um 0,2 %. Bereits im Vorquartal hatte sich die Wirtschaftsleistung recht kräftig um 0,4 % erhöht. Dies wurde allerdings erst mit der Revision der BIP‑Daten Ende Juli bekannt und konnte so nicht in die Bundesbank-Prognose vom Juni einfließen. Damit zeigte sich die deutsche Wirtschaft nun vor dem Hintergrund zahlreicher Belastungsfaktoren robuster als damals erwartet. Dazu passen auch die jüngsten Revisionen des Statistischen Bundesamtes, die nahelegen, dass die wirtschaftliche Dynamik bereits seit Ende 2023 günstiger ausfiel als bisher angenommen. Zusammen spricht dies für eine etwas stärkere konjunkturelle Grundtendenz am aktuellen Rand. Somit befindet sich die deutsche Wirtschaft nunmehr deutlich erkennbar auf einem Erholungskurs, den auch der Krieg im Nahen Osten nicht ausbremsen konnte. Im Einklang hiermit belebte sich die Buchkreditvergabe an nichtfinanzielle Unternehmen im zweiten Quartal merklich. Damit unterschied sich die aktuelle Entwicklung von der weitgehend kraftlosen und oft rückläufigen Kreditvergabe der letzten Quartale. Zugleich haben die Banken ihre Kreditvergabepolitik gegenüber Firmenkunden im zweiten Quartal erneut gestrafft, was sie insbesondere mit branchen- und firmenspezifischen Risiken sowie verhaltenen Konjunkturaussichten begründeten.
Vor allem die Exporte dürften zum BIP‑Anstieg im zweiten Quartal beigetragen haben. Die anhaltend solide Nachfrage aus dem Ausland stützte auch die deutsche Industrie. Sie erwies sich damit als recht widerstandsfähig gegenüber erhöhten Energiepreisen und Lieferkettenproblemen. Für einen positiven Impuls bei den privaten Ausrüstungsinvestitionen dürfte die Belebung jedoch nicht gesorgt haben: Die Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe verharrte weiterhin auf niedrigem Niveau, und die mit Ausbruch des Krieges im Nahen Osten gestiegene Unsicherheit sowie die gestiegenen Zinsen bremsten zusätzlich. Die Bauwirtschaft dürfte infolge temporärer Auf- und Nachholeffekte nach der witterungsbedingt gedrückten Produktion im ersten Quartal trotz schwacher Wohnungsnachfrage und hoher Baukosten noch positiv zum BIP‑Wachstum beigetragen haben. Bei den Dienstleistern blieb die Entwicklung heterogen. Den bis Mai verfügbaren Daten zufolge trugen vor allem konsumferne Dienstleistungsbereiche zum BIP‑Anstieg bei. Der private Konsum und damit verbundene Bereiche dürften dagegen durch die verschlechterte Lage am Arbeitsmarkt und die infolge des Krieges im Nahen Osten deutlich erhöhten Verbraucherpreise lediglich verhalten gewachsen sein.
3.2 Arbeitsmarkt und Tariflohnanstieg weiter abgeschwächt
Der Arbeitsmarkt profitierte nicht vom Wirtschaftswachstum und verschlechterte sich auch im Frühjahr. Die Erwerbstätigkeit nahm weiter ab, und zwar ähnlich schnell wie seit Mitte 2025. Im Rahmen der üblichen Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen stellt sich nun auch die Entwicklung der Gesamtbeschäftigung in den vergangenen zwei Jahren etwas ungünstiger dar als zuletzt berichtet. Die Arbeitslosigkeit erhöhte sich jedoch nur minimal. Frühindikatoren geben kaum Hinweise auf eine bevorstehende Verbesserung.
Die Tarifverdienste stiegen im zweiten Quartal 2026 schwächer als zuvor. Sowohl mit als auch ohne Sonder- und Einmalzahlungen nahmen sie nur noch um 2,6 % gegenüber dem Vorjahr zu. Ein wesentlicher Grund ist, dass die jüngsten Tarifabschlüsse niedriger ausfielen als in den Vorjahren. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass der Irankrieg über höhere Tariflöhne Zweitrundeneffekte auf die Inflationsrate auslöst. Die Effektivverdienste stiegen im Frühjahr wohl ähnlich stark wie im Winter, als sie um gut 4 % zulegten. Sie erhöhten sich damit wohl erneut deutlich stärker als die Tarifverdienste.
3.3 Inflationsrate stieg im Frühjahr vor allem aufgrund höherer Energiepreise merklich
Die Verbraucherpreise zogen im Frühjahr kräftig an. Gegenüber dem Vorquartal stiegen die Verbraucherpreise (HVPI) im zweiten Quartal 2026 saisonbereinigt um 0,9 %, nach 0,7 % im ersten Quartal. Auch in der Vorjahresbetrachtung verstärkte sich der Preisauftrieb im zweiten Quartal 2026 merklich. Die Inflationsrate stieg auf 2,6 %, nachdem sie im Januar und Februar bereits nahe 2 % gelegen hatte. Der Energiepreisschock unterbrach damit den zuvor weit vorangeschrittenen Disinflationsprozess. Im Gegensatz zur letzten Hochinflationsphase ist der erneute Teuerungsanstieg bislang aber nicht breit angelegt, sondern stark auf Energieprodukte konzentriert. Indirekte Effekte des Energiepreisschubs auf andere Komponenten des HVPI sind bisher begrenzt. Die Kerninflationsrate, gemessen am HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel, sank im Gegensatz zur Gesamtrate leicht von 2,5 % im Vorquartal auf 2,4 %.
Im Juli erhöhte sich die Inflationsrate, nach einem kurzen Rückgang im Juni, wieder deutlich auf 2,8 %. Vor allem Energie verteuerte sich merklich kräftiger als zuvor. Die vorübergehende Energiesteuersenkung für Benzin und Diesel lief aus, und die Raffineriemargen erhöhten sich nochmals. Bei Industriegütern ohne Energie verstärkte sich der Preisauftrieb ebenfalls deutlich. Hierzu trug insbesondere der kräftige Preisanstieg bei Arzneimitteln bei, der mit der Änderung der Apothekenverordnung zum 1. Juli zusammenhängen dürfte. Die Kernrate ohne Energie und Nahrungsmittel erhöhte sich von 2,5 % im Juni auf 2,6 % im Juli.
Die Inflationsrate könnte in den kommenden Monaten vorübergehend noch weiter ansteigen. Der Ausblick hängt dabei nach wie vor maßgeblich vom Verlauf des Krieges im Nahen Osten ab. Für die kurzfristige Entwicklung der Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind neben den Rohölpreisen insbesondere die Raffineriemargen bedeutsam. Bereits jetzt verknappen kriegsbedingte Schäden an Raffinerien in Russland und im Nahen Osten, zusammen mit der Blockade der Straße von Hormus, das Angebot an Mineralölerzeugnissen weltweit. Bleiben die Energiepreise auf vorgelagerten Stufen hoch oder steigen sie weiter, könnte sich der Kostendruck zunehmend auf die Verbraucherpreise anderer Waren und einzelner Dienstleistungen übertragen.
3.4 Im dritten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung allenfalls noch leicht zulegen
Im dritten Quartal dürften die Folgen der niedrigen Pegelstände auf wichtigen Wasserstraßen die Erholung der deutschen Wirtschaft vorübergehend ausbremsen. Die deutsche Wirtschaft startet zwar auch in die zweite Jahreshälfte mit einer recht kräftigen konjunkturellen Grundtendenz. Die robuste Auftragslage in der Industrie liefert gute Voraussetzungen für eine weiterhin positive Exportentwicklung. Auch von den staatlichen Ausgaben dürften fortgesetzte Impulse für die wirtschaftliche Dynamik ausgehen. Neben höheren Verteidigungsausgaben könnten sich nach und nach steigende Infrastrukturinvestitionen stärker bemerkbar machen. Gleichzeitig bleiben jedoch mehrere Belastungsfaktoren bestehen, und durch die ausgeprägte Dürreperiode kommen vorübergehend weitere Einschränkungen hinzu. Nur noch begrenzt nutzbare Transportwege auf wichtigen Flüssen und kräftig steigende Transportkosten dürften die Industrieproduktion und den Exportanstieg deutlich beeinträchtigen. Das Niedrigwasser belastet damit auch die gesamtwirtschaftliche Aktivität im dritten Quartal spürbar. Ferner dämpfen die immer noch niedrige Kapazitätsauslastung in der Industrie und die zuletzt gestiegenen Zinsen die Investitionen der Unternehmen. Bei den Dienstleistern dürften die weniger konsumnahen Branchen weiter expandieren. Konsumnahe Dienstleister dürften jedoch unter Druck bleiben. Der private Konsum wird durch die anhaltend hohen Energiepreise belastet. Auch der schwache Arbeitsmarkt und die laut GfK pessimistischen Einkommenserwartungen tragen zu einer weiterhin schwachen Konsumneigung der privaten Haushalte bei. Schließlich dürfte die abgeschwächte Nachfrage im Wohnungsbau die Bauaktivität bremsen. Insgesamt wird die Erholung der deutschen Wirtschaft im dritten Quartal wohl vorübergehend deutlich an Schwung verlieren.
4 Deutsche Staatsfinanzen
4.1 Deutsche Staatsfinanzen expansiv
Die deutschen Staatsfinanzen sind expansiv ausgerichtet, vor allem durch stark steigende Ausgaben. Mit dem aktuellen Kurs steuert die gesamtstaatliche Defizitquote bis 2028 Richtung 5 % (2025: 2,8 %). Am stärksten schlagen Mehrausgaben für Verteidigung zu Buche. Hinzu kommen wachsende Transfers, höhere nicht militärische Investitionsausgaben, zunehmende Zinslasten und Steuersenkungen.
Der Bund plant bis 2030 sehr hohe Defizite. Dabei sind Einsparungen zur Einhaltung der Schuldenbremse bereits eingerechnet, ohne entsprechende Maßnahmen zu konkretisieren. Gemäß der neuen Haushalts- und Finanzplanung erhöht sich das strukturelle Defizit des Bundes auf 4¼ % des BIP im Jahr 2030. Ohne die unkonkreten Einsparungen zur Einhaltung der Schuldenbremse würde die Quote 2030 sogar über 5 % hinausgehen. Die hohe strukturelle Defizitquote stammt zu 3 Prozentpunkten aus der Verteidigungsausnahme und zu 1 Prozentpunkt aus dem Sondervermögen IK. Dabei werden die erweiterten Kreditspielräume genutzt, ohne dass die Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur in gleichem Maße zulegen.
4.2 Reform-Momentum beibehalten und auch für solide Staatsfinanzen nutzen
Einige wichtige und umfangreiche Strukturreformen sind auf dem Weg und zu begrüßen. So arbeitet die Bundesregierung daran, die Sozialversicherungen dauerhaft solide und verlässlich aufzustellen und dabei den Anstieg der Beitragssätze zu begrenzen. Weitere Maßnahmen zielen etwa darauf ab, Verwaltungsprozesse zu verbessern und Bürokratielasten zu senken. Gerade hier wird es wichtig sein, dass die verschiedenen staatlichen Ebenen umfassend und koordiniert vorgehen.
Zur Alterssicherung liegt ein wegweisendes Paket der Alterssicherungskommission vor. Es ist richtig, dass die Bundesregierung dieses vollständig umsetzen will. Die vorgeschlagenen Maßnahmen stärken die Erwerbstätigkeit, insbesondere durch höhere Altersgrenzen. Zugleich dämpfen sie den Finanzierungsdruck auf das Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung. Dadurch kann der Beitragssatz im Umlageverfahren niedriger ausfallen, und auch der Bundeshaushalt wird so entlastet. Eine neue obligatorische kapitalgedeckte Rente soll die umlagefinanzierte Rente ergänzen und Renditechancen längerfristiger Kapitalmarktanlagen nutzen. Ziel ist es, das Gesamtversorgungsniveau aus Umlage- und Kapitalrente im weiteren Verlauf spürbar über das derzeitige Versorgungsniveau zu heben. Der Bund garantiert dabei ein Mindestversorgungsniveau bei Rentenzugang von 48 % (für die Standardrente). Er übernimmt insofern einen Teil der Lasten und des Risikos durch den Übergang.
Es kommt nun darauf an, die verschiedenen Reformen zügig umzusetzen und das Reform-Momentum auch für solide Staatsfinanzen zu nutzen. Je früher die Reformmaßnahmen in Kraft treten, umso früher können sie Wachstumsbedingungen verbessern sowie Staatsfinanzen und Sozialsystem entlasten. Um gleichzeitig die Resilienz der Staatsfinanzen nicht zu gefährden, ist eine glaubwürdige Aussicht auf wieder sinkende Defizitquoten wichtig. Für den Bund bedeutet dies, die offenen Konsolidierungsbedarfe in seiner Planung mit konkreten Maßnahmen zu schließen und zum Ende der Finanzplanung in den Defizitabbau einzusteigen. Mit den aktuellen Planungen droht Deutschland hingegen, die EU‑Fiskalregeln zu verletzen.
Glaubwürdige und stabilitätsorientierte Fiskalregeln sind für Deutschland und die EU wichtig. Die geltende Schuldenbremse und die EU‑Regeln erlauben derzeit hohe Defizite und werden zudem weit ausgelegt. Die Anwendung und Auslegung der EU‑Regeln sollte angesichts hoher Defizit- und Schuldenquoten in einigen Mitgliedstaaten klar darauf fokussiert sein, zügig solide Staatsfinanzen zu erreichen. Dies legt auch nahe, die aktuelle EU‑Verteidigungsausnahme nicht auf andere Bereiche auszudehnen. In Deutschland ist eine Reform der Schuldenbremse wichtig, um wieder stabile Leitplanken für solide Staatsfinanzen zu verankern. Die Bundesbank hat hierzu einen Vorschlag vorgelegt.