Bürokratielasten im deutschen Unternehmenssektor: Ursachen und Wirkungen Monatsbericht – Juli 2026
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Bürokratielasten im deutschen Unternehmenssektor: Ursachen und Wirkungen Monatsbericht – Juli 2026
Monatsbericht
Zahlreiche Erhebungen zeigen, dass Bürokratie die Unternehmen in Deutschland in den letzten Jahren mehr und mehr belastete. Weniger bekannt ist jedoch, was dahintersteckt, wie hoch die Belastungen sind und wie sie sich auf die Unternehmen auswirken. Eine Umfrage in der Bundesbank-Unternehmensstudie (BOP‑F) liefert hierzu neue Erkenntnisse.
Die Umfrage beziffert den Kostenanstieg durch regulatorische Vorgaben (Bürokratiekosten) für deutsche Unternehmen in den letzten Jahren. Im Durchschnitt erhöhten sich die Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 von rund 5 % auf ungefähr 7 % des Jahresumsatzes. Ökonometrischen Schätzungen zufolge bremste der gestiegene Regulierungsaufwand die Produktivitätsentwicklung im Unternehmenssektor spürbar. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Bürokratie vor allem bei kleineren Unternehmen einen Teil der Arbeitskapazität bindet und dadurch umsatzwirksame Tätigkeiten verdrängt.
Die Umfrage ermittelt neben den bezifferbaren Bürokratiekosten auch qualitativ die Bürokratielasten in einzelnen Bereichen. Die größten und am stärksten gestiegenen Lasten meldeten die Unternehmen bei i) der Steuer- und Finanzberichterstattung, ii) den Datenschutz- und Privatsphärenvorschriften, iii) dem Arbeitsrecht und der Beschäftigungsregulierung sowie iv) dem Umweltrecht. Dabei stiegen die Bürokratiekosten in allen Branchen deutlich. In der Finanzindustrie stieg der Anteil der Bürokratiekosten am Umsatz von hohem Niveau aus weiter stark. Auch im Verarbeitenden Gewerbe wuchs er kräftig.
Dieser breit gefächerte Anstieg könnte damit zusammenhängen, dass einige neue Vorschriften recht tief in grundlegende betriebliche Abläufe eingreifen. Zwar könnten einige dieser Vorgaben vor allem vorübergehende Umstellungskosten verursachen. Internationale Erhebungen zeigen jedoch, dass bürokratische Vorschriften in Deutschland im europäischen Vergleich besonders viele Unternehmen belasten. Dazu könnte beitragen, dass Unternehmen und Verwaltung in Deutschland bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich hinterherhinken. Dies macht es aufwendiger, neue regulatorische Vorgaben umzusetzen. Darüber hinaus legt die Analyse nahe, dass die in Deutschland besonders ausgeprägten strukturellen Herausforderungen – wie der Fachkräftemangel oder der gestiegene Wettbewerbsdruck – die Belastungswirkung regulatorischer Vorgaben zusätzlich verstärkten. Mit Blick auf die laufenden Reformanstrengungen der Bundesregierung könnten sich daher Synergien daraus ergeben, dass zusätzlich zum Bürokratieabbau die Digitalisierung Fortschritte macht und Strukturreformen laufen. Sie könnten nicht nur jeweils direkt das Wirtschaftswachstum stärken, sondern auch die Belastungswirkung, die von der bestehenden Regulierung ausgeht, verringern.
Die Umfrage ermöglicht keine Rückschlüsse, inwieweit die Regulierung, die hinter den erfassten Bürokratielasten steht, angemessen ist. Insgesamt zeigt sie jedoch, dass der Bürokratieabbau Unternehmen deutlich entlasten könnte. Die Politik hat diesen Handlungsbedarf erkannt und ist mit den angestoßenen Modernisierungsvorhaben auf dem richtigen Weg. Nun geht es darum, dass die Maßnahmen zügig und umfassend umgesetzt werden.
1 Regulierung mit wichtigen Funktionen, aber auch Bürokratieaufwand
Regulatorische Vorgaben erfüllen wichtige gesellschaftliche Funktionen. Sie begrenzen Marktversagen und schützen etwa Umwelt, Gesundheit und Verbraucherinteressen. Zudem unterstützen sie zentrale Transformationsprozesse, wie den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Auch Erfahrungen aus der Finanzkrise zeigen, dass unzureichende Regulierung erhebliche Risiken bergen kann. Gleichzeitig können Vorschriften die wirtschaftliche Aktivität über Gebühr hemmen, etwa wenn die Regelungsdichte sehr hoch ist, die Erfüllung unnötig aufwendig ist oder Vorschriften schlecht aufeinander abgestimmt sind. Dabei lässt sich nicht eindeutig bestimmen, ab wann Regulierung in eine übermäßige Belastung übergeht. Entscheidend ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gesellschaftlichem Nutzen und möglichst geringer Belastung für Unternehmen, private Haushalte und öffentliche Verwaltung.
Die bürokratischen Belastungen von Unternehmen in Deutschland sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Umfragen verschiedener Institutionen belegen diese Entwicklung. Repräsentative Erhebungen der Bundesbank zeigen, dass seit 2022 immer mehr Unternehmen Bürokratie als drängendes Problem benennen. Zuletzt gaben dies knapp 70% an, während es 2022 noch 45% gewesen waren. Damit stellen die staatlichen Vorschriften inzwischen mehr Unternehmen vor Probleme als der Fachkräftemangel oder die hohen Produktions- und Arbeitskosten. Die Europäische Investitionsbank erhebt regelmäßig Investitionshemmnisse bei Unternehmen. Seit 2022 zeigen die Ergebnisse, dass regulatorische Vorgaben Investitionen in Deutschland zunehmend bremsen. Daten des Normenkontrollrats stützen diesen Befund. Sie zeigen, dass der Erfüllungsaufwand seit 2022 insbesondere für die Wirtschaft deutlich gestiegen ist. 1
Studien legen erhebliche gesamtwirtschaftliche Kosten aufgrund von staatlichen Vorschriften in Deutschland nahe. 2 Laut Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2025) beliefen sich die durch Informationspflichten verursachten Kosten in Deutschland 2024 auf 193Mrd€. Eine IAB‑Studie berichtet, dass zwischen 2022 und 2025 jeder zehnte Betrieb zusätzliches Personal eingestellt hatte, um gesetzliche Vorgaben und Dokumentationspflichten zu erfüllen. 3 Unternehmen im KfW-Mittelstandspanel berichten zudem, dass ihre Beschäftigten im Durchschnitt 7% ihrer Arbeitszeit mit bürokratischen Prozessen verbringen, die durch staatliche Vorschriften ausgelöst werden. 4
Die vorliegende Analyse untersucht das Ausmaß und die Ursachen steigender regulatorischer Belastungen sowie die Auswirkungen auf Unternehmen. Dazu wurden rund 7 000 Unternehmen im dritten Quartal 2025 im Rahmen der Bundesbank-Unternehmensstudie (BOP‑F) befragt. 5 Die Antworten geben Hinweise darauf, in welchen Bereichen sich die bürokratischen Belastungen besonders erhöhten und welche Unternehmen besonders betroffen sind. Damit eröffnen sie einen detaillierteren Blick auf die Ursprünge und Verteilung der bürokratischen Lasten. Zudem liefern sie Informationen zu den mit den zusätzlichen Belastungen verbundenen Kostensteigerungen. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf die Ursachen und das Ausmaß der gestiegenen Bürokratiekosten ziehen.
Die hier genutzte Erhebung erfasst den Erfüllungsaufwand, der durch die Befolgung von staatlichen Vorschriften für Unternehmen entsteht. 6 Dazu zählen Dokumentations-, Aufbewahrungs- und Informationspflichten sowie Melde- und Nachweispflichten gegenüber Behörden. Auch die Auslegung und Anwendung von Gesetzen sowie Antrags-, Planungs- und Genehmigungsverfahren werden einbezogen. Unmittelbare Kosten durch staatliche Vorschriften, etwa durch Mindestlohnregelungen oder die CO₂-Bepreisung, bleiben unberücksichtigt. Der Aufwand umfasst die erforderlichen Personal-, Sach- und Dienstleistungskosten. Zudem werden Investitionen berücksichtigt, die neue Vorgaben erfordern. Im Folgenden werden die Begriffe Erfüllungsaufwand und Bürokratiekosten weitgehend synonym verwendet.
Die Ergebnisse lassen keine Aussage darüber zu, ob die erfassten Bürokratielasten auf eine übermäßige Regulierung zurückzuführen sind. Die Befragung erfasst den mit staatlichen Vorgaben verbundenen Aufwand. Aussagen über deren gesellschaftlichen Nutzen oder Notwendigkeit lassen sich daraus nicht ableiten.
2 Bürokratie erheblicher Kostenfaktor für Unternehmen
Da sich Bürokratiekosten nur schwer messen lassen, können Unternehmensumfragen wertvolle Erkenntnisse liefern. Sie ermöglichen einen direkten Einblick in die von den Unternehmen getragenen Kosten. In der BOP‑F-Umfrage wurden die Unternehmen gebeten, die durch staatliche Vorgaben verursachten Kosten für 2022 und 2024 als Anteil ihres jeweiligen Jahresumsatzes anzugeben. Die quantitativen Angaben unterliegen jedoch gewissen Unsicherheiten. Sie können beispielsweise durch vereinfachte Schätzungen, unterschiedliche Begriffsauffassungen oder subjektive Einschätzungen verzerrt werden. So können beispielsweise aktuelle Ereignisse oder eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit die Wahrnehmung einzelner Belastungen beeinflussen.
Die Bürokratiekosten in Relation zum Jahresumsatz der Unternehmen erhöhten sich im Durchschnitt seit 2022 erheblich. Während 2022 die Bürokratiekosten im Mittel rund 5% des Umsatzes ausmachten, waren es 2024 ungefähr 7%. Dies entspricht einem Anstieg von fast 50 %.
Bei kleinen Unternehmen sind die Bürokratiekosten relativ zum Umsatz besonders hoch. 7 Zwar sind kleinere Unternehmen von manchen Vorschriften ausgenommen oder unterliegen vereinfachten Regelungen. 8 Doch wenn sie angesprochen sind, verursachen die für sie geltenden staatlichen Vorschriften oft vergleichsweise hohe Kosten. Eine Ursache dürfte sein, dass der Aufwand, den die Erfüllung und Dokumentation von Vorschriften verursachen, häufig nicht von der Unternehmensgröße abhängt. Kleinere Unternehmen sind dann überproportional von solchen Fixkosten betroffen. 9 In den niedrigeren Umsatzklassen steht also bereits ein moderater fixer Erfüllungsaufwand in einem recht ungünstigen Verhältnis zum Umsatz.
Die Bürokratiekosten sind im Verhältnis zum Umsatz in den letzten Jahren in allen Unternehmensgrößenklassen gestiegen. Bei kleinen Unternehmen nahm die Quote im Durchschnitt um etwas weniger als die Hälfte zu und damit ähnlich stark wie im Durchschnitt aller Unternehmen. Bei mittleren Unternehmen war der Anstieg überdurchschnittlich, während er bei großen Unternehmen geringer ausfiel.
In allen Branchen sind die Bürokratiekosten deutlich gestiegen. 10 Besonders deutliche Anstiege verzeichnete die Finanzindustrie. Sie bleibt damit der Sektor mit den höchsten Bürokratiekosten im Verhältnis zum Umsatz. Dies dürfte unter anderem mit den umfangreichen Berichtspflichten vonFinanzunternehmen zusammenhängen, die in den letzten Jahren erneut angepasst wurden. Im Verarbeitenden Gewerbe bliebendie Bürokratiekosten im Verhältnis zum Umsatz zwar vergleichsweise gering. Allerdings erhöhte sich dort diese Quote in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte. Damit fiel das Wachstum stärker aus als in den anderen Sektoren. Da Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes besonders stark im internationalen Wettbewerb stehen, könnte dies die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft belastet haben. 11
Der deutliche und breit angelegte Anstieg der Bürokratiekosten über Branchen und Größenklassen könnte damit zusammenhängen, dass einige neue Vorschriften recht tief in grundsätzliche betriebliche Abläufe eingreifen. Dadurch könnten auch einige wenige zusätzliche Vorschriften hohe Umsetzungskosten verursachen. Dies könnten Vorgaben zu digitalen Prozessen (zum Beispiel Aufwand bei der Einführung elektronischer Rechnungsstellung für die Umsatzsteuer), zur IT‑Sicherheit (zum BeispielNIS2‑Richtlinie 12 oder DORA 13 ) sowie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (zum BeispielCSRD 14 oder Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz 15 ) sein. Diese Vorgaben erfordern häufig Anpassungen von IT‑Systemen, internen Kontrollprozessen und unternehmensweiten Dokumentations- und Berichtspflichten. 16
Die Vorgaben verfolgen für sich genommen nachvollziehbare Ziele. Sie gehen teilweise bestehende Nachholbedarfe in Unternehmen an oder veränderte wirtschaftliche und technologische Rahmenbedingungen, etwa bei der Digitalisierung von Prozessen oder der IT‑Sicherheit. 17 Ein Teil des mit ihnen verbundenen Aufwands dürfte vorübergehend sein. 18 Zudem dürften digitale Verfahren nach der Umstellung Prozesse vereinfachen und Unternehmen perspektivisch entlasten. In der Summe kann es gleichwohl zu erheblichen, teilweise vorübergehenden, Zusatzbelastungen für die Unternehmen kommen.
3 Bereiche mit gestiegenem Erfüllungsaufwand
Die Unternehmensbefragungen können Hinweise darauf liefern, in welchen Regulierungsbereichen die Bürokratielasten besonders hoch sind und besonders stark zugenommen haben. Die Unternehmen wurden dazu befragt, wie sich der Aufwand zur Erfüllung verschiedener staatlicher Vorgaben seit Anfang 2022 veränderte und welche Regulierungsbereiche derzeit den höchsten Aufwand verursachen. Die Angaben zu den Bürokratiekosten im Verhältnis zum Umsatz lassen sich allerdings nicht ohne Weiteres auf die einzelnen Regulierungsbereiche herunterbrechen. In diesem Fall liegen lediglich Angaben zur Größenordnung des Aufwands vor.
Die Bürokratielasten stiegen am stärksten in den Bereichen Steuer- und Finanzberichterstattung, Arbeitsrecht und Beschäftigungsregulierung, Umweltschutz sowie Datenschutz- und Privatsphärenvorschriften. Unternehmen zählen diese Bereiche zudem besonders häufig zu den drei aufwendigsten Regulierungsfeldern.
In der Finanzbranche stiegen die Regulierungsbelastungen in den verschiedenen Bereichen besonders kräftig. Dies gilt vor allem für die Steuer- und Finanzberichterstattungen sowie die Datenschutzvorschriften. Dazu dürften unter anderem ausgeweitete ESG‑Vorgaben (Environmental, Social and Corporate Governance) und verschärfte Anforderungen zur digitalen und operativen Resilienz sowie zusätzliche Melde-, Offenlegungs- und Compliancepflichten beigetragen haben. 19 Vorgaben zur digitalen Resilienz dürften auch Unternehmen der IKT‑Branche überdurchschnittlich betreffen.
Wie zu erwarten, spüren insbesondere Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe einen erhöhten Regulierungsaufwand im Bereich der Ex- und Importvorschriften. 20 Dazu dürfte das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz beigetragen haben. 21 Zudem fällt auf, dass Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in fast allen Bereichen überdurchschnittlich oft einen gestiegenen Erfüllungsaufwand melden. 22 Zusätzliche Umweltvorschriften belasten vor allen die Landwirtschaft und das Baugewerbe.
Mithilfe ökonometrischer Schätzungen lassen sich die insgesamt gestiegenen Bürokratiekosten mit den Aufwandsanstiegen in den einzelnen Bereichen verbinden. Demnach gingen die (im Verhältnis zum Umsatz) höherenBürokratiekosten tendenziell mit stärkerer Regulierung in den Bereichen Steuer- und Finanzberichterstattung sowie Import- und Exportberichterstattung einher. 23 Dies deutet daraufhin, dass diese Bereiche eine besondere Rolle für den Anstieg der Bürokratiekosten spielten.
4 Regulierungsbelastung im internationalen Vergleich
Im internationalen Vergleich berichten Unternehmen in Deutschland besonders häufig von bürokratischen Belastungen. Dies zeigen Umfragen der Europäischen Investitionsbank (EIB) sowie des Verbandes der europäischen Industrie- und Handelskammern (Eurochambers). 24 Trotz einiger Unterschiede in Methodik und Definition zeigen sie übereinstimmend, dass die regulatorischen Belastungen in Deutschland in den vergangenen Jahren gestiegen und im europäischen Vergleich hoch sind.
Gold-Plating kann den Erfüllungsaufwand in Deutschland zusätzlich erhöhen.Gold-Plating bedeutet hier, dass einzelne EU‑Richtlinien strenger, früher oder komplexer umgesetzt werden, als es die Richtlinie vorsieht. Ein Beispiel ist das NIS‑2-Umsetzungs- und Cybersicherheitsstärkungsgesetz (NIS2UmsuCG). Die Umsetzung in Deutschland sieht strengere Vorgaben vor, zum Beispiel einen weiter gefassten Kreis von Unternehmen. 25 Auch der Normenkontrollrat weist regelmäßig daraufhin, dass bei der Umsetzung von EU‑Recht auf Gold-Plating verzichtet werden sollte. 26 Dass auch EU‑Normen für den gestiegenen bürokratischen Aufwand eine Rollespielen, legendie Erhebungen von Eurochambers nahe. Demnach sind die Bürokratielasten in vielen EU‑Ländern in den vergangenen Jahren für mehr Unternehmen herausfordernd geworden. 27
5 Potenziale im Zusammenspiel mit anderen Reformbereichen
Digitalisierung kann helfen, die Bürokratiekosten zu senken. Regulierung verfolgt oft Ziele, wie etwa Umwelt- oder Sozialstandards, die sich einer rein ökonomischen Kosten-Nutzen-Analyse entziehen. Ein Abbau von Regulierung und damit geringere wirtschaftliche Kosten sind dann gegen mögliche Abstriche bei diesen Zielen abzuwägen. Darüber hinaus lassen sich bei gegebener Regulierungsintensität Bürokratiekosten verringen, wenn beispielsweise durch Prozessanpassungen der Erfüllungsaufwand gesenkt werden kann. 28 Die Digitalisierung in Verwaltung und bei den Unternehmen bietet häufig vielversprechende Ansatzpunkte, etwa durch automatisierte digitale Prozesse und Formulare.
Deutschland hinkt anderen EU‑Ländern bei der Digitalisierung in den Unternehmen und der Verwaltung hinterher, was den Erfüllungsaufwand im Vergleich zu anderen Ländern erhöhen kann. Laut dem Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) der Europäischen Kommission belegt Deutschland bei vielen Indikatoren zum Stand der Digitalisierung im europäischen Vergleich hintere Plätze. Dies gilt insbesondere für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Aber auch bei der digitalen Infrastruktur und digitaler Anwendungen von Unternehmen schneidet Deutschland teilweise schlecht ab. Dabei können digitale Prozesse den regulatorischen Aufwand beispielsweise aufgrund automatisierter Erfassungen erheblich begrenzen. Gleichzeitig kann ein Rückstand selbst zusätzlichen Anpassungsbedarf auslösen. Ein Beispiel für vorübergehende Zusatzbelastung zugunsten von mittelfristigen Verbesserungen ist die stufenweise Einführung der E-Rechnung ab 2025. Bei der Nutzung von E-Rechnungen gehörten deutsche Unternehmen 2023 gemäß DESI zu den Schlusslichtern in der EU. 29 Unternehmen müssen für die Umstellung auf E-Rechnungen teilweise ihre IT‑Systeme und Prozesse anpassen. Dies kann zunächst zu Umstellungskosten und organisatorischem Aufwand in den Unternehmen führen. Dabei dürfte es sich allerdings größtenteils um einen einmaligen Aufwand handeln. Mittelfristig dürfte die Einführung digitaler Prozesse entlasten.
Ökonometrische Schätzungen deuten zudem darauf hin, dass Bürokratie bei großen strukturellen Herausforderungen wie Fachkräftemangel und steigendem internationalen Wettbewerbsdruck besonders stark belastet.Die Schätzungen lassen erkennen, wie stark Bürokratiekosten mit den Belastungen jeweils durch Produktions-/Arbeitskosten, Wettbewerbsdruck und Fachkräftemangel zusammenhängen (siehe Exkurs „Der empirische Zusammenhang zwischen Bürokratiekosten und anderen Standortfaktoren“). Demnach waren die Kosten für die Erfüllung bürokratischer Vorgaben 2024 bei denjenigen Unternehmen höher, die größeren Druck durch Produktions- und Arbeitskosten angaben. Auch intensiver Wettbewerbsdruck oder starker Fachkräftemangel können dazu beitragen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass steigende Bürokratiekosten nicht allein auf neue regulatorische Vorgaben zurückzuführen sein müssen. Auch unveränderte Vorschriften können höhere Kosten verursachen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern. Höherer Lohnkostendruck kann beispielsweise dazu führen, dass für dieselben Dokumentations-, Berichts- oder Nachweispflichten mehr Personalkosten anfallen. Zugleich können vergleichbare Bürokratiekosten Unternehmen in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld stärker belasten, etwa weil der Spielraum zur Weitergabe dieser Kosten schwindet.
Die Ergebnisse sprechen dafür, die Wechselwirkungen zwischen Bürokratie und anderen Standortfaktoren bei der Einschätzung der Reformgewinne stärker zu berücksichtigen. Fortschritte bei der Digitalisierung oder eine Verringerung struktureller Probleme könnten nicht nur das Wirtschaftswachstum direkt erhöhen, sondern auch die Belastungen bestehender Regulierung verringern. Die gesamtwirtschaftlichen Effekte solcher Reformen dürften daher größer ausfallen als bei einer isolierten Betrachtung.
Exkurs
Der empirische Zusammenhang zwischen Bürokratiekosten und anderen Standortfaktoren
Der Zusammenhang zwischen Bürokratiekosten und anderen Standortfaktoren lässt sich anhand von Unternehmensangaben aus der Bundesbank-Unternehmensbefragung BOP‑F untersuchen. Grundlage sind die Daten aus der Befragung im dritten Quartal 2025. Die Unternehmen geben darin an, wie hoch ihre Kosten für die Erfüllung bürokratischer Vorgaben im Jahr 2024 in Prozent ihres Jahresumsatzes waren. Darüber hinaus bewerten sie verschiedene wirtschaftliche Herausforderungen mit Blick auf die kommenden sechs Monate. Die Analyse konzentriert sich auf drei strukturelle Herausforderungen: hohe Produktions- und Arbeitskosten, starken Wettbewerbsdruck sowie Fachkräftemangel. Für jeden dieser Faktoren wird erfasst, ob das Unternehmen ihn als drängendes oder äußerst drängendes Problem einstuft oder nur ein geringes oder kein großes Problem vorliegt.
Der empirische Ansatz vergleicht die Bürokratiekosten von Unternehmen, die eine bestimmte Herausforderung mindestens als drängend wahrnehmen, mit den Bürokratiekosten anderer Unternehmen. Die Schätzung erfolgt auf Unternehmensebene, wobei Unterschiede zwischen Wirtschaftszweigen und Unternehmensgrößenklassen berücksichtigt werden. Dadurch bezieht sich der Vergleich auf Unternehmen innerhalb derselben Branche und Größenklasse. 1
Dabei bezeichnet \( Regulierungskosten_{i2024} \) den Bürokratieaufwand von Unternehmen \( i \) im Verhältnis zum Jahresumsatz 2024. \( Herausforderungen_i \) ist eine Dummy-Variable, die den Wert eins annimmt, wenn das Unternehmen das jeweilige weitere strukturelle Wachstumshemmnis als drängendes Problem für die kommenden sechs Monate einstuft, und ansonsten den Wert null. \( \lambda_s \) und \( \delta_g \) (fixe Sektor- beziehungsweise Größenklassen-Effekte) berücksichtigen sonstige systematische – nicht unternehmensspezifische – Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen beziehungsweise den Größenklassen der Unternehmen. \( \varepsilon_{it} \) ist der Störterm. Der Koeffizient \( \beta \) gibt an, um wie viele Prozentpunkte sich die durchschnittlichen Bürokratiekosten im Verhältnis zum Umsatz zwischen zwei Unternehmen unterscheiden, wenn eines die jeweilige Herausforderung als besonders drängend wahrnimmt und das andere nicht. Ein positiver Koeffizient bedeutet beispielsweise, dass Unternehmen mit Fachkräftemangel als drängendem Problem im Durchschnitt im Verhältnis zu ihrem Umsatz mehr für die Erfüllung bürokratischer Vorgaben aufwenden als Unternehmen, die den Fachkräftemangel nicht als besonders problematisch einstufen. 2
Laut den Ergebnissen gehen höhere Bürokratiekosten mit größeren Problemen bei den anderen drei Standortfaktoren einher. Unternehmen, die hohe Produktions- und Arbeitskosten als drängendes Problem wahrnehmen, berichten für 2024 im Durchschnitt von einem um 1,6 Prozentpunkte höheren Bürokratiekosten-Umsatz-Verhältnis als Unternehmen, die darin kein besonders drängendes Problem sehen. Richtungsmäßig gilt das auch für Unternehmen, die einem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind oder den Fachkräftemangel als besonders drängend einstufen. 3 Die Ergebnisse sind allerdings nicht kausal zu interpretieren. Beispielsweise könnte eine allgemein angespannte wirtschaftliche Lage sowohl dazu führen, dass Unternehmen höhere Bürokratiekosten haben, als auch dazu, dass sie die Standortbedingungen kritischer bewerten. Der beobachtete Zusammenhang muss daher nicht bedeuten, dass die jeweiligen Standortherausforderungen selbst die höheren Bürokratiekosten verursachen.
Bürokratiekosten sollten also nicht unabhängig von den anderen strukturellen Wachstumshemmnissen betrachtet werden. Verschlechtern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, können bestehende regulatorische Vorgaben für Unternehmen kostspieliger und belastender werden, auch ohne neue Vorschriften. Umgekehrt könnten Reformen, die beispielsweise den Digitalisierungsgrad oder allgemeine Standortbedingungen verbessern, nicht nur unmittelbar die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit stärken, sondern auch die Bürokratiekosten senken.
6 Wirkung gestiegener Bürokratie auf Investitionen, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität der Unternehmen
Die Wachstumseffekte von Regulierung sind aus konzeptioneller Sicht unbestimmt. Regulierung hat zwar vielfach außerökonomische Ziele, ist aber auch ein integraler Bestandteil einer Marktwirtschaft. Sie dient etwa dazu, Märkte effizient zu organisieren, ausreichenden und fairen Wettbewerb zu gewährleisten oder externen Effekten wirtschaftlichen Handelns Rechnung zu tragen. Damit fördert sienachhaltiges Wachstum.
Gleichzeitig beeinträchtigt übermäßige Bürokratie die gesamtwirtschaftlichen Investitionen, Wettbewerbsfähigkeit und BIP‑Wachstum. Eine ifo-Unternehmensbefragung von 2023 zeigt, dass in Deutschland die Regulierungsdichte die gewerblichen Investitionen deutlich stärker als Fachkräftemangel oder gestiegene Energiepreise bremste. 30 Zudem stellt Bürokratie seit einigen Jahren ein zentrales Hemmnis für Unternehmensgründungen dar und schwächt damit die Innovationstätigkeit. 31 Im KfW-Mittelstandspanel nannten Unternehmen Bürokratie 2023 und 2024 zudem als mit Abstand größtes Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit. 32 Unter Berücksichtigung solcher indirekter Effekte schätzt das ifoInstitut die jährlich entgangene Wirtschaftsleistung infolge des in Deutschland vergleichsweise hohen Bürokratieaufwands auf 146Mrd €. 33 Dies entspricht mehr als 3% des deutschen BIP.
Die empirische Literatur deutet darauf hin, dass steigende Bürokratiekosten die Produktivität von Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen mindern. 34 Dahinter stehen vor allem die Ressourcen, die Unternehmen für die Einhaltung regulatorischer Vorgaben einsetzen müssen. 35 Die Einhaltung bindet Arbeitszeit, Managementkapazitäten und qualifiziertes Personal. Diese Ressourcen stehen dann für Produktion, Vertrieb, Innovation und Markterschließung nicht mehr im gleichen Umfang zur Verfügung. 36 Viele Vorgaben verursachen zudem Kosten, die zunächst unabhängig von der Unternehmensgröße anfallen, etwa für die Anpassung von Prozessen und IT‑Systemen oder für Rechts- und Beratungsleistungen. 37 Komplexe oder unklare Regeln können außerdem Investitionen verzögern und betriebliche Anpassungen erschweren. Wenn dies Markteintritte neuer Unternehmen und Expansionen kleinerer Unternehmen hemmt, kann das den Wettbewerb in einem Marktsegment beeinträchtigen. Dann fällt die Ressourcenverschiebung hin zu innovativeren oder produktiveren Unternehmen schwächer aus. Dies kann das Wachstum von Produktivität und Wirtschaftsleistung zusätzlich dämpften. 38
Ökonometrische Schätzungen auf Basis der BOP‑F-Unternehmensangaben zeigen, dass steigende Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 mit einem geringeren Produktivitätswachstum bei deutschen Unternehmen einhergingen. Auf Basis der hier ausgewerteten Daten kann der Einfluss steigender Bürokratielasten auf die Produktivität der Unternehmen in Deutschland untersucht werden. 39 Ein Differenz-in-Differenzen-Ansatz zeigt, dass sich der Umsatz je Beschäftigten (als Maß für die Produktivität) bei Unternehmen mit stärker gestiegenen Bürokratiekosten schwächer als bei den übrigen entwickelte (siehe Exkurs „Der empirische Zusammenhang zwischen Bürokratiekosten und Produktivität deutscher Unternehmen“). Stiegen die Bürokratiekosten relativ zum Umsatz um 1 Prozentpunkt, sank der Umsatz je Beschäftigten im Mittel um rund 3%. Statistisch signifikant lässt sich dieser Zusammenhang jedoch nur für kleine Unternehmen nachweisen. Da diese nur einen begrenzten Anteil an der Gesamtbeschäftigung stellen, fällt der gesamtwirtschaftliche Beitrag geringer aus als der geschätzte Unternehmenseffekt vermuten lässt.
Eine überschlägige Hochrechnung ergibt, dass die gestiegenen Bürokratiekosten das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum zwischen 2022 und 2024 um rund ½ Prozentpunkt schmälerten.Dies beruht darauf, den geschätzten Effekt für kleine Unternehmen mit deren Beschäftigungsanteil zu gewichten.Angesichts der ohnehin schwachen Produktivitätsentwicklung der vergangenen Jahre ist dieser Beitrag nennenswert.Der geschätzte Effekt geht vor allem auf geringere Umsätze zurück, während der Effekt auf die Beschäftigung statistisch nicht signifikant ist. Das spricht dafür, dass Bürokratie einen Teil der Arbeitskapazität bindet und dadurch umsatzwirksame Tätigkeiten verdrängt.
Exkurs
Der empirische Zusammenhang zwischen Bürokratiekosten und Produktivität deutscher Unternehmen
Die Wirkung gestiegener Bürokratiekosten auf die Produktivität lässt sich mit Angaben von Unternehmen aus der Bundesbank-Unternehmensbefragung BOP‑F abschätzen. Die Angaben zu den Bürokratiekosten stammen aus der Befragung im dritten Quartal 2025. Sie beziehen sich auf die Jahre 2022 und 2024 und werden jeweils in Prozent des Umsatzes gemessen. Für jedes Unternehmen wird zunächst berechnet, wie stark sich diese berichtete Belastung zwischen beiden Jahren verändert hat. Anschließend wird diese Veränderung mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität verknüpft. Als Maß für die Arbeitsproduktivität dient mangels Informationen zur Wertschöpfung oder Produktion der Umsatz je Beschäftigten. Die dafür nötigen Angaben zu Umsatz und Beschäftigung stammen für 2022 aus den Befragungswellen des Jahres 2023 und für 2024 aus der Befragung im dritten Quartal 2025. Berücksichtigt werden daher nur Unternehmen, die sowohl im Jahr 2023 als auch im dritten Quartal 2025 an der Befragung teilgenommen haben. 1
Der empirische Ansatz vergleicht die Produktivitätsentwicklung der Unternehmen danach, wie stark ihre Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 gestiegen sind. 2 Die Schätzung erfolgt auf Unternehmensebene mit Beobachtungen für 2022 und 2024. Für jedes Unternehmen gehen damit zwei Beobachtungen in die Auswertung ein. Fixe Unternehmenseffekte berücksichtigen zeitlich unveränderte Unterschiede zwischen den Unternehmen. Dazu zählen etwa Unterschiede im Geschäftsmodell, in der Kapitalausstattung oder in der Managementqualität. Fixe Jahreseffekte erfassen gesamtwirtschaftliche Entwicklungen, die alle Unternehmen betreffen. Die Schätzgleichung lautet:
$$ ln(P_{it})=α_i+λ_t+βB_{it}+ε_{it} $$
Dabei bezeichnet\( P_{it} \)den Umsatz je Beschäftigten von Unternehmen\( i \)im Jahr\( t \). \( B_{it} \)misst die Bürokratiekosten in Prozent des Umsatzes.\( \alpha_i \)steht für fixe Unternehmenseffekte.\( \lambda_t \)bezeichnet fixe Jahreseffekte.\( \varepsilon_{it} \)ist der Störterm. Der Koeffizient\( \beta \)gibt an, wie sich der Umsatz je Beschäftigten verändert, wenn die Bürokratiekosten um 1 Prozentpunkt des Umsatzes steigen. Da die abhängige Variable logarithmiert ist, lässt sich\( \beta \)näherungsweise als prozentuale Veränderung des Umsatzes je Beschäftigten interpretieren. In erweiterten Spezifikationen wird die Gleichung um Branchen-Jahr- und Bundesland-Jahr-Effekte ergänzt. Dadurch lassen sich unterschiedliche Entwicklungen zwischen Branchen oder Regionen berücksichtigen, etwa infolge unterschiedlicher Preis- oder Nachfrageentwicklungen.
Die Schätzung beruht auf der Annahme, dass Unternehmen mit unterschiedlich stark gestiegenen Bürokratiekosten ohne diesen Anstieg eine ähnliche Produktivitätsentwicklung gehabt hätten. Unternehmen, die von einem stärkeren Anstieg der Bürokratiekosten berichten, sollten also nicht bereits zuvor einem anderen Produktivitätstrend gefolgt sein. Ebenso sollte der spätere Anstieg der Bürokratiekosten die Produktivität nicht schon vor dem betrachteten Zeitraum beeinflusst haben. Diese Annahmen lassen sich nicht direkt überprüfen. Ein üblicher Plausibilitätstest für diesen Ansatz ist ein Placebo-Test für einen früheren Zeitraum. Dazu wird geschätzt, ob der spätere Anstieg der Bürokratiekosten bereits mit der Produktivitätsentwicklung zwischen 2021 und 2022 zusammenhing. Für diesen Zeitraum zeigt sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang. Dies spricht dagegen, dass bereits zuvor bestehende Unterschiede in den Produktivitätstrends das Ergebnis wesentlich beeinflussen.
Die Schätzung zeigt, dass der Umsatz je Beschäftigten im Mittel um rund 3 % sank, wenn Bürokratiekosten (relativ zum Umsatz) um 1 Prozentpunkt stiegen. Das Hauptergebnis besteht auch in Spezifikationen mit zusätzlichen fixen Effekten auf Ebene von Branche und Jahr sowie Bundesland und Jahr. Ergänzend wird geprüft, ob sich der Zusammenhang nach Unternehmensmerkmalen unterscheidet. Dazu wird die Variable für die Bürokratiekosten\( B_{it} \)mit dem jeweiligen zeitunveränderlichen Unternehmensmerkmal\( K_i \) (wie Unternehmensgröße) interagiert. Der Koeffizient des Interaktionsterms zeigt, ob der Zusammenhang für diese Unternehmensgruppe stärker oder schwächer ausfällt. Für kleine Unternehmen, also Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als 10 Mio€, ist der geschätzte Zusammenhang besonders deutlich. Eine getrennte Betrachtung von Umsatz und Beschäftigung zeigt zudem, dass der Rückgang der Arbeitsproduktivität vor allem auf geringere Umsätze zurückgeht. Die Zahl der Beschäftigten bleibt dagegen weitgehend unverändert.
Tabelle 4.1: Einfluss steigender Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 auf das Produktivitätswachstum deutscher Unternehmen
Variable
(1) Hauptspezifikation
(2) Placebo
(3) Heterogenität (Firmengröße)
Bürokratiekosten
– 0,031** (0,013)
0,015 (0,013)
–
Groß_Mittel × Bürokratiekosten
–
–
– 0,004 (0,032)
Klein × Bürokratiekosten
–
–
– 0,033*** (0,013)
Beobachtungen
2 434
2 434
2 434
Kontrollvariablen
Fixe Unternehmens- und Jahreseffekte
Fixe Unternehmens- und Jahreseffekte
Fixe Unternehmens- und Jahreseffekte
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der BOP‑F-Umfrage 2025, 3. Vj. Standardfehler in Klammern. * p < 0,10; ** p < 0,05; *** p < 0,01.
7 Wirtschaftspolitisches Fazit
Die Bürokratiekosten für Unternehmen sind hoch und in den letzten Jahren stark gestiegen. Im Durchschnitt stiegen sie im Verhältnis zum Jahresumsatz der Unternehmen in Deutschland zwischen 2022 und 2024 von rund 5 % auf ungefähr 7 %. Zudem zeigt die Analyse, dass Bürokratielasten die Produktivität der Unternehmen beeinträchtigen.
Der deutliche und breit angelegte Kostenanstieg über Branchen und Größenklassen hinweg könnte damit zusammenhängen, dass einige neue Vorschriften tief in grundlegende betriebliche Abläufe eingreifen. Die größten und am stärksten gestiegenen Belastungen bestehen in den Bereichen Steuer- und Finanzberichterstattung, Arbeitsrecht und Beschäftigungsregulierung, Umweltschutz sowie Datenschutz und Privatsphäre.
Internationale Erhebungen zeigen zudem, dass Unternehmen in Deutschland in den letzten Jahren besonders häufig von Regulierung belastet waren. Dazu könnten unter anderem der Nachholbedarf bei der Digitalisierung sowie teilweise auch Gold-Plating bei der Umsetzung von EU‑Vorgaben in nationales Recht beigetragen haben.
Darüber hinaus legt die Analyse nahe, dass weitere, drängende strukturelle Herausforderungen in Deutschland die Belastungswirkung regulatorischer Vorgaben zusätzlich verstärkten. Das bedeutet, dass Reformen, die beispielsweise den Digitalisierungsgrad oder allgemeine Standortbedingungen verbessern, nicht nur unmittelbar die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit stärken, sondern auch die Bürokratiekosten senken.
Neue regulatorische Vorgaben erhöhen nicht zwingend die Bürokratiekosten. Sie reagieren oft auf veränderte Anforderungen, etwa bei Digitalisierung, IT‑Sicherheit oder Nachhaltigkeit. Zudem können anfängliche Umstellungskosten später sinken, wenn Unternehmen ihre Prozesse angepasst haben. Digitale Verfahren können Abläufe nach der Einführung sogar vereinfachen und langfristig Effizienzgewinne ermöglichen. In der Summe können viele an sich sinnvolle einzelne Vorgaben allerdings die Wirtschaftsaktivität beeinträchtigen. Entscheidend ist daher, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den mit der Regulierung verfolgten Zielen und den damit verbundenen Belastungen für Unternehmen zu finden.
Bund, Länder und Kommunen haben diesen Handlungsbedarf erkannt und zielen darauf, Bürokratiekosten zu verringern. 40 Die deutschen Gebietskörperschaften haben dazu unter anderem Modernisierungsvorhaben aufgesetzt. 41 Diese enthalten eine Vielzahl ambitionierter Maßnahmen zum Bürokratieabbau und zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Gemäß dem Koalitionsausschuss von Anfang Juli 2026 sollen zudem Berichtspflichten entfallen, die nicht neu begründet werden. Insgesamt könnten mit den Vorhaben Verfahren vereinfacht und administrative Kosten gesenkt werden. Entscheidend wird sein, dass die Maßnahmen zügig und zielführend umgesetzt werden. Weitergehende Schritte wären zu empfehlen. Beispielsweise könnte der weitere Ausbau der Digitalisierung in den Bereichen der Unternehmen, Verwaltung, Infrastruktur und auch Bildung dazu beitragen, bürokratische Prozesse effizienter zu gestalten. Auch weniger Subventionen und steuerliche Spezialregeln würden Bürokratie verringern.
Boddin, D., M. Köhler und P. Smietanka (2023), Bundesbank Online Panel – Firms (BOP‑F), Deutsche Bundesbank, Research Data and Service Centre, Data Report 2023‑07.
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Weinberger, D., Y. Hahn und A. Heimich-Röcker (2024), Bürokratieentlastung dringend notwendig, Ergebnisse der BIHK‑Konjunkturumfrage, ifo Schnelldienst, 11/2024, S. 33 f.